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Michael Martens Die Brücke über den Ibar

09.09.2011 ·  Leute wie Z. können im Norden des Kosovos tun und machen, was sie wollen. Denn hier gelten noch die Gesetze der Milosevic-Zeit. Die Leute sagen: Hier ist Serbien. Weder das Kosovo noch die Kfor-Truppen können daran etwas ändern.

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Der Namensgeber des Adem-Jashari International-Airports von Prishtina war ein Bauernsohn aus dem kosovarischen Dorf Prekaz. Nachts lauerte er mit seinen Brüdern serbischen Polizisten auf, um sie zu töten. Im März 1998 befahl der Belgrader Machthaber Slobodan Milosevic einer Sondereinheit des serbischen Innenministeriums, nach Prekaz auszurücken und Jashari zu erschießen. Der verschanzte sich in dem festungsartigen Anwesen seines Clans und leistete Gegenwehr. Am Ende einer Schlacht von drei Tagen Dauer waren mehr als 50 Jasharis tot, fast der ganze Clan wurde niedergemetzelt, das Gehöft ging in Flammen auf. So wurde Adem Jashari zum Nationalhelden der Kosovo-Albaner. Als ein kosovarischer Minister unlängst gefragt wurde, ob er es für eine gute Idee halte, den Flughafen des Kosovos nach einem Freischärlerführer aus dem jüngsten Krieg zu benennen, reagierte er mit Unverständnis. In München und New York habe man schließlich ebenfalls Flughäfen nach großen Persönlichkeiten benannt.

Der Adem-Jashari International-Airport sieht so aus wie andere Flughäfen, nur kleiner und verwahrloster. Außerdem gibt es in der Ankunftsbaracke vorne rechts zwei Mietwagenfirmen, die keine Autos vermieten. Jedenfalls nicht, wenn der Kunde ein falsches Reiseziel nennt. "Nach Mitrovica? Machen wir grundsätzlich nicht", sagt die Frau bei der ersten Firma. Nebenan hat man das Gespräch gehört und winkt ebenfalls ab: "Mit kosovarischen Nummernschildern geht das nicht, das zahlt keine Versicherung. Die schlagen uns die Scheiben ein da oben."

Da oben, das ist der Norden des Kosovos. Im Norden des jüngsten Staates Europas leben Serben. Sie erkennen die kosovarische Unabhängigkeitserklärung vom Februar 2008 nicht an und wollen mit dem neuen Staat nichts zu tun haben. Haben sie auch nicht. Denn im Norden, in der Gegend zwischen der Kleinstadt Mitrovica und den Großdörfern Zvecan, Leposavic und Zubin Potok, existiert der kosovarische Staat nicht.

Dass es schließlich doch noch gelingt, ein Auto aufzutreiben, ist ein Verdienst von Herrn Duli. Visar Duli ist Sportreporter beim kosovarischen Fernsehen, und zwar der einzige, der auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen ist. Dort verbrachte seine Familie die neunziger Jahre, als auf dem Amselfeld das Milosevic-Regime wütete. Seither mag er die Deutschen und hilft ihnen, wenn sie sich ins Kosovo verirren. Er kenne da jemanden, der könne das mit dem Auto regeln, hatte Herr Duli vor sich hin geschwäbelt, als er von dem Problem hörte: "Der hat a Auto mit mazedonischr Nommer. Na fällt's koim auf." Am nächsten Morgen aber, auf einem Schotterplatz an einer Schnellstraße außerhalb des Zentrums von Prishtina, wartet eine schlechte Nachricht - das Auto mit mazedonischen Kennzeichen ist schon vermietet. Nach kurzer Beratung stellt der Bekannte von Herrn Duli schließlich doch ein Auto mit kosovarischen Nummernschildern zur Verfügung, lässt sich dafür aber ein Versprechen abnehmen: Auf der Brücke über den Ibar, der Mitrovica in einen albanischen Südteil und einen serbischen Nordteil trennt, unbedingt die Nummernschilder abschrauben und im Kofferraum verstecken! "Em Norda fahrad se sowieso alle ohne Nommraschild, da fällt des gar ned auf", versichert Herr Duli, und das klingt beruhigend.

So soll es geschehen, doch zunächst wartet Bojan Bozovic. Herr Bozovic ist Serbe, ein Journalist aus dem Norden, der es vor einigen Wochen gewagt hat, das Angebot eines albanischen Fernsehsenders aus Prishtina anzunehmen, als Korrespondent aus den serbischen Gemeinden zu berichten. Der Sender trägt den anheimelnden Namen "Klan-Kosova" und ist bei den Kosovo-Serben, zurückhaltend ausgedrückt, nicht wirklich populär. Ein Serbe als Korrespondent für "Klan-Kosova"? Das könne nicht lange gutgehen, sagten viele. Da hatten sie recht. Im Juli, als eine Sondereinheit des kosovarischen Innenministeriums bei dem Versuch, die Kontrolle über die beiden größten Grenzübergänge im Norden zu übernehmen, von lokalen Serben beschossen wurde und sich zurückziehen musste, berichtete Bozovic vom Ort des Geschehens.

An mehreren Straßen im Norden waren Barrikaden errichtet worden, um den kosovarischen Einheiten und der internationalen Kosovo-Schutztruppe Kfor den Zugang zu den Grenzübergängen zu versperren. Bozovic stand bei einer Barrikade in der Nähe von Zubin Potok, als er zusammengeschlagen wurde. Der Angreifer riss ihm seine Kamera aus den Händen und brach ihm zwei Finger. "Ich kenne den Täter, es war der Bruder des Bürgermeisters von Zubin Potok", behauptet Herr Bozovic. Beim nächsten Mal werde man ihm nicht nur die Finger brechen, habe der Angreifer gedroht. Auch Bozovics Familie wurde bedroht und ging ins Exil - in den albanischen Süden des Kosovos. Sie lebt jetzt in einer serbischen Enklave, der Familienvater hat sich ein Zimmer in einem albanischen Hotel an der Straße zwischen Mitrovica und Prishtina gemietet. Dort will er sich verstecken, bis die Lage sich beruhigt. Im menschenleeren Restaurant des Hotels spricht Bozovic dann allerdings mit einer Offenheit, als habe er jede Hoffnung auf eine Rückkehr in den Norden aufgegeben. "Um den Norden zu verstehen, muss man wissen, dass dort nicht die gewählten Politiker die Macht haben, sondern Leute wie Z.", sagt er.

Z. gilt als König der Unterwelt im Norden, aber angefangen hat er als Brückenwächter. So werden die stiernackigen jungen Männer genannt, die im serbischen Nord-Mitrovica in Krisenzeiten die Brücken über den Ibar im Blick behalten und notfalls mit rabiaten Methoden dafür sorgen, dass keine ungebetenen Besucher aus dem kosovarischen Süden in den anderen Teil der Stadt gelangen. Die Frage, ob in Mitrovica bekannt sei, wer zur Bande von Z. gehöre, belustigt Herrn Bozovic. "Natürlich weiß man das. Mitrovica ist nicht New York." So hatte man das noch nie gesehen.

"In Mitrovica kennt jeder jeden", sagt Bozovic. "Z. muss nicht einmal den Bürgermeister bestechen. Er kauft sich einfach Polizisten und Stadtverordnete. Er ist der wahre Polizeipräsident von Mitrovica - ganz egal, wer gerade offiziell auf diesem Posten sitzt." Bojan Bozovic beschreibt eine wichtige Einnahmequelle von Z., den systematischen Versicherungsbetrug, der offenbar auch mit Komplizen aus Deutschland und Österreich abläuft. Die Komplizen bringen ein Auto nach Mitrovica und melden es bei der Polizei als gestohlen. Allerdings nicht sofort, sondern erst eine Woche nachdem sie es an Z.s Leute übergeben und eine stattliche "Gebühr" dafür erhalten haben. Die Bande verkauft das Auto nicht etwa weiter, das wäre zu riskant. Sie schlachtet es aus und verkauft die Einzelteile. "Wenn die Polizei die Anzeige aufnimmt, ist das Auto längst zerlegt. Der Motor ist in Albanien, das Metall auf einem Schrottplatz bei Prishtina, das Radio bei einem Händler in Südserbien, die Reifen und die Sitzgarnitur in Mazedonien. Da macht jeder seinen Schnitt", sagt Bozovic.

Noch einträglicher war bis vor kurzem der Schmuggel von Benzin, das im Donauhafen von Belgrad in Tanklastwagen mit dem Bestimmungsort Kosovo gefüllt wurde. Da das Kosovo in Serbien zumindest in Zollfragen als Ausland anerkannt wird, erhebt der serbische Staat weder Einfuhrzölle noch Steuern. Irgendwo wurde die Fracht dann an serbische Tankstellenbetreiber verkauft und nur Wasser in den Norden des Kosovos transportiert, damit die Fahrer eine serbische Ausfuhrbescheinigung vorweisen konnten. Andere brachten das Benzin tatsächlich in den Norden des Kosovos. Da der kosovarische Staat dort weder Zölle noch Steuern erheben kann, war auch das ein gutes Geschäft.

Bevor die Kfor Mitte Juli die Kontrolle über die beiden größten Grenzübergänge im Norden übernahm, wurden sie Tag für Tag von je etwa 80 Lastwagen passiert. Laut den Ladepapieren transportieren die Fahrer Konsumgüter für den Norden. "Gut 160 Lastwagen täglich für eine Bevölkerung von nicht einmal 70 000 Menschen", spottet Bozovic. Deshalb auch die Proteste, die Barrikaden und die Gewalt, als die Kfor ausrückte und die Übergänge für den kommerziellen Verkehr sperrte. Es geht um viel Geld.

Im Zentrum von Mitrovica, auf der Autobrücke über den Ibar, stehen einige italienische Polizisten der europäischen Rechtsstaatsmission Eulex und langweilen sich. Daran ändert sich auch nichts, als kurz vor der Mitte der Brücke, noch auf der albanischen Seite, ein Mietwagen aus Prishtina anhält und die Insassen die Nummernschilder abschrauben, um dann in den Norden weiterzufahren. Das geschieht jeden Tag mehrere Dutzend Mal. Wer aus dem Norden in den Süden reist, schraubt Schilder an, wer in umgekehrter Richtung unterwegs ist, schraubt sie ab. Eulex sieht zu.

In Nord-Mitrovica, gleich hinter der Brücke links, zeigt ein Plakat überlebensgroß drei Säulenheilige des Slawentums: Vladimir Putin, Aleksandr Lukaschenka und Vojislav Kostunica. Die Porträts des russischen Regierungschefs, des weißrussischen Präsidenten und des ehemaligen Ministerpräsidenten Serbiens sollen jedem Besucher unmissverständlich deutlich machen, dass er den albanischen Sektor des Kosovos verlassen habe. Ihre Botschaft lautet: Hier ist Serbien.

Die Hauptstraße von Slawisch-Mitrovica erinnert an serbische Kleinstädte vor zehn Jahren. Im ehemaligen Restaurant "Aufschwung" ist eine Bingo-Spielhalle untergebracht. Vor dem "Aufschwung" stehen trainingsbeanzugte Geldwechsler mit großen Dinarbündeln in den Händen und raunen den Passanten ihre Kurse zu. Auf der anderen Straßenseite, in dem Haus hinter den Cafés "London" und "Paris", befindet sich das Hauptquartier von Z. Wenn ein schwarzer und ein weißer A6 vor dem Haus stehen, ist Z. da, sagen die Leute in Mitrovica. Aber es stehen keine Audis vor der Tür. Z. ist unterwegs. Vielleicht dirigiert er seine Truppen zu neuen Protesten gegen die Kfor. "Die nehmen siebzehnjährige Jüngelchen und blasen denen ins Ohr, es gehe um die serbische Ehre. So haben sie im Handumdrehen einige hundert Leute zusammen, die Krawall machen", hatte Herr Bozovic gesagt. Im Belgrader Fernsehen heißt es dann, es handele sich um Serben, die gegen die Verletzung ihrer Minderheitenrechte durch die Kosovo-Albaner protestieren.

In Jarinje, etwa eine Autostunde nördlich von Mitrovica, haben die Z.-Truppen ganze Arbeit geleistet. Jarinje ist der nördlichste Punkt des Kosovos, der Grenzübergang zu Serbien. Jedenfalls für jene, die das Kosovo als Staat anerkennen. Die Serben im Norden gehören nicht dazu. Für sie ist auf beiden Seiten von Jarinje Serbien. Um das zu illustrieren, haben sie den Grenzübergang im Juli systematisch verwüstet. Mit einem Bulldozer wurden die Grenzanlagen zerstört, Trümmer der Zollgebäude liegen in einer Schlucht. Die Abfertigungsterminals wurden in Brand gesteckt. Etwa 350 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Serbien und dem Kosovo, elf reguläre und dreizehn irreguläre Grenzübergänge gibt es an dieser Strecke, doch unruhig ist nur der etwa 80 Kilometer lange Abschnitt, der auf beiden Seiten von Serben bewohnt ist. In diesem Gebiet könnte es jederzeit zu Unruhen kommen, wenn der kosovarische Staat noch einmal versuchen sollte, die Kontrolle zu übernehmen.

In Jarinje hat jetzt auf unbestimmte Zeit ein Kontingent der Kfor das Sagen. Oberhalb der zerstörten Grenzanlagen, in einem mit doppelten Stacheldrahtrollen gesicherten Feldlager, sind polnische und amerikanische Kfor-Soldaten stationiert. Schweizer Pioniere haben einen Behelfslandeplatz für Helikopter angelegt, damit die Kfor ihren Vorposten aus der Luft versorgen kann, sollten die Z.-Truppen wieder die einzige Zugangsstraße blockieren. Auch die haben hier einen Vorposten. Unmittelbar neben den Grenzanlagen befindet sich eine Grenzschenke. Drei Serben sitzen vor der Hütte und trinken Bier. Man darf sich sicher sein, dass sie melden, was zu melden ist.

In einem am Straßenrand gelegenen Motel in der Nähe von Jarinje wartet Branko Ninic, der Bürgermeister von Leposavic. Anders als die anderen Bürgermeister der Region gilt er nicht als Radikaler. Ninic gehört der Demokratischen Partei (DS) des serbischen Staatspräsidenten Boris Tadic an, die allerdings nicht viel Einfluss hat im Norden des Kosovos. Leposavic ist der nördlichste größere Ort im Kosovo - und der einzige, in dem sich ein DS-Kandidat durchsetzen konnte bei den Kommunalwahlen. Die Wahlen wurden im Einklang mit dem serbischen Wahlkalender abgehalten, weshalb Ninic von der Regierung in Prishtina nicht anerkannt wird, aber das ist ihm egal. Seine Regierung ist in Belgrad. "Wir sind hier in Serbien", sagt Herr Ninic freundlich, um dann, weniger freundlich, auf die Kfor zu schimpfen: "Bisher hat die serbische Bevölkerung hier im Norden der Kfor vertraut, aber das ist vorbei. Die Kfor wird jetzt als Handlanger der albanischen Institutionen in Prishtina gesehen."

Hashim Thaçi, der kosovarische Ministerpräsident (den Herr Ninic natürlich nicht so nennt), versuche seit langem, die Serben im Norden zu kriminalisieren. "Aber ich kann für die Mehrheit der Bevölkerung hier garantieren. Sie ist gesetzestreu und friedlich", sagt der Bürgermeister. Und die Leute, die neulich die Barrikaden aufgebaut haben? "Sie haben das getan, um serbische Interessen zu schützen. Das sind ehrenwerte Bürger." Wurden auch die Grenzstationen von ehrenwerten Bürgern zerstört? "Jeder hat eben seine eigene Vorstellung davon, wie er sein Recht durchsetzt." Und der Heckenschütze, der neulich einen kosovarischen Polizisten erschossen hat, war das auch ein ehrenwerter Bürger? "Niemand weiß, wie es dazu kam. Der Polizist ist wahrscheinlich von seinen eigenen Leuten erschossen worden", sagt der Bürgermeister.

Abends in Mitrovica. Der Mond spiegelt sich statusneutral in der Mitte des Flusses, während sich an seinen Ufern, streng getrennt voneinander, sehr ähnliche Szenen abspielen. In beiden Teilen der Stadt sind die Cafés voller Menschen, die ähnliche Musik hören, ähnliche Speisen zu sich nehmen und ähnliche Kleidung tragen, aber nie im Leben auf die Idee kämen, auf die andere Seite zu gehen. Auf der Brücke über den Ibar, genau in der Mitte, sind nur zwei kosovarische Polizisten in ihrem Dienstfahrzeug zu sehen. Das ist der äußerste Punkt, an den die Polizei des Kosovos sich vorwagen kann.

Später, gegen Mitternacht, wagen drei albanische Jungs unter den Augen der Polizei eine Mutprobe - wer traut sich näher an die serbische Seite? Zu dritt gehen sie an dem Polizeiauto vorbei, fünf, schließlich bestimmt zehn Meter in serbische Richtung, aber dann verlässt zwei von ihnen der Mut, und sie kehren um. Der Sieger, höchstens zwölf Jahre alt, wagt sich noch etwas weiter, vorsichtig, Schritt für Schritt, bis er schließlich nur noch wenige Meter vom serbischen Ufer entfernt ist. Die beiden anderen, aus sicherer Entfernung am albanischen Ufer, feuern ihn an. Noch weiter soll er gehen, wenigstens einen Fuß auf das Festland der anderen Seite setzen. Aber dann kehrt ihr Freund um, so tollkühn ist er nun auch wieder nicht. Vielleicht ein anderes Mal.

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