23.10.2009 · Zu "Alle mischen mit" (F.A.Z. vom 14. Oktober): Stefan Dietrich hat recht. Integration wird endlich ernst genommen. Ob aus Desinteresse, fehlendem Problembewusstsein oder wegen der Tabuisierung von Problemen, an denen man sich wie ...
Zu "Alle mischen mit" (F.A.Z. vom 14. Oktober): Stefan Dietrich hat recht. Integration wird endlich ernst genommen. Ob aus Desinteresse, fehlendem Problembewusstsein oder wegen der Tabuisierung von Problemen, an denen man sich wie Thilo Sarrazin die Finger verbrennen kann - Migration und Integration waren zu lange Begriffe für Festreden und Fachseminare, aber nicht für eine gesellschaftliche Debatte ohne Denkverbote.
Die Chance dazu müssen wir nutzen, um breite Bevölkerungsschichten einzubeziehen. Migration und Integration betreffen nicht nur die Menschen, die zu uns kommen, sondern die ganze Gesellschaft. Wenn Bürger Kritik und Besorgnisse angesichts von Fehlentwicklungen äußern, ist das meist weder Paranoia noch Ausländerhass, sondern ein ernstzunehmender Hinweis darauf, dass wir etwas ändern müssen, damit Integration auch wirklich gelingt.
Unsere Gesellschaft muss sich darüber klarwerden, wie entscheidend Migration und Integration für unsere Zukunft sein werden. Ein Blick auf die demographische Entwicklung lässt keine Zweifel aufkommen: Ohne Zuwanderung wird unsere Gesellschaft nicht nur älter, sondern verliert auf Dauer mit der Jugend auch einen Teil ihrer Kreativität und Innovationsfähigkeit. Junge Menschen mit Migrationshintergrund sichern die Zukunft aller - wenn sie gut integriert, ein Teil der Gesellschaft sind. Das zu leisten ist die große Herausforderung - und nicht der ideologische Grabenkampf um "Multi-Kulti" oder um "Einwanderungsland Deutschland".
Politik und Gesellschaft, also auch Migrantinnen und Migranten, müssen jetzt ihre Versäumnisse der letzten dreißig Jahre aufarbeiten. Spracherwerb, Bildung, Werteerziehung, Toleranz und wechselseitiges Interesse heißen die Fächer, in denen wir aufholen müssen und für die wir Lehrpläne brauchen. Entwickelt werden die in den Städten und Gemeinden, gefördert und unterstützt vor allem von den Ländern. Neue Behörden braucht es dafür ebenso wenig wie ein "Bundesintegrationsministerium".
MARTIN NEUMEYER, INTEGRATIONSBEAUFTRAGTER DER BAYERISCHEN STAATSREGIERUNG, MÜNCHEN