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Die zweite Akte Kurras

02.06.2009 ·  Neue Dokumente und neue Fragen / Von Mechthild Küpper

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BERLIN, 2. Juni. Am 15. Dezember 1987, Karl-Heinz Kurras hatte gerade seine Pensionierung mit 60 erlebt, legte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) abermals einen "Vorgang" zu dem West-Berliner Kripobeamten an. Am Ende der 17 Bände, die sich kürzlich in der Hinterlassenschaft des MfS fanden, las man von Kurras' konspirativer Kontaktaufnahme mit seinem Führungsoffizier im Frühjahr 1976 in der Herrentoilette der Gaststätte im "Haus des Lehrers" in Ost-Berlin. Kurras war seit 1964 Mitglied der SED und hatte schon seit den fünfziger Jahren als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) "Otto Bohl" für das MfS spioniert. Aus den bisher bekannten Akten ist nicht zu ersehen, ob das MfS 1976 auf Kurras' Bereitschaft einging, weiter heimlich für Ost-Berlin zu spionieren: "Der Kurras verhielt sich so, als ob das letzte Zusammentreffen erst vor wenigen Tagen stattgefunden hat. In seinem Verhalten waren keine Veränderungen gegenüber den von ihm bekannten Verhaltenseigenschaften zu bemerken", heißt es. Es sei zu spüren, "dass der Kurras von der Richtigkeit seiner Handlungsweise überzeugt ist, kein Mitleid in irgendeiner Form hat".

Die "zweite Akte Kurras" umfasst sechs Blatt und ist wenig aussagekräftig. Wie die IM-Akte stammt sie aus der Bezirksverwaltung Berlin des MfS. Ende 1987 legte die Kreisdienststelle Berlin-Lichtenberg einen "Sicherungsvorgang" für Kurras an. Die Kopien von zwei "Index"-Karten mit der Registriernummer XV 5340/87 tragen das Datum 15. 12. 1987. Vom 22. Februar 1989 stammt das Formular "Übergabemitteilung/Abverfügung", darin wird als "Bezeichnung oder Deckname" das Wort "Vorstoß" genannt, nicht der alte Deckname von Kurras, "Otto Bohl". Das nächste Formular trägt den Titel "Beschluss": Beschlossen wird, unter dem Datum 11. Dezember 1987, "aus operativen Gründen/Interesse" einen Sicherungsvorgang "Vorstoß" anzulegen. Der nächste Beschluss stammt vom 29. November 1989 - die Berliner Mauer war gefallen - und verfügt die Archivierung des Vorgangs. Als Grund wird genannt: "Wegfall der operativen Gründe!" Die Akte umfasste zu dieser Zeit drei Blatt, sie sollte vernichtet werden, wozu es offenbar nicht mehr gekommen ist. Der Begriff "Sicherungsvorgang" erlaubt keine Schlüsse darauf, ob Kurras nur beobachtet oder abermals für eine Zuarbeit gewonnen werden sollte.

Am Dienstag legten Verbände der SED-Opfer in Erinnerung an den tödlichen Schuss von Kurras auf den Studenten Benno Ohnesorg Kränze vor der Deutschen Oper, dem damaligen Tatort, nieder. Sie wollten, hieß es, sich ausdrücklich vor dem "Opfer eines schießwütigen Agenten der DDR-Staatssicherheit" verneigen. Am 2. Juni 1967 hatte Kurras, damals in Zivil im Dienst, aus nächster Nähe Ohnesorg getötet, was zu einem Auslöser für die Studentenbewegung, die "außerparlamentarische Opposition" APO, aber auch für den westdeutschen Terror ("Bewegung 2. Juni") wurde. Dieser Tage löste das Bekanntwerden von Kurras' SED-Mitgliedschaft und seiner IM-Tätigkeit für das MfS eine Diskussion darüber aus, ob die westdeutsche Öffentlichkeit überhaupt ernsthaft an der Aufklärung des Stasi-Einflusses im Westen interessiert ist.

Kurras war nach dem Krieg Häftling im ehemaligen KZ Sachsenhausen. Nach den Unterlagen der heutigen Gedenkstätte Sachsenhausen wurde er im Dezember 1946 wegen illegalen Waffenbesitzes verhaftet, von einem sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt und im Februar 1950 aus Sachsenhausen entlassen. Die eigentliche Gefangenenakte liegt nach Auskunft des Sprechers der Gedenkstätte in Moskau, beim FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB. Diese Akten seien zwar für Rehabilitationszwecke nutzbar, bislang jedoch nicht der Forschung zugänglich.

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales prüft, ob es eine rechtliche Grundlage dafür gibt, von Kurras Leistungen zurückzufordern, die er in den fünfziger Jahren als Insasse des sowjetischen Speziallagers Sachsenhausen nach dem Häftlingshilfegesetz erhalten hat. Ferner wird geprüft, ob er eine SED-Opferpension beantragt hat, die es seit 2007 gibt. Die Polizei hat in der vergangenen Woche eine Waffe von Kurras abgeholt. Den letzten Band (Nr. 17) der Kurras-Akte hat der Generalbundesanwalt am Dienstag sperren lassen, bis er die Möglichkeit eines Auftragsmordes an Ohnesorg geprüft hat.

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