12.06.2009 · Der Runde Tisch des Bundestages, der das Schicksal von Heimkindern aufarbeiten soll, steht auf der Kippe. Der Verein der Heimkinder fährt schweres Geschütz gegen die Repräsentanten der Opfer auf und will dort einen ehemaligen Staranwalt plazieren. Von Reinhard Bingener
Berlin, 12. Juni. Über die Art und Weise, wie die frühere Bundestagsvizepräsidentin Vollmer (Grüne) mit dem Schicksal Hunderttausender misshandelter Heimkinder in der frühen Bundesrepublik umgeht, kursieren unter den Repräsentanten der Opfer sehr unterschiedliche Meinungen: Diejenigen, die als Betroffene am "Runden Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren" sitzen, loben die Empathie, die Vertrauenswürdigkeit und die Professionalität, mit der Antje Vollmer als Vorsitzende des Runden Tisches mit den Schicksalen der Opfer umgeht. Im Verein ehemaliger Heimkinder (VEH), aus dem vor wenigen Tagen nun bereits zwei der drei Vertreter der Betroffenen am Runden Tisch ausgetreten sind, hat sich mittlerweile eine ganz andere Sichtweise etabliert: Der Vorstand des Vereins wirft Frau Vollmer vor, dass sie die früheren Heimkinder "benachteiligt" und "schikaniert". "Mit Kopfschütteln" nehme man wahr, wie Frau Vollmer zu Lasten der Opfer "Eskalation betreibt und den früheren Titel der Bundestagsvizepräsidentin missbraucht", sagt der Jurist Michael Witti.
Der VEH hat Witti mit der Wahrung seiner Interessen betraut. Er soll helfen, vom Staat und von den Trägern der Heime, allen voran den Kirchen, Wiedergutmachung für die Demütigungen, die Misshandlungen und den Zwang zur Arbeit zu erlangen, dem viele Heimkinder ausgesetzt waren. Dass die Interessen der ehemaligen Heimkinder bei Witti gut aufgehoben sind, darf man indes bezweifeln. Der Münchener Jurist wurde im vergangenen Jahr wegen Untreue zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er Geld für private und kanzleibezogene Zwecke abgezweigt hatte, das jüdischen Mandanten zustand, die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Gettos gefangen waren. Aus anderen Gründen ist Witti auch die Zulassung als Anwalt entzogen worden. Beim Verein ehemaliger Heimkinder fungiert Witti nur als "Berater" des Hamburger Anwalts Gerrit Wilmans, den manche aber eine Marionette Wittis nennen.
An Pfingsten beschloss der VEH - im Beisein von Witti und Wilmans - die Forderung, zur Entschädigung der Heimkinder solle ein Fonds "in Höhe von mindestens 25 Milliarden Euro" eingerichtet werden. Diese Summe ergebe sich aus der Zahl von 500 000 Opfern, die mit je 50 000 Euro zu entschädigen seien, rechnet Wilmans vor. Nur "auf den ersten Blick" erscheine diese Summe hoch; angesichts der Zahl der Betroffenen und des geschehenen Unrechts seien 25 Milliarden Euro "maßvoll". Im internationalen Vergleich - Wilmans nennt Norwegen, Kanada und Irland - habe man noch wohlwollend kalkuliert.
Zunächst dringt der VEH aber vor allem darauf, die drei bisherigen Vertreter der früheren Heimkinder am Runden Tisch, der am Montag und Dienstag in Berlin zum dritten Mal tagt, abzulösen. Den drei Heimkinder-Vertretern wird zum Vorwurf gemacht, am Runden Tisch nicht mit größter Vehemenz auf Geld zu bestehen. Im Umfeld des VEH wird von den drei als den "Goldfischen" gesprochen. Die drei müssten so oder so weg, gibt Heinz-Jürgen Overfeld, neuer Vorstand des VEH, zu Verstehen. An ihrer Stelle sollten die drei neuen Vorstände des VEH plus Witti und Wilmans am Runden Tisch Platz nehmen. Man sei aber bereit, sich auf die vereinbarten drei Sitze für Betroffene zu beschränken. Dann hießen die drei: Wilmans, Witti, Overfeld - sagt Overfeld. Auf eine Teilnahme der zwei Juristen - obgleich beide keine Betroffenen sind - könne man keinesfalls verzichten. Weil der Runde Tisch genau dies ablehnt und darauf verweist, dass die Vertreter der Heimkinder durch den Runden Tisch bestätigt werden müssten und der VEH "kein imperatives Mandat" besitze, versucht Wilmans nach Informationen dieser Zeitung zurzeit, über eine einstweilige Verfügung seine Teilnahme am Runden Tisch zu erzwingen.
Sicher scheint, dass der Runde Tisch in diesem Fall gescheitert wäre. Kaum einer der bisherigen Teilnehmer wird sich mit Witti und Wilmans an einen Tisch setzen wollen. Stattdessen könnte es dann zu Gerichtsverfahren kommen, denen sowohl der Staat als auch die kirchlichen Institutionen, die Träger von etwa zwei Dritteln der Heime waren, mit einiger Gelassenheit entgegensehen können - zumindest was das juristische Ergebnis betrifft. Die zur Debatte stehenden Straftaten sind größtenteils verjährt. In den Empfehlungen des Petitionsausschusses vom 26. November, in welchem dem Bundestag die Einrichtung eines Runden Tisches empfohlen wurde, wird festgehalten, dass nach geltendem Recht die von den Kindern in den Heimen geleistete Arbeit nicht als Beitragszeit für die gesetzliche Rentenversicherung in Betracht komme. Auch eine Entschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz hält der Petitionsausschuss für unwahrscheinlich. Und die Drohung von Anwalt Wilmans, notfalls vor Gerichten in Amerika zu klagen, dürfte eher der Erregung von Aufmerksamkeit dienen.
An einem Platz am Runden Tisch dürften Witti und Wilmans deshalb ein handfestes Interesse haben, weil sie mit dem VEH ein Erfolgshonorar vereinbart haben. Geld bekämen sie nur, heißt es, wenn sie am Zustandekommen einer Entschädigungsregelung am Runden Tisch beteiligt wären.
Damit ließe sich auch die Vehemenz erklären, mit der die derzeitigen Vertreter der Heimkinder am Runden Tisch angegriffen werden. Sie lehnen nämlich eine Zusammenarbeit mit Witti wegen dessen zweifelhaften Rufs ab und weigern sich auch, die internen Protokolle des Runden Tisches innerhalb des VEH zu besprechen. In dem Verein, der im Schnitt etwa einmal jedes Jahr seinen Vorstand austauscht, könnten diese auf Wittis und Wilmans Schreibtische gelangen, vermuten sie. Witti und Wilmans könnten sie öffentlich als Munition verwenden, lautet die Befürchtung.
Dass der Runde Tisch kein rechtsförmiges Verfahren ist, bei dem Interessengegensätze auf Grundlage gesetzlicher Normen ausgetragen werden, das wird Antje Vollmer nicht müde hervorzuheben. Der Runde Tisch sei vielmehr eine "kleine Wahrheitskommission", der im Geist der Offenheit die Geschichte aufarbeitet, sagt sie. Ziel sei es, eine von allen Seiten akzeptierte politische Lösung zu erarbeiten. Dazu kommt nach Ansicht von Beteiligten am Runden Tisch die Notwendigkeit weiterer historischer Forschungen. Bisher könne niemand sagen, wie viele von den geschätzt 800 000 Heimkindern auch Opfer von Misshandlungen geworden sind.
Für die Eskalation der Auseinandersetzungen um den Runden Tischen kursiert in den Internet-Foren der ehemaligen Heimkinder aber auch noch eine andere Erklärung als nur der Einfluss Wittis: Dort wird auf die Giordano-Bruno-Stiftung verwiesen, eine neuatheistische Stiftung aus dem Hunsrück, die mittlerweile mit dem VEH zusammenarbeitet. Bereits im Jahr 2006 hatten die Anwälte Wilmans und Witti ein Treffen in Hamburg organisiert, an dem neben den damaligen Vorstandsmitgliedern des VEH und einem "Spiegel"-Journalisten auch der Geldgeber der Bruno-Stiftung, der frühere Schlafzimmerfabrikant Herbert Steffen, und Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Stiftung, teilnahmen. Das Angebot der Stiftung, eine öffentliche Kampagne zu finanzieren, wurde vom damaligen VEH-Vorstand allerdings abgelehnt. Wie es heißt, befürchtete man, in eine Abhängigkeit von der Stiftung zu geraten.
Im März dieses Jahres fand abermals ein Treffen mit dem VEH statt - dieses Mal in den Räumen der Bruno-Stiftung in Mastershausen. Für die Mitgliederversammlung am Pfingstwochenende übernahm die Stiftung daraufhin Tagungs-, Übernachtungs- und Reisekosten. Die Leitung dieser Mitgliederversammlung in Mainz übernahm Herbert Steffen. Der neue VEH-Vorstand Heinz-Jürgen Overfeld sagte zur Begründung, Steffen sei "unabhängig", er sei lediglich gekommen, "damit es nicht ausartet".
Im Beisein von Witti und Wilmans "hätte ich dort nur mit eigenem Anwalt auftreten können", sagt hingegen ein Vertreter der Heimkinder am Runden Tisch. Als einzige der früheren Heimkinder am Runden Tisch fuhr Sonja Djurovic nach Mainz. Sie sagt, sie habe verhindern wollen, dass der VEH ins Abseits gerate. Sie habe dort auch versucht, Genaueres über die Honorarvereinbarungen mit Witti und Wilmans zu erfragen. Was dann in Mainz geschah, nennt Sonja Djurovic eine "Farce". "Ich fühlte mich bei der Versammlung an meine Zeit im Heim erinnert", sagt sie im Rückblick. Unmittelbar nach Beginn sei die Veranstaltung eskaliert. Ihr sei das Wort entzogen worden, und der Moderator Herbert Steffen von der Bruno-Stiftung habe über sie gesagt: "Jemand, der so denkt, dem hat man ins Gehirn geschissen", was Steffen gegenüber dieser Zeitung auch bestätigte. Danach sei sie angeschrien und gedemütigt worden, bis sie die Versammlung verließ. Sonja Djurovic vermutet nun, dass Wilmans, Witti und Steffen sich abgesprochen haben.
Dass die Giordano-Bruno-Stiftung beim VEH nicht allein aus Liebe zu den Heimkindern tätig wird, bestätigt auch der neue VEH-Vorstand Overfeld. "Die wollen die ganze Welt kirchenfrei machen."
Sonja Djurovic sagt, Bruno-Stiftung und das Duo Witti/Wilmans schlügen gemeinsam zwei Fliegen mit einer Klappe. Die einen wollten mit den Heimkindern Geld verdienen, die anderen die Heimkinder für ihre religionsfeindliche Gesinnung vereinnahmen, vermutet Frau Djurovic. Statt endlich die Chance für eine Aufarbeitung zu nutzen, ließen sich die Heimkinder abermals von außen bestimmen, klagt sie.