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In der dunklen Ecke

07.07.2010 ·  Sie schlafen auf den Fluren, auf den Treppenabsätzen und im Keller. Die wenigen stickigen Räume, die sich mit einer Tür abschließen lassen, teilen sich bis zu fünfzig Menschen, eng aneinandergedrängt gegen die Kälte, ihre wenigen Habseligkeiten in Plastiktüten verstaut und immer in Reichweite.

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Sie schlafen auf den Fluren, auf den Treppenabsätzen und im Keller. Die wenigen stickigen Räume, die sich mit einer Tür abschließen lassen, teilen sich bis zu fünfzig Menschen, eng aneinandergedrängt gegen die Kälte, ihre wenigen Habseligkeiten in Plastiktüten verstaut und immer in Reichweite. Es ist dreckig, es ist eng und es ist dunkel. Babys werden hier geboren und Greise sterben fern der Heimat. Die Zentrale Methodistenkirche im Zentrum der südafrikanischen Metropole Johannesburg ist Zufluchtsort und Verdammnis zugleich. Hier sammelt sich das Treibgut eines nicht enden wollenden Konfliktes, der sich fünf Stunden Autofahrt von Johannesburg entfernt in Zimbabwe abspielt.

1500 Flüchtlinge leben gegenwärtig in dieser Kirche - wenn man es denn Leben nennen will. Bei den ausländerfeindlichen Ausschreitungen, die Südafrika vor zwei Jahren in Atem hielten, hatten sich mehr als 10 000 Menschen in die Kirche geflüchtet. Sie ist der einzige Ort in Südafrika, der den Zimbabwern Schutz bietet. Hier treffen sich die Opfer der Gewaltorgie des zimbabwischen Präsidenten Robert Mugabe und die Täter, die vor der neuen Regierung geflüchtet sind. Sie schlafen hier Seite an Seite, getrennt nur durch einen dünnen Vorhang. Was sie eint, ist die Gewissheit, jenseits der Kirchenmauern nicht erwünscht zu sein.

Die Warnungen vor neuen Übergriffen, sollte die Weltmeisterschaft nicht zusätzliche Arbeitsplätze bringen, mehren sich. Am Wochenende appellierte Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu eindringlich an seine Landsleute: "Viele von euch wissen nicht mehr oder haben es vergessen, wie das Apartheidsystem viele von uns ins Exil zwang, wo wir in den Ländern willkommen geheißen wurden."

Seit Jahr und Tag ist die Methodistenkirche Anlaufstelle für alle diejenigen, die den Sprung nach Südafrika wagen wollen; das gelobte Land, das sich für die meisten Zimbabwer als Sackgasse erweist. Manche bleiben nur vorübergehend, bevor sie in der Anonymität der Großstadt abtauchen. Andere leben seit Jahren in einer dunklen Ecke des Gebäudes. Man trifft auf junge Männer, die mit Betteln ihr Geld verdienen, und auf junge Frauen, die für einen Hungerlohn in Imbissketten arbeiten und Angst haben, ihren Namen zu nennen.

In dieser Kirche hausen Lehrerinnen, ausgebildete Ingenieure mit ihren Familien und desertierte Armeeoffiziere, sie sind allesamt zu Almosenempfängern geworden und werden nur deshalb von der südafrikanischen Regierung geduldet, weil es politisch zu viel Lärm machen würde, dieser Kirche und ihrem tapferen Bischof den Mund zu verbieten.

Aber der Schutz gilt nur für die Nacht. Jeden Morgen, wenn 1500 Menschen unter schmutzigen Decken hervorgekrochen sind, diese zusammengepackt und in einem diebstahlsicheren Raum untergebracht haben, beginnt der tägliche Kampf um ein bisschen Geld und einen Laib Brot aufs Neue. Manche der Flüchtlinge betreiben kleine Garküchen: zwei verbeulte Kessel mit Maismehl auf einem Gaskocher an einer Straßenecke. Das sind die Bessergestellten. Die meisten aber haben nichts anderes zu verkaufen als ihre Arbeitskraft, die sie zwischen dem benachbarten Prachtbau des Obersten Gerichts und den Restaurants, in denen Anwälte in feinem Zwirn Cappuccino trinken, für gleich welchen Preis anbieten. Sie sind illegal im Land, sie haben keine Wahl, und weil das jeder weiß, werden sie schamlos ausgenutzt. Drei Millionen Menschen sollen inzwischen vor Mugabe geflohen sein, und so gut wie keiner ist zurückgekehrt.

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