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Es war einmal: die Weltwirtschaftskrise

27.10.2009 ·  Als im vergangenen Jahr Banken zusammenbrachen und die Aktienkurse abstürzten, waren Vergleiche mit der Börsenpanik im Oktober 1929 und der Großen Depression schnell bei der Hand. Doch es zeigt sich, dass die Regierungen aus der Katastrophe vor achtzig Jahren das eine oder das andere gelernt haben. Von Professor Dr. Christoph Buchheim

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Anfang September 1929 hatten die Aktienkurse an der New Yorker Börse ihren höchsten Stand erreicht. In den folgenden Wochen ging der Dow Jones leicht zurück. Vom 14. Oktober an beschleunigte sich dann der Kursverfall, weil Darlehen, die von Aktienkäufern in spekulativer Absicht genutzt worden waren, kaum noch verlängert wurden. Nun flossen auch Auslandsgelder ab. Am 23. Oktober gab der Dow Jones um 13 Prozent nach. Der folgende Tag ging als "Schwarzer Donnerstag" in die Geschichte ein.

Eine riesige Welle von Verkaufsorders brach über die Börse herein; insgesamt wechselten 12,9 Millionen Aktien den Besitzer, doppelt so viele wie an dem bislang umsatzstärksten Handelstag. Führende Banken taten sich zusammen, um den Zusammenbruch aufzuhalten, und traten in großem Stil als Käufer auf. Das konnte die Panik am Nachmittag jenes Tages etwas dämpfen. Am Abend war der Dow Jones nur um 2,2 Prozent gefallen. Am folgenden Montag jedoch kam es abermals zu einem scharfen Einbruch der Aktienkurse, der am "Schwarzen Dienstag", dem 29. Oktober, in die zweite Panik mündete mit Aktienverkäufen von 16,4 Millionen Stück. Der New Yorker Börsenkrach fand also nicht an einem Tag statt; er erstreckte sich über eine ganze Woche zwischen dem 23. und dem 29. Oktober, in der die Aktienkurse insgesamt um 30 Prozent fielen.

Unübersehbare Anzeichen für eine heraufziehende Wirtschaftskrise gab es aber bereits vor dem Börsenkrach. Schon lange hatte Großbritannien, die weltgrößte Handelsmacht der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, unter einer bedrohlichen Ausfuhrschwäche, geringem Wirtschaftswachstum und relativ hoher Arbeitslosigkeit gelitten. Die Industriestruktur war veraltet, der Wechselkurs des Pfundes zu hoch. Seit Mitte der zwanziger Jahre kämpften zahlreiche Länder in Übersee und in Osteuropa, die vor allem Agrargüter und mineralische Rohstoffe exportierten, infolge von Protektionismus und Überproduktion mit sinkenden Preisen. Als Folge des Ersten Weltkrieges gab es darüber hinaus ein weltweites Geflecht politisch bedingter Schulden in Milliardenhöhe. Zur Finanzierung kriegswichtiger Lieferungen hatten die europäischen Kriegsgegner Deutschlands von den Vereinigten Staaten nämlich enorme Kredite erhalten. Nicht zuletzt deshalb beharrten sie auf hohen Reparationsforderungen gegen Deutschland. Deren Erfüllung sollte auch dazu dienen, die eigenen Schulden in Amerika zu finanzieren. Dadurch wurde die internationale politische Atmosphäre vergiftet.

Da zudem nach dem Krieg weltweit hohe Importbarrieren errichtet worden waren und die Vereinigten Staaten ungeachtet ihrer Rolle als wichtigste Gläubigernation an ihrem traditionell hohen Schutzzollniveau festhielten, war das Wachstum des Welthandels schon in den zwanziger Jahren vergleichsweise gering. Das trug dazu bei, dass beispielsweise Deutschland zur Finanzierung der Reparationen auf Kapitalimporte angewiesen war, die vorrangig aus Amerika stammten. Ausländisches Kapital benötigten aber auch die Rohstoffländer. Sie mussten kommerzielle Schulden tilgen und Teile ihrer Rohstoffproduktion zur Verminderung des Preisdrucks einlagern.

Der Börsenboom, der dem amerikanischen Börsenkrach voranging und zunehmend durch Spekulationen auf weitere rasche Kursgewinne angestachelt worden war, hatte enorme Kapitalmengen in den Vereinigten Staaten angesammelt. Das erschwerte nicht nur die Lage der auf Kapitaleinfuhren angewiesenen Länder. Die amerikanische Zentralbank hob zur Dämpfung der Überspekulation die Zinsen an und trug so dazu bei, dass Investitionen und die Industrieproduktion schon vor dem Oktober 1929 ihren Höhepunkt überschritten.

Die globale Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation, die sich schon vor dem Herbst 1929 abgezeichnet hatte, erhielt durch den amerikanischen Börsenkrach einen zusätzlichen Impuls. Denn nun brach die Industrieproduktion in den Vereinigten Staaten richtiggehend ein. Als Folge verringerten sich die amerikanischen Einfuhren, was wiederum die wirtschaftliche Entwicklung in anderen Ländern trotz eines vorübergehenden Wiederanstiegs der amerikanischen Kapitalexporte negativ beeinflusste. Der Welthandel ging von jetzt an auf breiter Front zurück. Die Weltwirtschaftskrise nahm endgültig ihren Lauf.

Deutschland war zur Zeit des amerikanischen Börsenkrachs seit mehr als einem Jahr in einer zunehmend labilen wirtschaftlichen Verfassung gewesen. Hier war schon am 13. Mai 1927 eine Spekulationsblase geplatzt. Allerdings führte dieser "Schwarze Freitag" nicht sogleich zu einem Rückgang der Industrieproduktion. Vielmehr war 1927 insgesamt, anders als 1929 in den Vereinigten Staaten, ein ausgesprochener Wirtschaftsboom zu verzeichnen. Das Wachstum setzte sich aber nicht fort. In auffälligem Unterschied zu anderen großen Industriestaaten wie Großbritannien, Frankreich und den Vereinigten Staaten hatte die Industrieproduktion schon 1927 ein Plateau erreicht, das in den beiden folgenden Jahren praktisch nicht mehr übertroffen wurde.

Wenn auch der Börsenkrach in den Vereinigten Staaten die Produktion in Deutschland nicht unmittelbar weiter schwächte, so konnte sich das stark ausfuhrabhängige Land im Lauf des Jahres 1930 den Folgen der Kontraktion des Welthandels doch nicht entziehen. Die latente Krise wurde jetzt zu einer offenen Krise. Die Zahl der bei den Arbeitsämtern gemeldeten Arbeitslosen hatte 1929 im Vergleich zu den beiden Vorjahren um 40 Prozent auf 1,9 Millionen Personen im Jahresdurchschnitt zugenommen. 1930 lag sie dann um nochmals gut 60 Prozent höher und erreichte im Februar 1931 schon fast fünf Millionen.

Dann verschärfte sich die Krise zunächst nicht weiter; in Deutschland und in anderen Industrieländern gab es im Frühjahr 1931 sogar Anzeichen einer leichten Belebung. Zeitgenössische Beobachter rechneten schon mit dem Beginn des Wiederaufschwungs. Wäre es dazu tatsächlich gekommen, dann wäre die Weltwirtschaftskrise nicht das singuläre Ereignis geworden, als das sie in die Geschichte eingegangen ist. Doch schon bald stellte sich heraus, dass der Wendepunkt doch noch nicht erreicht war. Vom Sommer des Jahres an beschleunigte sich die Talfahrt, und die Situation der Wirtschaft spitzte sich dramatisch zu.

Ursache für den Fortgang der Rezession in Deutschland war die Bankenkrise im Juli 1931. Nach dem Zusammenbruch der Oesterreichischen Credit-Anstalt und einem Reparationsmemorandum der Reichsregierung, das Zweifel an der Zahlungsfähigkeit Deutschlands weckte, zogen mehr und mehr Kontoinhaber ihre Einlagen bei den Banken ab. Eine Kapitalflucht ins Ausland setzte ein, die für die Reichsbank den Verlust von Devisenreserven mit sich brachte. Um die im Goldstandard erforderliche Mindestdeckung der umlaufenden Zentralbankgeldmenge durch Gold und Devisen zu wahren, sah sich die Reichsbank gezwungen, ihren Diskontsatz zu erhöhen und quantitative Beschränkungen des Wechseldiskonts zu verhängen. Ganz anders als heutige Zentralbanken verfolgte die Reichsbank in der sich abzeichnenden Finanzkrise also eine immer restriktiver werdende Geldpolitik.

Bald konnte daher eine der deutschen Großbanken ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen und schloss ihre Schalter, was am 13. Juli zu einem allgemeinen Run auf die Banken führte. Nun wurden Bankfeiertage verhängt, die Devisenbewirtschaftung eingeführt und weitere Notoperationen vorgenommen; unter anderem beteiligte sich der Staat am Eigenkapital dreier Großbanken, an zweien davon als Mehrheitsaktionär. Das alles konnte jedoch nichts mehr an den unheilvollen Auswirkungen der Bankenkrise auf die wirtschaftliche Entwicklung ändern. Wieder setzte eine massive Deflation ein. Die Nichterfüllung wichtiger Funktionen des Bankwesens für den Rest der Wirtschaft, etwa die Gewährleistung des Zahlungsverkehrs und die Verfügbarmachung von Krediten, ließ die Zahl der Konkurse hochschnellen, und die Industrieproduktion fiel weiter. Im Januar 1932 produzierte die deutsche Industrie nur noch etwa halb so viel wie vier Jahre zuvor, die Zahl der registrierten Arbeitslosen war auf mehr als sechs Millionen gestiegen. Die Arbeitslosenquote betrug - gemessen an den abhängigen Erwerbspersonen - mehr als dreißig Prozent.

Trotz der katastrophalen Lage blieb die Fiskalpolitik aber kontraktiv. Anders als in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise, in der die Regierungen die Staatsausgaben erhöht haben und Haushaltsdefizite in Kauf nehmen, um die Krisendynamik nach Möglichkeit zu dämpfen, verfolgte die Regierung Reichskanzler Brünings das Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts. Daher wurden die Abgabensätze erhöht und die Staatsausgaben eingeschränkt.

Eine solche krisenverschärfende Haushaltspolitik wurde allerdings nicht nur in Deutschland verfolgt, sondern auch in den Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien. Damals herrschte international noch Konsens darüber, dass ein ausgeglichener Staatshaushalt eine wichtige Voraussetzung dafür sei, das Vertrauen der Unternehmer zu stabilisieren und dadurch über kurz oder lang einen spontanen Aufschwung der Investitionen und das Ende der Krise herbeizuführen.

Tatsächlich rückte man von dieser Überzeugung, die John Maynard Keynes in seinem Hauptwerk von 1936 zu erschüttern suchte, erst durch die Erfahrung der positiven konjunkturellen Effekte von defizitfinanzierten Rüstungsausgaben gegen Ende der dreißiger Jahre und im Zweiten Weltkrieg ab. Der Keynesianismus kam erst in der Nachkriegszeit zur Blüte.

Die Vereinigten Staaten machten im zweiten Halbjahr 1931 ebenfalls eine desaströse Bankenkrise durch. Auch dort wurde die wirtschaftliche Lage durch eine zunehmend restriktive Geldpolitik, die der Stärkung des angeschlagenen Vertrauens in die Goldbindung des Dollars dienen sollte, enorm verschärft; auch dort ging die Produktion als Folge der Finanzkrise gewaltig zurück. Frankreich durchlebte zwar keine vergleichbar schwere Finanzkrise, da die Regierung aber bis 1936 am Goldstandard festhielt, stand die französische Wirtschaft besonders lange unter Deflationsdruck. Unruhen in der Arbeiterschaft waren die Folge.

Lediglich in Großbritannien kam es 1931/32 nicht zu einer weiteren Verschärfung der Wirtschaftskrise. Zwar wurde das Land durch die Finanzkrise in Deutschland insofern angesteckt, als das Vertrauen in die Stabilität des Pfundes schwand und ebenfalls eine Kapitalflucht einsetzte. Das Bankensystem wurde jedoch nicht in Mitleidenschaft gezogen, weil die Regierung dem Druck im September 1931 nachgab, das Pfund von seiner Bindung an das Gold löste und den Wechselkurs frei schwanken ließ. Die Währung wertete nun um zwanzig Prozent und mehr ab - was die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Industrie auf dem Weltmarkt abrupt erhöhte und es der Bank von England ermöglichte, die hohen Zinsen zu senken.

Es war also vor allem eine verhängnisvolle Geld- und Fiskalpolitik, die im Goldstandard und in der Überzeugung von der Notwendigkeit eines ausgeglichenen Haushalts gründete, die die Wirtschaftskrise im Laufe des Jahres 1931 nochmals enorm verschärfte. Nur so wurde diese Krise zu jenem einmaligen Ereignis, als das sie sich seither darstellt, vor allem auch, wenn man die sozialen Folgen, nicht zuletzt in Deutschland, in die Betrachtung einbezieht.

Zwar kam, wer während der Krise seine Beschäftigung nicht verlor, trotz eines erheblichen Rückgangs der Nominallöhne - in Deutschland sanken sie im Mittel von fast 1,30 Reichsmark pro Stunde im Jahr 1929 auf 98 Pfennig im Jahr 1932 - relativ glimpflich davon. Denn im gleichen Zeitraum fielen auch die Lebenshaltungskosten um mehr als zwanzig Prozent, und der reale Stundenlohn verringerte sich nur um rund vier Prozent. Allerdings nahm die durchschnittliche Arbeitszeit ebenfalls ab, so dass die realen Wochenlöhne 1932 um 15 Prozent niedriger waren als drei Jahre zuvor.

Die Auswirkungen dieser Reallohnverminderung auf den

Lebensstandard der Arbeiter und ihrer Familien darf dennoch nicht unterschätzt werden. Selbst in den guten Jahren der Weimarer Republik waren die finanziellen Spielräume einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie sehr gering. Die Sparquote betrug nur knapp zwei Prozent, die für Bildung, Unterhaltung und Freizeit zur Verfügung stehende Summe belief sich auf vier Prozent der Bruttoeinnahmen. Zum Vergleich: Um das Jahr 2000 wandten Arbeiterhaushalte dafür zusammen im Durchschnitt 22 Prozent ihres Einkommens auf. Für Nahrungs- und Genussmittel hingegen, die 1927/28 noch fast die Hälfte der Einnahmen beanspruchten, wurden 2000 lediglich knapp zehn Prozent ausgegeben. Demnach führte während der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre der Einkommensrückgang von Arbeiterfamilien selbst dann, wenn sich an ihrer Beschäftigungssituation nichts geändert hatte, zu Einschnitten in der Lebenshaltung, die über den Verzicht auf relativ Entbehrliches hinausgingen.

Weitaus stärker aber litten die Arbeitslosen unter der Krise. Die Arbeitslosenversicherung, die im Deutschen Reich erst 1927 durch das Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung von Grund auf reformiert worden war, befand sich wegen der steigenden Zahl von Arbeitslosen seit 1929 praktisch ständig in finanziellen Nöten. Ein Konflikt innerhalb der "großen Koalition" aus SPD, Zentrum, Bayerischer Volkspartei (BVP), Deutscher Demokratischer Partei (DDP) und Deutscher Volkspartei (DVP) darüber, wie ein neuerliches Defizit zu decken sei, war im März 1930 der Grund für den Sturz der letzten Weimarer Regierung, die sich im Reichstag auf eine Mehrheit hatte stützen können. Damit begann die Endphase der Weimarer Republik.

Die folgenden Regierungen unter den Reichskanzlern Brüning, von Papen und Schleicher waren abhängig vom Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten Hindenburg. Das wurde unter anderem dazu genutzt, die Arbeitslosenversicherung durch wiederholte Erhöhungen des Beitragssatzes auf 6,5 Prozent des Bruttolohns sowie durch Kürzungen der Versicherungsleistungen finanziell im Gleichgewicht zu halten. Die Höhe der wöchentlichen Hauptunterstützung aus der Arbeitslosenversicherung für einen Arbeiter, der sich in einer mittleren Lohnklasse (30 bis 36 Reichsmark Wochenlohn) befunden hatte, fiel von 13,20 Mark im Jahr 1927 um mehr als ein Drittel auf 8,40 Mark fünf Jahre später. Die Lebenshaltungskosten sanken in dieser Zeit nur um 18 Prozent. Rechnet man die Unterstützungssätze für drei Familienangehörige hinzu, die im Verlauf der Krise geringfügig stiegen, so war der Gesamtbetrag der Arbeitslosenversicherungsleistung in Höhe von wöchentlich 13,80 Reichsmark für einen arbeitslosen Arbeiterhaushalt 1932 um 24 Prozent geringer als fünf Jahre zuvor. Verglichen mit dem durchschnittlichen Nettowochenlohn von Arbeitern, der 1932 knapp 26 Mark betrug, belief sich die reguläre Arbeitslosenunterstützung für den Haushalt eines vergleichbaren arbeitslosen Arbeiters im selben Jahr demnach auf nur etwa die Hälfte.

Zugleich wurde die maximale Bezugsdauer der Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung nach und nach von ursprünglich 26 Wochen bis Mitte 1932 auf lediglich sechs verringert. Anschließend konnten fortdauernd Arbeitslose bei Bedürftigkeit und höchstens für ein weiteres Jahr Leistungen aus der Krisenfürsorge beziehen. Deren Sätze waren jedoch zum Teil noch geringer als die der regulären Arbeitslosenversicherung. Danach blieb den sogenannten Wohlfahrtserwerbslosen nur die Möglichkeit, Fürsorgeleistungen der Gemeinden in Anspruch zu nehmen.

Für die lange Dauer und Schwere der Krise war es charakteristisch, dass die Zahl der regulär unterstützten Arbeitslosen abnahm, die der Wohlfahrtserwerbslosen aber anstieg. Noch im Januar 1931 wurde mehr als die Hälfte der 4,9 Millionen Arbeitslosen, die bei den Arbeitsämtern gemeldet waren, durch die Arbeitslosenversicherung unterstützt, nur jeweils etwa 0,8 Millionen durch die Krisen- oder die kommunale Fürsorge; knapp 700 000 Arbeitslose erhielten überhaupt keine Unterstützung, zum großen Teil wohl deshalb, weil sie nicht als bedürftig galten. Im Juni 1932 dagegen hatten von 5,4 Millionen registrierten Arbeitslosen nur noch knapp 800000 Anspruch auf reguläre Arbeitslosenunterstützung. 1,4 Millionen waren in der Krisenfürsorge, während 2,2 Millionen zu den Wohlfahrtserwerbslosen zählten und gut eine Million überhaupt keine Unterstützung mehr bekam. Diese Konstellation führte zu dem paradoxen Ergebnis, dass die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung 1932 Überschüsse erzielte, viele Gemeinden jedoch vor der Zahlungsunfähigkeit standen.

Angesichts des bescheidenen Lebensstandards vollbeschäftigter Arbeiter in Deutschland selbst Ende der zwanziger Jahre kamen Unterstützungssätze für Arbeiterfamilien, die sich auf weniger als die Hälfte des damaligen Durchschnittslohns beliefen, einem Leben am Rand des physischen Existenzminimums gleich. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Depression zu einer politischen Radikalisierung der Arbeiterschaft in der Endphase der Weimarer Republik beigetragen hat. Die KPD gewann bei den Reichstagswahlen zwischen 1928 und 1932 mehr und mehr Stimmen, wohingegen die SPD Arbeiterstimmen einbüßte.

Doch wandten sich die Arbeiter nicht nur verstärkt der KPD zu. Auch die Nationalsozialisten erfuhren immer mehr Zuspruch. Lag der Wähleranteil aus Arbeiterkreisen bei der NSDAP 1928 noch im niedrigen einstelligen Bereich, betrug er in den beiden Reichstagswahlen 1932 rund ein Viertel. Etwa die Hälfte der Arbeiter stimmte damals entweder für die KPD oder für die NSDAP. Dabei ist auffällig, dass Arbeitslose weit eher zur KPD, noch beschäftigte, neuerdings radikal wählende Arbeiter jedoch zunehmend zu den Nationalsozialisten tendierten. Da auch in anderen sozialen Gruppen die Sympathien für radikale Parteien zunahmen, trug die Weltwirtschaftskrise in Deutschland entscheidend zur Destabilisierung des Weimarer politischen Systems bei.

Vor allem der Aufstieg der NSDAP Anfang der dreißiger Jahre wurde von der schweren Krise begünstigt. Und nachdem Adolf Hitler Reichskanzler geworden war, kam ihm der seit 1933 zu beobachtende Rückgang der Massenarbeitslosigkeit sehr zu Hilfe. Die Schnelligkeit, mit der sich die Erwerbslosigkeit verminderte, war erstaunlich. Während im Januar 1933, unmittelbar vor dem Sturz der letzten Weimarer Regierung, die Zahl der registrierten Arbeitslosen abermals die Sechs-Millionen-Grenze überschritten hatte, belief sie sich ein Jahr danach nur noch auf knapp 3,8 Millionen.

Natürlich wurde die NS-Propaganda nicht müde, den gewaltigen Rückgang der Arbeitslosigkeit als grandiosen Erfolg des Führers hinzustellen. Den meisten Zeitgenossen dürfte diese Propaganda wegen der zeitlichen Abfolge der Ereignisse durchaus plausibel erschienen sein. Im Rückblick nehmen sich die Geschehnisse jedoch anders aus.

Zum einen sank die tatsächliche Arbeitslosigkeit weniger stark, als es von der Regierung Hitlers dargestellt wurde. Denn durch verschiedene Maßnahmen des Regimes wurde einerseits die Zahl der dem Arbeitsmarkt überhaupt zur Verfügung stehenden Personen gesenkt, andererseits wies man eigentlich Arbeitslose als beschäftigt aus. Jungverheiratete Paare etwa konnten Ehestandsdarlehen in Anspruch nehmen - aber nur unter der Bedingung, dass die Ehefrau zuvor für eine gewisse Zeit einer bezahlten Beschäftigung nachgegangen war, diese nun aufgab und sich verpflichtete, bis zur Rückzahlung des Kredits kein neues Arbeitsverhältnis einzugehen.

Zum anderen hatte der Aufschwung in Deutschland schon im Herbst 1932 eingesetzt, also etwa ein halbes Jahr bevor Hitler an die Macht kam. Das lässt sich an Konjunkturindikatoren wie den Geschäftserwartungen von Unternehmen, den Auftragseingängen im Maschinenbau oder der Roheisenproduktion ablesen. Alle Kurven wiesen entgegen der saisonalen Tendenz und anders als die im Vergleich hierzu verzögert reagierende Arbeitslosigkeit schon Ende 1932 wieder nach oben.

Die Wende zum Besseren hatte sich spontan aus der Wirtschaft selbst ergeben. Vor allem die Vorratsinvestitionen nahmen zu, nachdem die Lager geleert waren und die Rohstoffpreise einen Tiefpunkt erreicht hatten. Die öffentliche Arbeitsbeschaffung entfaltete hingegen nur eine geringe zusätzliche Wirkung, weil die diesbezüglichen Aufwendungen weitgehend durch einen Anstieg der öffentlichen Einnahmen an anderen Stellen ausgeglichen wurden. Soweit die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im Jahr 1933 überhaupt einen positiven Effekt hatten, ging dieser beinahe vollständig von den Programmen der Vorgängerregierungen aus und nicht von denen der Nationalsozialisten. Deren Programme wurden im Wesentlichen erst nach der Jahresmitte in Kraft gesetzt und wirkten so spät, dass sie, wie der Beginn des Autobahnbaus, die wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 1933 praktisch nicht mehr beeinflussten.

Freilich ging die Arbeitslosigkeit zurück, was viele Zeitgenossen der Nazi-Diktatur zugutehielten. Tatsächlich hat die "Bewegung" in jenem Jahr den Aufschwung eher belastet, und zwar nicht zuletzt durch Eingriffe in die Autonomie der Unternehmen, wie in Berichten der amerikanischen diplomatischen Vertretungen in Deutschland wiederholt festgestellt wurde. 1934 wurde die weitere konjunkturelle Belebung dann schon weitgehend von der massiv einsetzenden Aufrüstung getragen. Ein dynamisches Wachstum des privaten Verbrauchs wurde indes durch restriktive Maßnahmen des Regimes abgewürgt, kaum dass es begonnen hatte.

Die wirtschaftliche Entwicklung in den folgenden Jahren verlief nach demselben Muster. Das Wachstum wurde einseitig von der Zunahme der Staatsausgaben zur Vorbereitung des Krieges getragen. Zwar führte diese Politik in Deutschland als einzigem der großen Industrieländer schon in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre zur Vollbeschäftigung, jedoch mit durchaus negativen Folgen. So erreichte der Lebensstandard großer Teile der Bevölkerung nicht wieder den Stand vom Ende der zwanziger Jahre, die Arbeitsproduktivität stagnierte, und es kam in der Folge, zum zweiten Mal innerhalb einer Generation, zur totalen Vernichtung des Geldwerts.

Geschichte wiederholt sich nicht. Also weist die heutige globale Finanz- und Wirtschaftskrise unübersehbare Unterschiede im Vergleich zur Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre auf. Nicht zuletzt die Geld- und Fiskalpolitik ist international diametral entgegengesetzt - damals restriktiv, heute extrem expansiv. Dem liegt jedoch ein fundamentaler Prozess sozialen Lernens zugrunde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde, in Erinnerung an das Desaster der Weltwirtschaftskrise, der internationale Goldstandard bewusst nicht wieder eingeführt und stattdessen ein Währungssystem geschaffen, das im Falle gravierender Zahlungsbilanzdefizite Wechselkursanpassungen statt Deflation vorsah.

Auf diese Weise konnte, ganz im Sinne des britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der an den Verhandlungen über die neue internationale Währungsordnung führend beteiligt war, in Rezessionen eine nationale, defizitfinanzierte Vollbeschäftigungspolitik relativ unbehindert von auf die Zahlungsbilanz bezogenen Überlegungen betrieben werden. Zudem wurden die Zentralbanken von jener gesetzlichen Verpflichtung zur anteiligen Deckung des Notenumlaufs in Gold unabhängig, die gerade in Finanzkrisen deren Funktion als Lender of Last Resort beeinträchtigt und auf diese Weise massiv krisenverschärfend gewirkt hat.

An dieser Konstellation hat sich auch durch den Übergang zum Floating der wichtigsten Weltwährungen Anfang der siebziger Jahre nichts geändert. Deshalb ist heute eine viel effektivere Krisenbekämpfung als zur Zeit der Weltwirtschaftskrise möglich, und es steht zu erwarten, dass die sich anbahnende Erholung nicht nur, wie im Frühjahr 1931, ein kurzes Zwischenspiel in einer noch lange anhaltenden Depression sein wird.

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Der Verfasser lehrt Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Mannheim.

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