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Generationswechsel in Rom

10.12.2009 ·  Spekulationen über Kurienkardinäle / Von Jörg Bremer

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ROM, im Dezember

Das erste neue Gesicht in der Kardinalpräfektenriege der Kurie des Heiligen Stuhles zu Beginn des Jahres 2010 dürfte Peter Kardinal Turkson aus Ghana sein. Der 1948 geborene Theologe wurde Ende Oktober von Papst Benedikt XVI. zum Nachfolger von Renato Martino als Präsident des Päpstlichen Rates für Frieden und Gerechtigkeit bestimmt. Damit folgt ein junger Oberhirte, bisher Erzbischof von Cape Coast, Chef der Bischofskonferenz von Ghana und erfolgreicher Generalrelator der Sondersynode der afrikanischen Bischöfe, dem 77 Jahre alten Sozialethiker Martino. Turkson führt freilich nur den Reigen zum Generationswechsel in der Regierung des Heiligen Stuhles an, denn mindestens sieben Kurienkardinäle werden demnächst 75 Jahre und älter sein. Mit 75 müssen sie dem Papst ihr Rücktrittsangebot einreichen. Meistens können die Kardinäle dann noch bis zum 77. Lebensjahr dienen. Dann aber ist gemeinhin beim Heiligen Stuhl - anders als in den Diözesen - Schluss mit der Karriere.

In Italien ist diese Zäsur ein Anlass für Spekulationen. Viele sehen nur ungern erfolgreiche Kardinäle ziehen, während zum Beispiel Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, am 2. Dezember 75 Jahre alt geworden, gewiss noch weitere zwei Jahre im Amt bleiben wird. Die konservativ-liberale Zeitung "Il Foglio" wartete dieser Tage mit dem versteckten Hinweis auf, im August hätten italienische Kardinäle den Papst in seinem Urlaubsort Castel Gandolfo aufgesucht, um ihm eine Demission seines zweiten Mannes nahezulegen. Als Bewerber um das Amt wird dabei der Name des Chefs der italienischen Bischofskonferenz, Angelo Bagnasco, genannt, den Bertone als Nachfolger von Camillo Ruini gefördert hatte. Auch Ruini soll zu den Verschwörern gehört haben, dazu Angelo Scola, der Patriarch von Venedig; zudem als einziger Ausländer Kardinal Christoph Schönborn aus Wien. Im Vatikan wird diese Meldung rundweg dementiert. Der Papst habe volles Vertrauen zu seinen langjährigen Mitarbeitern, heißt es.

Doch wird bei inoffiziellen Gesprächen über Bertone kritisch angemerkt, dass er die gesamte Macht des Bischofs von Rom und des Oberhirten der Weltkirche an sich reiße und dabei Fehler mache. Als Paradebeispiel wird der Vorgang um die Piusbrüderschaft genannt, als der Papst im Januar die Exkommunikation ihrer vier Bischöfe aufhob und vermeintlich übersah, dass einer von ihnen ein Leugner der Schoa ist. Bertone kann mit einem Kalender der Ereignisse nachweisen, dass Rom nicht wissen konnte, welche Aussagen jener Bischof Richard Williamson in dem Fernsehgespräch gemacht hatte, das zwischen der Unterschrift unter die Aufhebung der Exkommunikation und der Veröffentlichung dieser Entscheidung ausgestrahlt wurde. Der Heilige Stuhl distanzierte sich auch unverzüglich von Williamson, aber es begannen in der Zwischenzeit nicht nur die Gespräche zwischen Vatikan und Bruderschaft zu deren Rückkehr zur Kirche. Die Piusbrüder ließen vielmehr mit ihren Thesen keinen Zweifel daran, dass sie sich den Beschlüssen des II. Vatikanischen Konzils nicht beugen, sondern andersherum "den Papst bekehren" wollen. Der Vorwurf gegen Bertone lautet, er mache es den Piusbrüdern zu leicht.

Ein anderer Vorwurf trifft Bertones inneritalienische Politik. Der frühere Chef der nationalen Bischofskonferenz Ruini war sein eigener Herr; Papst Johannes Paul II. ließ den ehemaligen Generalvikar der Diözese von Rom ungestört seine streng zentralistische Politik führen. 2007 ging das Amt an den Erzbischof von Genua, Bagnasco, über, den Bertone auswählte und durchsetzte. Über ihn will er seinen eigenen Einfluss auf die Politik der italienischen Kirche festigen. Das aber tut er in seiner Position automatisch im Namen des Papstes. Das habe sich im Sommer am Beispiel der beißenden Kritik am Lebensstil von Regierungschef Silvio Berlusconi als schlecht für Benedikt XVI. erwiesen. Während die meisten Bischöfe Italiens den Frauenhelden kritisieren wollten, hielt Bertone sie davon ab. Für Bertone seien die politischen Beziehungen zum Regierungschef vorrangig. Damit schien es so, als billige auch Bertones Chef, der Papst, stillschweigend Berlusconis Verfehlungen. Bertone solle sich und den Papst lieber deutlich von inneritalienischen Querelen fernhalten, lautet die Kritik.

Unterdessen steht für mehrere Kardinäle der Abschied bevor. Schon mit 74 Jahren werde aus Gesundheitsgründen der indische Kardinal Ivan Dias, der Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, ausscheiden, heißt es im Vatikan. Auch für Kardinal Giovanni Battista Re, am 30. Januar 1934 geboren, steht das Ende seiner kirchlichen Karriere bevor. Er ist noch der Präsident der Bischofskongregation. Claudio Hummes, im selben Jahr geboren und erst seit 2006 Kardinalpräfekt der Klerus-Kongregation, scheidet dem Vernehmen nach aus. Das gilt auch für den deutschen Kurienkardinal Walter Kasper. Ihm verdankt der Papst, dass trotz des Angebots an anglikanische Gruppen vor einigen Wochen, sich der katholischen Kirche anzuschließen, die Beziehungen zur anglikanischen Kirche insgesamt nicht gelitten haben. Kasper wurde am 3. März 1933 geboren.

Im September 2010 beendet Franc Kardinal Rode sein 76. Lebensjahr. Der Slowene ist bisher Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Kardinal Rafaelle Farina, Chef der päpstlichen Archive und Bibliotheken, wird im September nächsten Jahres 77 Jahre alt. Noch spricht niemand vom Rücktritt von Kardinal Paul Josef Cordes, seit 1995 Präsident von "Cor Unum", der im September kommenden Jahres 76 Jahre alt werden wird und dieser Tage eine Festschrift unter dem Titel "Gott ist treu" erhielt, an der sich der Papst genauso beteiligte wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aber über die Nachfolger all dieser Kardinäle wird schon spekuliert. Kritiker Bertones meinen zudem, der Kardinalstaatssekretär sollte entweder gleichzeitig mit seinen Kollegen ausscheiden oder dafür sorgen, dass jene Kardinäle - trotz hohen Alters - noch im Amt bleiben können, die ihn vor weiteren Fehlern bewahren könnten.

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