05.02.2010 · Bundeswehroffiziere zeigen Schülern in Hamburg, wie man durch ein Spiel Konfliktbewältigung lernt.
FRAGE: Herr Scholz, Sie waren Offizier der Bundeswehr und haben mit Oberst Uwe Heilmann drei Tage lang Schüler der Hamburger Rudolf-Ross-Schule bei einem Spiel begleitet, das Sie bei der Bundeswehr entwickelt haben, um "angemessene Führungsverantwortung in instabilen und dynamischen Situationen" zu üben. Kann man so etwas spielen?
ANTWORT: Ja. Im Seminar haben 32 Schüler und sechs Führungskräfte aus der Hamburger Wirtschaft mitgemacht. Sie bildeten Mannschaften von jeweils sechs Mitspielern und spielten "History of the world", ein Brettspiel, das man überall kaufen kann. Wir hatten die Spielfläche vergrößert, damit auch in ein paar Metern Entfernung alles verfolgt werden konnte.
FRAGE: Sie haben früher als Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr Offiziere mit solchen Spielen auf künftige Generalstabsaufgaben vorbereitet.
ANTWORT: Wir haben das Spielsystem vor drei Jahren an der Führungsakademie entwickelt, um Stabsoffizieren in der Tat das Denken und Handeln in instabilen und chaotischen Systemen näherzubringen. Wir waren so erfolgreich, dass wir es auch auf Führungskräfte aus der Wirtschaft ausgeweitet haben. Jetzt waren wir erstmalig in einer Schule und wollen künftig noch mehr Hamburger Schulen erreichen. Es geht beim Spielen um die Frage, wie man auf Instabilität und Chaos reagiert, in oft unüberschaubaren Situationen Entscheidungen trifft und dann auch zu den Entscheidungen steht. Wie lebenswirklich das ist, zeigt die Diskussion über den von einem Bundeswehroffizier angeordneten Luftschlag bei Kundus. In solchen Situationen taugen die alten gelernten Muster nicht mehr viel. Absolute Entscheidungssicherheit ist eine Illusion.
FRAGE: Wie funktioniert das Spiel?
ANTWORT: Wir spielen im Zeitrahmen der Weltgeschichte von 3500 vor Christus bis 1914. Eine Fülle von Konfliktsituationen also. Jede Mannschaft zieht eine Karte. Auf der stehen sieben Kulturen, die es tatsächlich gab. Eine wird nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Die Mannschaft plant in einer selbstgewählten Arbeits- und Führungsstruktur. Dabei lernt man einander kennen. Über Eventkarten lassen sich unerwartete Ereignisse in das Spiel einbringen, etwa ein Ausbruch der Pest. Die Mitspieler erfahren, dass es keine "schlechten Karten" gibt, sondern nur Aufgaben, die man eben lösen muss - wie im richtigen Leben und an der Schule.
FRAGE: Wie fanden die Schüler das Spiel?
ANTWORT: Nach dem ersten Tag wollten die Mädchen gehen, weil sie sich von den Jungen zu sehr bedrängt fühlten. In der Diskussion hat dann eine der teilnehmenden weiblichen Führungskräfte gesagt: Ihr dürft euch nicht auf eure Weiblichkeit berufen, ihr müsst kämpfen. Das haben die Mädchen dann getan. Ein Schüler sagte anschließend, er habe etwas gelernt, wisse aber noch nicht genau, was. Manches kann man nicht sofort erkennen: Einfühlungsvermögen, soziale Kompetenz, aber auch Neugier und Entschlossenheit. Man lernt, ohne dass man es merkt, weil man Spaß am Spiel hat.
Die Fragen stellte Frank Pergande.