Home
http://www.faz.net/-1v1-13qbl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Die Zeit ist knapp

28.09.2009 ·  Terminplanungen für Afghanistan / Von Lothar Rühl

Artikel Lesermeinungen (0)

Die Forderungen des amerikanischen Isaf-Oberkommandierenden General McChrystal nach einer weiteren Verstärkung der amerikanischen Truppen in Afghanistan, zusammen mit der Warnung vor einer sonst "voraussichtlichen Niederlage", hat der Diskussion zwischen den Alliierten über Strategie und Taktik in diesem Konflikt neue Dringlichkeit verliehen.

Dabei wirkt die Aussage Präsident Obamas, die amerikanische Nation sei kriegsmüde, als der schon länger erwartete Schock. Die Zeit des Zuwartens mit einer graduellen Steigerung des militärischen, dann wieder des zivilen Engagements und wechselnden Prioritäten ist bisher ohne tragfähigen Erfolg verstrichen. In Washington hat der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, Admiral Mullen, den Kongressausschüssen erklärt, dass in 18 bis 24 Monaten eine Festigung des afghanischen Staates durch militärisch befestigte Sicherheit erreicht sein müsse. Dies sei das Kriterium des Erfolgs.

Diese Einschätzung entspricht auch dem innenpolitischen Kalender: Im November 2010 stehen die nächsten Teilwahlen des Kongresses an, 2012 die Präsidentenwahl. Die europäischen Alliierten sind nun überzeugt, dass Präsident Obama nicht mit einer sichtbar offenen Flanke in Afghanistan in die Vorwahlkampagne an der unruhig gewordenen Heimatfront ziehen will.

Die Perspektive einer nochmaligen Anstrengung endet für Amerika politisch spätestens im Herbst 2011. Für die Nato-Partner wie für das amerikanische Militär bedeutet dies, dass in diesen 24 Monaten ein präsentabler Erfolg erbracht werden muss und dass dafür eine konzentrierte militärisch-zivile Kraftanstrengung nötig ist. Wie soll diese geleistet werden?

Eine Antwort gab Admiral Mullen in der jüngsten Sitzung der alliierten Generalstabschefs im Nato-Militärausschuss in Portugal. Dort forderte er, dass die Nato-Partner den in Washington vorliegenden Bericht des Generals McChrystal zur Kenntnis nehmen und einen entsprechenden Beschluss fassen, also indirekt auch für Truppenverstärkungen der Nato insgesamt votieren sollten. Diese Forderung wurde von den französischen und deutschen, schließlich auch von anderen Alliierten abgelehnt.

Trotzdem ist allen an der Isaf beteiligten Nato-Partnern klar, dass die von den amerikanischen Kommandeuren wie von anderen Führern der alliierten Kontingente für notwendig erachteten Truppenverstärkungen, dazu gesteigerter Aufwand für die zügige Verstärkung der afghanischen Armee und Polizei, unausweichlich werden, wenn die Konzentration der Kräfte in den kommenden 18 bis 24 Monaten zustande kommen und im Lande greifen soll, um dann die Verantwortung für die Sicherheit auf afghanische Schultern zu legen.

Die Größenordnung von rund 400 000 bewaffneten Kräften, die die Generale McChrystal und Petraeus für zweckmäßig erklärt haben, lässt sich in zwei Jahren nicht erreichen, denn die afghanischen Armee- und Polizeistärken sind gerade einmal bei etwa der Hälfte der 300 000, die Afghanistan braucht, bei einer Unterstützung von rund 100 000 bis etwa 150 000 alliierten Soldaten. Diese müssen dafür optimal gegliedert und neu stationiert sein und sollen danach schrittweise abgezogen, also später von afghanischen Kräften ersetzt werden.

Dabei ist zu bedenken, dass die viel stärkeren sowjetischen Truppen über einen Zeitraum von drei Jahren aus Afghanistan abgezogen und dass dafür auch Stillhalteabkommen mit den afghanischen "Mudschahedin" vereinbart und gehalten wurden.

Es stehen also viele Fragezeichen sowohl hinter den Gleichungen für einen Kräfteaufbau zur konzentrierten Kraftanstrengung in den kommenden eineinhalb bis zwei Jahren als auch für einen gesicherten strategischen Rückzug ohne offenkundige Gefährdung des afghanischen Staates. Offen ist weiterhin, wie dies ohne Verständigungen wenigstens mit den regionalen Machthabern zuwege gebracht werden sollte, von denen einige auch "warlords" und Rauschgiftbarone sind.

Die "umfassende schlüssige Strategie", die Präsident Obama vor weiteren Truppenverstärkungen gefordert hat, muss den Abzug mit einplanen und vorbereiten, wenn die gesamte Operation politisch wie militärisch gelingen soll, statt in einem leicht verzögerten Desaster wie in Vietnam zu enden. In diesem Scharnier zwischen Kräfteaufbau und Kräfteabbau nach der Verlagerung der Sicherheitsbürde auf noch nicht vorhandene afghanische Kräfte liegt das Kriterium der "Kohärenz" der neuen Strategie, die der Präsident in Washington von seinen Militärs und von seinen Alliierten fordert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen