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Leserbrief Der wahre Walter Kempowski

12.06.2009 ·  Zur Debatte um die Spionage-Tätigkeit Walter Kempowskis: Ich finde den jetzigen Streit akademisch etwas aufgebauscht, tendiere inhaltlich zu Dirk Hempel (F.A.Z. vom 9. Mai), wenngleich ich den sachlichen Kern ("Die Akte") natürlich nicht beurteilen kann.

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Zur Debatte um die Spionage-Tätigkeit Walter Kempowskis: Ich finde den jetzigen Streit akademisch etwas aufgebauscht, tendiere inhaltlich zu Dirk Hempel (F.A.Z. vom 9. Mai), wenngleich ich den sachlichen Kern ("Die Akte") natürlich nicht beurteilen kann. Faszikel oder Foliant? Die Art von Alan Keele (F.A.Z. vom 2. Mai), die Frage von Kempowskis Verhältnis zwischen Romaninhalt und Realität anzugehen, indem er ein zentrales Faktum dieses "Lebenslaufes" aushebeln will, ist literaturwissenschaftlich interessant und per se experimentell sicherlich möglich. Und: Natürlich ist Walter Kempowskis Leben nicht das Leben "der Kempowskis". Er selbst hat mehr als einmal bedauert, dass er seinen Romanfiguren keine sie verfremdenden Namen gegeben hat.

Aber in der für ihn identitätsstiftenden Tatsache, dass die Ursache der Haft eben ein idealistisches Motiv hatte, nämlich den einen jungen Menschen besonders stark bewegenden Antrieb, Unrecht zu brandmarken, als Gerechter oder Rechtfordernder aufzutreten, liegt zweifellos mehr als ein literarisches Moment oder ein Kunstgriff vor. Hier gibt der Autor seiner Haft (und das heißt dem Verlust seiner Jugend) einen Sinn, egal, ob dies so war oder "nur" so gewesen sein könnte und sollte. Hier geht es für den Schreibenden um mehr als eine mehr oder weniger additive Erfindung, wie man sie im Fingieren der Gestalt Cornellis etwa sehen könnte. (Wenngleich auch diese Erfindung eine nachträglich "heilende" Wirkung haben soll: Walter Kempowski hat immer wieder betont, dass er seiner Mutter einen solchen altruistischen Freund gewünscht hat.)

Wenn Keele diese zumindest innere Wahrheit auflöst und annimmt, dass Walter Kempowski allein wegen eines "Jobs im Schlaraffenland des amerikanischen Supermarkts" spioniert habe, dann nimmt er der Romanfigur "Walter Kempowski" ihre Glaubwürdigkeit, der Krisis ihren Anfangspunkt, und dem wirklichen W. K. wird - im Sinne neuer Beliebigkeit - die Grundlage seiner Haft entzogen: Das Idealistische der Motivation für seine Tat geht dabei verloren. (Wobei es ganz egal ist, ob es so war oder als spätere Sinngebung für wahr gesetzt und womöglich gehalten wurde.)

Wie wenig Keele seinen Duzfreund Walter kennt, geht schon daraus hervor, dass er meint, jener hätte über die Tatsache, dass ihm idealistische Motive als Voraussetzung seiner Haft abgesprochen werden, "nur gelächelt". Ich erinnere mich noch der tiefen Verletzung, die der Plagiatsvorwurf seinerzeit bei ihm auslöste, und ich erinnere mich, wie dankbar er den wenigen Literaturkritikern war, die die Sache nicht zum Tagesgeschäft machten. Fritz J. Raddatz hat er immer mit größter Dankbarkeit bedacht.

Es gibt doch auch eine biographische Wirklichkeit, die die Quellen, selbst wenn sie exakt sind, nicht einfangen. Und es gibt ein Bild, eine innere Figur eines Menschen, die es mir ausgeschlossen erscheinen lässt, dass der achtzehnjährige W. K. wegen damaliger Nobelhotel-Aufenthalte, Lucky Strikes und dicker Schmalzstullen allein die Nähe zum amerikanischen Geheimdienst suchte. Er war der Rimbaud'sche "jeune homme droit et sensible". (Dass er den angebotenen Luxus genoss, ist eine andere Frage.)

DR. JÖRG DEUTER, ÖHRINGEN

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