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Hochland gegen Tiefland, Armut gegen Wohlstand

16.09.2008 ·  Naturgas ist der Treibstoff der bolivianischen Dauerkrise. Die reichen Gasvorkommen, die zweitgrößten Südamerikas, lagern im Tiefland Boliviens, vor allem in der Gegend von Tarija, 5000 Meter unter der Erde.

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Naturgas ist der Treibstoff der bolivianischen Dauerkrise. Die reichen Gasvorkommen, die zweitgrößten Südamerikas, lagern im Tiefland Boliviens, vor allem in der Gegend von Tarija, 5000 Meter unter der Erde. Eine längere und größere Unterbrechung der Gaslieferungen hätte fatale Folgen für die Energieversorgung vor allem in Argentinien und Brasilien, den beiden Hauptabnehmern. Brasilien deckt die Hälfte seines Gasbedarfs aus Bolivien. Die vier Departements im Tiefland, Santa Cruz, Tarija, Beni und Pando, wegen ihrer geographischen Anordnung in einem Halbkreis oft auch "Halbmond-Regionen" genannt, profitieren nicht nur von der Erdöl- und Erdgasförderung, sondern auch von der im Vergleich zur kargen Hochebene, dem Altiplano, weit üppigeren Vegetation und dem tropischen Klima. In der Zone liegen die großen landwirtschaftlichen Betriebe, die Fleisch und andere Agrarprodukte in großem Umfang produzieren. Santa Cruz de la Sierra, mit eineinhalb Millionen Einwohnern die größte Stadt in der Region, ist in wenigen Jahrzehnten zum Finanz- und Wirtschaftszentrum Boliviens geworden.

Die Bewohner der prosperierenden Tieflandgebiete verlangen mehr Unabhängigkeit von der Zentralregierung in La Paz und wollen stärker an dem von ihnen in der Energie- und Landwirtschaft produzierten Reichtum teilhaben. Sie treten außerdem mehrheitlich für liberale Wirtschaftsformen ein. Ihre Forderung nach mehr Selbständigkeit haben die vier Departements durch die Verabschiedung von Autonomiestatuten bekräftigt. Die Regierung des Präsidenten Evo Morales will hingegen ein zentralstaatliches, an sozialistischen Prinzipien ausgerichtetes Gesellschaftsmodell durchsetzen, in dem die 36 anerkannten Indio-Volksgemeinschaften weit größeren politischen Einfluss als bisher erhalten sollen. Außerdem hat Morales damit begonnen, wichtige Industrien, vor allem im Energiesektor, zu nationalisieren.

Den Anlass für die jüngsten Protestaktionen im "Halbmond", zu denen Straßenblockaden, Streiks sowie die Besetzung von staatlichen Institutionen und industriellen Anlagen wie Erdgasfördereinrichtungen gehörten, bot die Entscheidung der Zentralregierung, den Tieflandregionen die Einnahmen aus einer Steuer wegzunehmen, die direkt auf die Gewinnung von Erdöl und Erdgas an der Förderstelle erhoben wird. Das Geld verwendete La Paz für eine neue Altersrente für bedürftige Personen. Die Tieflandregionen sind verärgert, weil ihnen nun die Mittel für die Finanzierung von Sozial- und Infrastrukturprojekten fehlen.

Mit allen Mitteln wollen die oppositionellen Autonomieregierungen vor allem verhindern, dass die geplante neue Verfassung in ihrer gegenwärtigen Form in Kraft tritt. Der Verfassungstext, der weitgehend einer Vorlage der Regierungspartei "Bewegung zum Sozialismus" (Mas) folgt und nach Ansicht von Juristen zahlreiche Widersprüche enthält, bringt zwar gewisse Autonomieregelungen für die Indiogemeinschaften, nicht jedoch für die Departements.

Außerdem blieb die Forderung unberücksichtigt, Sucre wieder zur vollen Hauptstadt Boliviens zu machen; dort befindet sich nur die Justiz, Sitz von Regierung und Parlament ist La Paz. Die verfassunggebende Versammlung hat keine Einigung in der Hauptstadtfrage erzielt. In der Region Chuquisaca, in der Sucre liegt, ist deshalb kürzlich eine aus dem Oppositionslager stammende Präfektin gewählt worden, die nach dem Vorbild der vier "Halbmond"-Regionen gleichfalls einen Autonomieprozess in Gang bringen will. Im Verlauf der Krise haben sich die Standpunkte beider Seiten verhärtet, mehrere Anläufe zu einem Dialog sind schon in den Ansätzen gescheitert. (oe.)

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