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Im Gespräch Josette Sheeran, Direktorin des WFP "Wir können nur jedem zehnten Hungernden helfen"

23.11.2008 ·  Das Welternährungsprogramm (WFP) leistet Nothilfe mit Lebensmitteln. Deren Preise sind wegen der Finanzkrise gefallen. Aber die Sorgen der amerikanischen WFP-Exekutivdirektorin bleiben groß.

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FRAGE: Frau Sheeran, die Finanzkrise verdrängt die Nahrungsmittelkrise. Bekommt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen noch genug Geld?

ANTWORT: Wir leben allein von freiwilligen Beiträgen. Aber dieses Jahr hatten die Geberländer ihre Beiträge verdoppelt, Saudi-Arabien hat sogar 500 Millionen Dollar gegeben - das war die wohl größte Einzelspende in der Geschichte der Vereinten Nationen. Jetzt hoffen wir, dass die Staaten uns auch 2009 gut unterstützen.

FRAGE: Wenn die hohen Lebensmittelpreise eine Folge der Wohlstandsmehrung etwa in Asien waren, profitieren dann jetzt die Armen von der großen Rezession?

ANTWORT: Drei große Krisen treffen nun aufeinander: die Lebensmittelkrise, die Energiekrise und die Finanzkrise. Die sind alle miteinander verflochten, aber auf eine nicht leicht zu durchschauende Weise. In jüngster Zeit sind die Preise für Öl und für Lebensmittel zwar wieder von ihren historischen Höchstständen gefallen - wegen der abgekühlten Konjunktur, aber auch wegen guter Ernten. Aber die Lebensmittel sind immer noch so teuer wie vor 20 Jahren zuletzt, durchschnittlich 24 Prozent teurer als vor einem Jahr. Die strukturellen Gründe für hohe Preise sind eben nicht aus der Welt: eine insgesamt steigende Nachfrage, für die wir eine Verdopplung des Lebensmittelangebots bis zum Jahr 2050 brauchen; die zunehmenden Dürren und Überschwemmungen wegen des Klimawandels; schließlich der steigende Energiebedarf.

FRAGE: Der Ölpreis ist gerade unter die 50-Dollar-Marke gesunken. Auf dem Höhepunkt der Nahrungsmittelkrise war ein Fass teurer als 100 Dollar.

ANTWORT: Aber nun entsteht ein Kaufkraftproblem. Ein zentralasiatisches Land zum Beispiel, das seit Anfang der neunziger Jahre keine Nahrungsmittelhilfe mehr benötigte, hat uns gerade alarmiert. 600 000 seiner Einwohner leiden plötzlich Hunger, weil die Rücküberweisungen aus Russland und Kasachstan nachlassen. Wir wissen nicht genau, was kommt, aber wir erwarten sehr schwierige Jahre.

FRAGE: Wird bei dem gefallenen Ölpreis die Biosprit-Produktion wieder zugunsten des Getreideanbaus nachlassen?

ANTWORT: In Amerika ist das nicht der Fall, Europa pausiert ein wenig. Aber der Lebensmittel- und der Energiemarkt bleiben verzahnt.

FRAGE: Ist das unumkehrbar?

ANTWORT: Nicht, wenn der Ölpreis niedrig bleibt. Erst wenn ein Fass Rohöl um die 70 Dollar kostet, lohnt es sich, andere Stoffe zur Energiegewinnung zu verbrennen.

FRAGE: Seit Beginn der Bankenkrise gewöhnen wir uns an "Rettungspakete" in dreistelliger Milliardenhöhe. Was würde es kosten, den Hunger auszurotten?

ANTWORT: Das WFP hilft derzeit etwa 90 Millionen Menschen. Das ist nur etwa ein Zehntel der 923 Millionen Menschen, die derzeit Gefahr laufen, an Hunger zu sterben. Mit etwa sechs Milliarden Dollar können wir Hungersnöte und ähnliches bekämpfen. Aber wir können damit nicht verhindern, dass überall auf der Welt Menschen an Hunger sterben. Würden wir noch einmal fünf oder sechs Milliarden Dollar dazutun, könnten wir das. Die Fähigkeiten haben wir.

FRAGE: Scheitert es nur am Geld?

ANTWORT: Es gibt auch ein Abschottungsproblem. Während der jüngsten Welternährungskrise haben 40 Staaten alle Lebensmittelexporte eingestellt, um national die Preise zu stabilisieren und Vorräte anzulegen. Voriges Jahr wurde nur mit vier Prozent des auf der Welt produzierten Reis international gehandelt. Staaten wie etwa Liberia konnten ihren Bedarf nicht mehr decken, auch nicht für viel Geld. Solche Staaten müssen ihre eigene landwirtschaftliche Produktion ausbauen. Das WFP versucht, einen möglichst großen Teil des Getreides von örtlichen Kleinbauern zu kaufen, um sie zu unterstützen.

FRAGE: Das WFP hat für Nothilfe dieses Jahr mehr Geld denn je bekommen. Wird aber auch genug in die Entwicklung der Landwirtschaft investiert?

ANTWORT: Die Staaten haben zuerst das Dringliche getan: Menschenleben retten. Aber das war nur ein Anfang; langfristiger wirkende Investitionen stehen noch aus. Gerade in Zeiten, wo Bauern, wie ich sie im kenianischen Rift Valley getroffen habe, von den hohen Weltmarktpreisen für ihre Erzeugnisse hätten profitieren sollen, haben sie ihre Produktion oft dramatisch einschränken müssen, weil sie sich zum Beispiel kaum Dünger leisten konnten. Der ist trotz des gesunkenen Ölpreises übrigens immer noch sehr teuer. Da muss sich viel ändern. Große Ernährungskrisen führen üblicherweise zu großen privaten Investitionen. Das sehen wir jetzt in Afrika, wo Investoren Flächen aufkaufen, um sie landwirtschaftlich zu nutzen. Meine Sorge ist nur, dass sie die Lebensmittel dann aus Afrika wegschaffen wollen.

FRAGE: Sie spielen auf Chinas Landkäufe an?

ANTWORT: Nicht nur China, auch Indien, die Golfstaaten und andere suchen Antworten auf die Frage, wie sie ihre wachsenden Bevölkerungen in der Zukunft ernähren sollen.

FRAGE: Ist die Gentechnik ein Teil der Lösung des Ernährungsproblems?

ANTWORT: Das müssen die Staaten entscheiden. Sicher ist nur, dass alle Staaten Zugang zum neuesten Forschungsstand der Agrarwirtschaft haben müssen.

FRAGE: Die UN haben die Millenniums-Entwicklungsziele vereinbart, allen voran die Halbierung der Armut bis 2015 im Vergleich zu 1990. Ist das zu schaffen?

ANTWORT: Innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der Menschen, die offiziell als unterernährt gelten, um 75 Millionen erhöht. Die Finanzkrise wird diesen Trend verschlimmern, wenn Geberstaaten nicht reagieren.

FRAGE: Gibt es auch Hoffnung?

ANTWORT: Immerhin ist aus der Ernährungskrise keine Ernährungskatastrophe geworden. China hat sein Landwirtschaftsbudget um 20 Prozent erhöht; Indien ganz ähnlich. Als China auch noch das Erdbeben erlebte, riefen wir an - aber Peking brauchte unsere Hilfe nicht. Vor 15 Jahren noch erhielt China am meisten WFP-Hilfe von allen Staaten. Auch Vietnam und Chile können Krisen jetzt aus eigener Kraft bewältigen.

FRAGE: Vor Somalia haben Piraten oft Schiffe mit WFP-Hilfsgütern gekapert. Ist es nun eine gute Nachricht, dass sich die Piraten inzwischen größere Opfer suchen wie den Supertanker "Sirius Star"?

ANTWORT: Leider ist das eine ganze Industrie, da wird es wohl immer auch Piraten geben, die auch unsere Schiffe attackieren. Innerhalb des vergangenen Monats sind zwei unserer Schiffe angegriffen worden. Aber 2,8 Millionen Somalier sind auf die Nahrungsmittel angewiesen, die wir bringen. Und 90 Prozent davon müssen auf dem Seeweg geliefert werden, denn der Landweg ist zu unsicher. Europäer, Amerikaner und andere müssen also unsere Schiffe weiter beschützen.

Die Fragen stellte Andreas Ross.

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