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Ein zerrissenes Land

06.04.2009 ·  Gerhard Schweizers Porträt der Türkei überzeugt

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Fast 30 Prozent der Türken sind noch nie in einer Moschee gewesen. Diese für viele gewiss überraschende Information kann man dem jüngsten Buch Gerhard Schweizers entnehmen: "Die Türkei. Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus". Anziehung und Abstoßung zwischen "dem Islam" und "dem Westen" sind seit vielen Jahren schon die wichtigsten Themen dieses Autors. Er begann mit einer Darstellung Persiens (Irans) unmittelbar nach der islamischen Revolution, legte unter anderem ein Buch über Syrien vor und widmete sich in dem Band "Islam und Abendland - Ein Dauerkonflikt" ganz allgemein diesem Thema. Schweizers Intention ist es, festgefügte Stereotypen über den Islam aufzubrechen, die hier und da unnötig Angst machen. Zu den gesinnungsethischen, romantischen Verharmlosern gehört er allerdings auch nicht.

Das neue Buch setzt diesen Ansatz fort. Es gelingt Schweizer, dem Leser deutlich zu machen, dass die Türkei gegenwärtig einen Konflikt bewältigen muss, der vielerorts falsch, wenigstens verzerrt dargestellt wird. Unter Erdogan und Gül betreiben nicht fanatische Islamisten eine geheime oder gar systematische Islamisierung der Türkei (fast alle statistischen Zahlen sprechen eher dagegen), gegen die sich aufrechte Säkularisten und Kemalisten, Erz-Demokraten aller Couleur mannhaft, aber ohnmächtig zur Wehr setzen, um der Türkei endlich die Tore weit nach Westen aufzustoßen. Der Prozess ist - entgegegen den Vorurteilen der Europäer, die da Gut und Böse allzu schnell verteilen - komplexer zu deuten.

Schweizer spannt einen weiten Bogen von den ersten Verwestlichungsbetrebungen der spätosmanischen Oberschicht über die nationale und kulturelle Revolution unter Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938), die das Land von oben umgekrempelt und auf die Moderne zugeschnitten haben, bis zu den Bemühungen, diese Erfolge gegen Fanatiker von links und rechts zu verteidigen. Dass der Autor diese Errungenschaften begrüßt, das Reformwerk Atatürks grosso modo bewundert, braucht nicht besonders erwähnt zu werden.

Die gegenwärtige Spaltung der Nation ist allerdings auch der Preis für die Eingriffe, die nicht nur auf weitgehend autokratische Weise vorgenommen wurden, sondern auch zwei Jahrzehnte lang, wenn nicht länger unter völliger Missachtung der breiten Masse der muslimisch-frommen Bevölkerung, mit der die staatstragende Elite im Grunde auch später nichts zu tun haben wollte. Seit den Tagen des ersten "islamischen" Ministerpräsidenten Adnan Menderes (von 1950 bis 1960), als das Mehrparteiensystem Raum griff, meldete sich der Islam wieder stärker zu Wort. Es war in der Folgezeit ein komplexer Prozess von Gewährenlassen, Einbinden in Regierungen und Verbieten (auch weltlicher Parteien, etwa durch das Militär), der zur gegenwärtigen Situation geführt hat. In der Person des mittlerweile greisen Necmettin Erbakan fasste gar der Islamismus wieder Fuß in der Türkei. Seine Parteien wurden die Hefe, aus der sich - zumindest zum Teil - schon die Mutterlandspartei Turgut Özals ("Der Staat ist weltlich, ich bin es nicht"), vor allem aber die heute regierende islamisch-konservative AKP Erdogans entwickelten. Gerade diese Partei, getragen von Aufsteigern einer neuen Elite frömmerer Muslime aus den anatolischen Provinzstädten, die früher wenig galten, betreibt nun die Reformpolitik, die früher im Dickicht der Skandale versandete, viel entschiedener als andere. Für diese Skandale, die letztlich den Wahlerfolg der AKP im Jahre 2002, dann wieder 2007 ermöglichten, war die alte Elite in hohem Maße verantwortlich.

Man kommt andererseits um die Einsicht nicht herum, dass die alte kemalistische Elite eines Tages den Säkularismus und Laizismus nur noch mit dem Nationalismus verwechselte. Bei ihnen nimmt die Zahl der Europa-Enthusiasten denn auch ab. Man fürchtet, unter der Messlatte von EU-Reformen müsse man zu viel Souveränität, zu viel Staat, zu viel polititisch verordnete "Aufklärung" zugunsten persönlicher Freiheitsentwürfe (auch religiöser, die stören mögen) aufgeben. Der Antagonismus zu den "Strenggläubigen" ist gegenwärtig unauflösbar und wird auch gehegt und gepflegt. Schweizer weist mit Recht darauf hin, dass die islamische AKP mittlerweile laizistische Sympathisanten findet - zumal unter Schriftstellern und Intellektuellen, denen der "tiefe Staat" und die bevormundende, erstarrte kemalistische Staatsdoktrin mit ihrem ewigen Fahnenhissen und den damit verbundenen Jubelhymnen bis in die Schulen hinein auf die Nerven gehen. Die AKP hat auch weibliche Mitglieder und Anhängerinnen, die kein Kopftuch tragen. Umgekehrt war es der seit siebzig Jahren herrschenden kemalistischen Elite ja offenbar auch nicht gelungen, Ehrenmorde und Zwangsheiraten aus der Welt zu schaffen.

Wie die Zerreißprobe der Türkei ausgehen wird, weiß auch Schweizer nicht. Der Reformprozess ist ins Stocken geraten. Erdogan und die AKP haben auch Fehler gemacht; sie können auch scheitern. Aber das Buch ist geeignet, manche Aspekte türkischer Entwicklungen aufzuzeigen, die anderswo möglicherweise bewusst verschwiegen werden. Die Touristen in Antalya jedenfalls wissen ohnehin genau, wer gut ist und wer böse.

WOLFGANG GÜNTER LERCH

Gerhard Schweizer: Die Türkei. Zerreißprobe zwischen Islam und Nationalismus. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2008. 352 S., 18,90 [Euro].

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