06.07.2010 · Zu Ihrer Berichterstattung zur Wahl des Bundespräsidenten: Wenige Tage nach der Wahl Christian Wulffs zum Bundespräsidenten werden Gewinner und Verlierer dieser außergewöhnlichen Wahl deutlich. Außergewöhnlich war die Wahl auch deshalb, ...
Zu Ihrer Berichterstattung zur Wahl des Bundespräsidenten: Wenige Tage nach der Wahl Christian Wulffs zum Bundespräsidenten werden Gewinner und Verlierer dieser außergewöhnlichen Wahl deutlich. Außergewöhnlich war die Wahl auch deshalb, weil nach dem Rücktritt von Horst Köhler nur dreißig Tage zur Nominierung und Neuwahl zur Verfügung standen und die Parteien kaum Zeit zur sonst üblichen Findung eines geeigneten Kandidaten hatten.
Erster Gewinner war die Bundesversammlung, weil sie unbeeindruckt von den scheinbaren politischen Zwängen wahre Demokratie gezeigt hat, indem sie "in freier und geheimer Wahl" ihren Unmut, letztlich aber auch ihre Verantwortung zum Ausdruck brachte. In gewisser Weise Gewinner sind auch die Linken, weil sie sich nicht durch Druck von außen haben vereinnahmen lassen und durch ihre Stimmenthaltung im dritten Wahlgang dem dann gewählten Bundespräsidenten den Makel der Entscheidung durch die Linken erspart haben.
Der eigentliche und tatsächliche Gewinner ist aber der neue Bundespräsident, der den Wahlmarathon in gelassener Ruhe über sich ergehen ließ und bereits heute von mehr als siebzig Prozent der Bevölkerung als der wohl bessere Präsident gesehen wird.
Größter Verlierer sind zweifellos die Regierungskoalition und ihre Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hier wird sich zeigen müssen, ob die "gelbe Karte" der Bundesversammlung heilsame Wirkung entfalten wird. Gleichermaßen Verlierer ist aber auch die Opposition, die sich mit ihrem nur vordergründig klug erscheinenden Schachzug der Nominierung von Joachim Gauck selbst ins "Matt" gesetzt hat. Die Strategie, die Linken vor ihren Karren zu spannen, um das eigentliche Ziel der Entmachtung der schwarz-gelben Koalition zu erreichen und gleichzeitig die ganz Roten enger an sich zu binden, musste mit der Person Gauck fehlschlagen. Wir alle kennen die Volksweisheit "Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein".
Schließlich wurde aber auch Joachim Gauck zum Verlierer. Nicht etwa, weil er die Wahl nicht zu seinen Gunsten entscheiden konnte. Vielmehr deshalb, weil er trotz aller Beteuerungen seiner Unabhängigkeit, aber auch seiner Klugheit wissen musste, dass er eigentlich nur zum Instrument der Opposition gemacht wurde, der ohnehin bereits schwachen Bundesregierung den entscheidenden Stoß zur Aufgabe zu versetzen. Mangels eines eigenen Kandidaten (der auch wohl nicht zur Kandidatur bereit gewesen wäre) wurde Joachim Gauck in Wirklichkeit Mittel zum Zweck. Dass er das nicht erkannt hat, hat den absolut integeren und auch durchaus wählbaren Joachim Gauck in tragischer Weise zumindest beschädigt.
Josef Schirmer, Steinfurt