27.11.2009 · Der Prozess gegen Verena Becker wird vielleicht endlich klären, wer am 7. April 1977 den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback in Karlsruhe erschoss. Und warum nicht schon viel früher in dieser Sache gegen die ehemalige RAF-Terroristin Anklage erhoben wurde. Von Majid Sattar
Nach 58 Tagen Hungerstreik stirbt Holger Meins am 9. November 1974 in der Justizvollzugsanstalt Wittlich. Trotz Zwangsernährung wiegt er zuletzt noch 39 Kilogramm. Bei der Beerdigung in Hamburg tritt Rudi Dutschke vor sein Grab, streckt die Faust in den Himmel und ruft: "Holger, der Kampf geht weiter." Es ist die Geburtsstunde der zweiten Generation der Roten Armee Fraktion. Siegfried Haag, Meins' Anwalt, gehört zu jenen, die im Auftrage Andreas Baaders den Nachwuchs keilen. Seine Heidelberger Kanzlei dient als Rekrutierungsbüro für den Untergrund. Mit Beginn der Stammheimer Prozesse taucht er ab. Vom Spätherbst an baut er gemeinsam mit Roland Mayer eine neue Gruppe auf. Der Haag-Mayer-Bande gehören unter anderen Christian Klar, Günter Sonnenberg und Knut Folkerts an, die später im RAF-Slang die Förstergruppe genannt wird. Sie kommen alle aus dem Schwarzwald.
Haag reist in jener Zeit in den Nahen Osten und nimmt Kontakt zur PLO auf. Er erhofft sich Unterstützung von Jassir Arafat. Doch dieser erklärt ihm, er habe seine Strategie geändert, anstelle von "militärischen Aktionen" baue er nun auf Verhandlungen. Er verweist Haag aber an die PFLP von Georges Habash. Die Gruppe unterhält im Südjemen ein Terrorlager. Haag fliegt nach Aden. In dem Ausbildungslager trifft Haag auf jene Terroristen, die die "Bewegung 2. Juni" im März 1975 mit der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz freigepresst hatte - unter ihnen ist Verena Becker.
Dass die 23 Jahre alte zierliche Frau später als besonders militante Terroristin auffallen sollte - darauf deutete nichts in ihrem Leben hin. Sie zählte zu den wenigen RAF-Mitgliedern, die nicht aus bürgerlichem Elternhaus stammte. 1952 wird sie in Westberlin geboren, neun Geschwister hat sie; es ist eine karge Kindheit. Sie besucht nach der Mittleren Reife eine Haushaltsschule und verdingt sich dann eine Zeitlang als Arbeiterin in einer Fleischfabrik. 1971 wird sie arbeitslos. Über Inge Viett gerät sie in die linke Szene, schließt sich radikalfeministischen Zirkeln an und zertrümmert Fensterscheiben Westberliner Sexshops. Nach solchen Aktionen werden Botschaften hinterlassen: "Die schwarze Braut kommt." Sie arbeitet in der "Schwarzen Hilfe" mit, einer Gruppierung, die sich für "anarchistische Gefangene" einsetzt. Spätestens jetzt ist sie im Sympathisantenkreis des Terrorismus angekommen. Über Bommi Baumann gelangen Becker und ihre Freundin Viett schließlich zur "Bewegung 2. Juni", der Terrorgruppe des westdeutschen Proletariats. Mit der bourgeoisen RAF hat sie noch nichts zu tun.
1972, nach dem nordirischen Bloody Sunday, jenem Blutsonntag von Londonderry, an dem in Nordirland 13 Katholiken durch britische Polizisten getötet werden, macht die "Bewegung 2. Juni" Schlagzeilen. Becker legt mit ihren Kumpanen Bomben auf dem Gelände des Britischen Yachtclubs in Berlin - ein Bootsbauer, der eine Bombe findet, stirbt bei der Explosion. Später wird Viett über Becker schreiben: "Plötzlich entdecke ich hinter dem verschmitzten Mädchengesicht eine entschlossene junge Frau." Einer der Bombenleger vertraut sich dem Verfassungsschutz an. Becker und die anderen werden verhaftet. 1974 wird sie zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren verurteilt.
Als Becker im März 1975 das Flugzeug in den Jemen besteigt, das die Bundesregierung den Freigepressten zur Verfügung stellt, macht sie schnell gegenüber den anderen Kampfgenossen deutlich, dass es ihr nun um die RAF gehe. Hier auf der Arabischen Halbinsel wird in den folgenden Monaten die größte Terrorwelle geplant, die die Bundesrepublik für immer verändern sollte. Unterschiedliche Zellen kommen zusammen: die Haag-Mayer-Gruppe, die Leute vom "2. Juni" - später stoßen auch Peter Jürgen Boock und Stefan Wisniewski zu den anderen im Ausbildungscamp. In der südjemenitischen Wüste versammelt sich die selbsterklärte Avantgarde des Guerrillakrieges: Man bereitet die Weltrevolution vor, tauscht sich mit dem internationalen Top-Terroristen Carlos aus und lässt sich den Kampf der Palästinenser gegen die "Zionisten" und die amerikanischen Imperialisten erklären. Im Wüstenstaub entstehen die Ideen zur Befreiung der Stammheimer ("Big Raushole"), zur Geldbeschaffung ("Big Money") und zur Tötung von herausragenden Vertretern des "Schweinesystems". Es gibt gruppendynamische Prozesse, zeitweise regelrechten Zoff - und Verena Becker, die sich im Jemen den Deck- und Kampfnamen "Sola" gibt, ist nicht nur eine der Wortführerinnen, sie und Haag werden auch ein Paar.
Zurück in Westdeutschland, kommt es zu Komplikationen. Am 30. November 1976 fahren zwei Männer in einem Opel Admiral auf der A 5 in Höhe von Butzbach nördlich von Frankfurt. Einer Polizeistreife fällt das Fahrzeug auf, weil es ein gefälschtes Hannoveraner Kennzeichen hat. Die beiden Männer - es handelt sich um Haag und Mayer - werden überprüft. Obwohl Haag eine Pistole im Hosenbund trägt, lässt er sich widerstandslos verhaften. Im Wagen finden sich brisante Aufzeichnungen. Darunter ein verschlüsselter Text: a) "Big Money - H.M. auschecken, mit Marie diskutieren, wo den Typ bunkern", b) "Raushole" . . . c) "Margarine". "H.M." steht für Hanns Martin Schleyer, "Margarine" für die Abkürzung SB, der Name einer damals bekannten Margarinesorte - es sind auch die Initialen Siegfried Bubacks, des Generalbundesanwalts. Weiter findet die Polizei eine Skizze mit der Bemerkung "BÜAW". Es ist der Fluchtweg der späteren Mörder Bubacks über den "Bahnübergang am Wasserwerk". Die Fahnder wissen nichts mit ihrem Fund anzufangen.
Doch mit Haags Festnahme hatte die soeben erst geformte zweite Generation ihren Kopf verloren. Die Stammheimer reagierten entsetzt, vor allem weil dieser sich seiner Verhaftung nicht "mit der Knarre" widersetzt hatte und so unvorsichtig war, sensibles Material im Auto mitzuführen. Baader und Ensslin pflegen in dieser Zeit in Stammheim einen intensiven Austausch mit Brigitte Mohnhaupt - sie wird bald wieder auf freiem Fuß sein. Mohnhaupt war 1971 zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Baader kürt sie zum neuen Kopf der Leute draußen, instruiert sie intensiv und verkündet der RAF seinen Beschluss über ein Kassiber: ". . . dass die Mohnhaupt jetzt 'ne Art Befehlsgewalt hat". Anfang 1977, gut zwei Monate vor dem Attentat von Karlsruhe, kommt Mohnhaupt frei. Umgehend nimmt sie Kontakt zu ihren Leuten auf - zu Peter Jürgen Boock und zu Christian Klar.
Die Mörder Bubacks formieren sich im "Kommando Ulrike Meinhof" - Meinhof hatte sich 1976 in ihrer Zelle erhängt. Stefan Wisniewski erklärte 1997, noch vor seiner Begnadigung, der "Tageszeitung", warum der Generalbundesanwalt sterben musste: Buback sei der oberste "Terroristenjäger" gewesen, verantwortlich für die Haltung gegenüber den Gefangenen. "Für uns war er auch verantwortlich für den Tod Siegfried Hausners, den er aus Stockholm abtransportieren ließ, obwohl er lebensgefährlich verletzt war. Und wir sahen in ihm den Verantwortlichen für den toten Trakt und die Haftbedingungen von Ulrike Meinhof." Dem habe man "Grenzen setzen" wollen. Nach einer anderen Version war das Attentat auf Buback ein regelrechter Auftragsmord gewesen. Andreas Baader habe über Kassiber den Befehl formuliert: "Der General muss weg."
Dem Kommando gehören an: Klar, Sonnenberg sowie Mohnhaupt. Letztere lediglich als Drahtzieherin - denkt sie, sie werde observiert? Strittig ist, wer noch am Tatort war: Folkerts, Wisniewski oder Becker. Boock und Mohnhaupt waren jedenfalls zu dieser Zeit in Bagdad, wo sie mit der PFLP bereits die nächste Aktion besprachen: Es ging um eine Geiselnahme und eine Flugzeugentführung - Zielflughafen Aden. Am 1. April 1977 versuchen Sonnenberg und sein Begleiter - das BKA glaubt: Folkerts - in Mönchengladbach ein Motorrad zu mieten. Der Inhaber misstraut den Kunden. In Düsseldorf mietet Sonnenberg als "Hans Georg Schäfer" dann eine Suzuki 750 GS. Das Motorrad wird äußerlich verändert und das Düsseldorfer Nummernschild durch ein Ludwigsburger ersetzt. Am 2. April kauft ein RAF-Mitglied - mutmaßlich Christian Klar - einen silberfarbenen Alfa Romeo unter dem Namen "Hans Dieter Götz". Das spätere Fluchtauto wird in bar bezahlt. Spätestens vom 6. April an ist die Förstergruppe in Karlsruhe - hier kennt man sich aus: Klar, Sonnenberg und auch Folkerts haben hier vor ihrem Untertauchen zusammen in einer WG gelebt. Zeugen werden später aussagen, das Motorrad und zwei der Männer in Karlsruhe am Vortrag des Mordes gesehen zu haben.
Am 7. April warten zwei Täter in der Früh an einer Tankstelle auf Bubacks Wagen. Die Tankstelle ist nicht weit von seinem Dienstsitz entfernt. Bubacks sitzt auf dem Beifahrersitz des Mercedes, am Steuer ist Fahrer Wolfgang Göbel, hinten sitzt der Sicherheitsbeamte Georg Wurster. An einer roten Ampel kommen sie auf einer vierspurigen Straße zum Halt. Von links nähert sich die Suzuki. Bei Grün zieht der Beifahrer die verkürzte Heckler & Koch aus seiner braunen Reisetasche und schießt mindestens 15-mal durch das Seitenfenster - Buback und Göbel sterben noch am Tatort, Wurster sechs Tage später. Motorrad und Helme werden in dem Hohlraum eines Brückenpfeilers in Wolfahrtsweier bei Karlsruhe gefunden. Mit dem Alpha Romeo fliehen die Täter samt Fahrer vorbei an einer Kontrollstelle in Richtung Bietigheim, wo sie den Zug nach Wien nehmen. Mehrere Presseagenturen erhalten ein Bezichtigungsschreiben: "Für ,Akteure des Systems selbst' wie Buback findet die Geschichte immer einen Weg."
Binnen Minuten wird eine Ringfahndung ausgerufen; erstmals tritt in Bonn der "Kleine Krisenstab" zusammen. Aufgrund der Anmietung des Motorrads wird Sonnenberg schnell zum Hauptverdächtigen. Er ist der eigentliche Gejagte. Unmittelbar nach der Tat gilt auch Verena Becker als tatverdächtig - so steht es in BKA-Dokumenten. Ein Polizeisprecher erklärt noch am Tag des Mordes: Als Schütze komme eine Frau in Betracht. Drei Tatzeugen sagen unabhängig voneinander aus, eine "zierliche Person" auf dem Motorrad gesehen zu haben. Die Umstände der späteren Verhaftung Verena Beckers werden diesen Verdacht erhärten. Trotzdem korrigiert sich das BKA schon einen Tag nach der Karlsruher Tat und nennt drei Männernamen als Haupttäter: Sonnenberg, Klar und Folkerts.
Am 3. Mai 1977 sitzen morgens kurz nach 8 Uhr Becker und Sonnenberg in Singen in einem Café unweit des Hauptbahnhofs und trinken Kaffee - sie waren in der Früh mit einem Nachtzug aus Essen gekommen. Dort und in Köln hatten sie Banken ausgeraubt. Nun waren sie auf dem Weg nach Zürich - wahrscheinlich über die grüne Grenze. Dorthin hatte Verena Becker einen Koffer geschickt, dessen Gepäckschein sie bei sich trug. Womöglich wollte man sich dort mit Gaby Kröcher treffen, einer Mitkämpferin Beckers aus der "Bewegung 2. Juni". Eine Rentnerin beobachtet das Paar und glaubt in beiden Knut Folkerts und die Terroristin Juliane Plambeck zu erkennen, deren Bilder sie aus dem Fernsehen kennt. Sie verlässt das Café Hanser und geht zur Polizeiwache: "Da sitzen zwei Terroristen." Zwei Beamte gehen zum Café und identifizieren den Mann eindeutig nicht als Folkerts - Sonnenberg erkennen sie nicht. Sie wollen schon umkehren, entschließen sich dann aber doch, die Personalien der beiden aufzunehmen. Sonnenberg und Becker bedauern, ihre Ausweise lägen im Auto. Man zahlt und begibt sich zum Parkplatz.
Plötzlich greifen die beiden zu ihren Waffen und schießen auf die Beamten, verletzten einen schwer. Sie halten einen Wagen an und fahren Richtung Donaueschingen. Becker versucht, ein automatisches Gewehr aus dem Rucksack zu ziehen, der später im gekaperten Wagen zurückbleibt. Mangels Ortskenntnis geraten die beiden mit ihrem Auto aber auf Abwege und müssen zu Fuß flüchten. Ein Polizist erreicht kurz darauf das Auto, findet das Gewehr und schießt damit auf die Flüchtenden. Verena Becker hatte die Waffe liegengelassen. Sonnenberg wird im Kopf und Becker im Oberschenkel getroffen - just aus jener HK 43, mit der Siegfried Buback ermordet worden war.
In dem Rucksack finden die Ermittler später ein halbes Dutzend Pistolen. Auch entdecken sie einen Schraubenzieher, der zum Bordwerkzeug der Suzuki gehörte. Später wird der Rucksack Sonnenberg zugeordnet - mag sein, dass er die schwere Tasche getragen hatte. In Beckers Umhängetasche aber befanden sich Patronen für die HK 43. In dem Züricher Koffer befinden sich Klamotten, an denen die Ermittler später Frauenhaare entdecken, die auch im Fluchtfahrzeug beziehungsweise am Motorrad gefunden wurden. Eine Haarspur vom Helm ergab keine Übereinstimmung mit Becker. Eine weitere Spur soll nach einem angeblichen BKA-Gutachten von Verena Becker stammen. Dieses Gutachten ist verschwunden - oder aber es gibt es gar nicht. Und die Haarspur von damals gilt als "verbraucht", weil sie offenbar bei der Analyse von damals chemisch bearbeitet wurde.
Im Haftbefehl vom 10. Mai 1977 werden beide des Mordes an Buback dringend verdächtigt. In dem Beschluss heißt es, "dass die Beschuldigte Verena Becker in die Ausführung des Attentats als Mittäterin einbezogen war". Im August beginnt das Verfahren gegen Becker, die sich im Hungerstreik befindet: Im Dezember wird sie wegen sechsfachen Mordversuchs und räuberischer Erpressung zu einer lebenslangen Strafe verurteilt. Das von der Singener Schießerei abgetrennte Verfahren wegen des Mordes von Karlsruhe wird 1980 eingestellt. Auch Sonnenberg wird nicht wegen des Buback-Attentats angeklagt. Man hatte sie ja nun zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Was sollte also eine weitere Ermittlung bringen, zumal diese schwieriger geworden wäre? Das Land befand sich im Ausnahmezustand. Während der Verfahren gegen Sonnenberg und Becker wurde Schleyer entführt. Die Ermittlungen laufen - günstigenfalls interpretiert - nachlässig: Wichtige Zeugenaussagen werden nicht in die Ermittlungsakten aufgenommen, Gegenüberstellungen bleiben aus, et cetera. Prozessökonomie, sagt die Bundesanwaltschaft.
Verena Becker lernt in den folgenden Jahren die Gefängnisse der Republik kennen. Den Selbstmord der ersten RAF-Generation in Stammheim erlebt sie ebendort - in einem Seitentrakt. Offenbar wird sie von Baader nicht in die Pläne eingeweiht. Sie wird nach Frankfurt-Preungesheim verlegt und kommt später nach Köln-Ossendorf. Spätestens hier wird sie vom Bundesamt für Verfassungsschutz bearbeitet. Bekannt ist, dass sie 1981 unter dem Vorwand einer Tuberkulose-Erkrankung angeblich in eine Tbc-Zelle nach Kassel verlegt wird. Tatsächlich ist sie in einer Kölner Wohnung und packt über die RAF aus. So frei erfunden ist die Geschichte mit der Verlegung nach Kassel aber nicht. Becker wurde schon viel früher, Anfang 1978, nach Kassel verlegt und hatte offenbar viel früher als bisher bekannt Kontakt zum Verfassungsschutz. In Kassel sei sie mehrfach von einem "Geistlichen" aufgesucht worden, erzählt jemand, der es wissen muss und dem der vermeintliche Pfarrer verdächtig vorkam. Deshalb erkundigte er sich über den "Pfarrer". In der Pfarrei, aus der er kommen soll, ist ein Pfarrer mit diesem Namen nicht bekannt.
Verena Becker schwieg aber offenbar bis 1981. Die Haftbedingungen in Ossendorf haben Becker nach Aussagen von Mithäftlingen mit der Zeit ausgezehrt. Sicher ist, das belegt ein Behördenzeugnis, das diese Zeitung einsehen konnte, dass Verena Becker seinerzeit Stefan Wisniewski als dritten Täter belastete, wie es später auch Peter-Jürgen Boock tat. War es eine Entlastungsaussage Beckers? Bald nach ihrer Offenbarung, für die sie nach ihrer Begnadigung von der Kölner Behörde Geld bekommen hat, wurden Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar verhaftet. Die Sicherheitsbehörden wussten nun plötzlich von den Waffendepots der RAF, die beide öfters aufsuchten. Ein Zufall? Becker fühlte sich erbärmlich und vertraute einer "Kampfgenossin" an, dass sie sich dem Verfassungschutz offenbart hatte. Die RAF ächtete sie umgehend. Sie erhielt nun kein Kassiber mehr, war völlig isoliert. Becker versuchte, Selbstmord zu begehen.
Für den Mord an Buback wurden Klar wegen Mittäterschaft und Mohnhaupt als Rädelsführerin verantwortlich gemacht. Verurteilt wird auch Folkerts. Er wird 2007 relativ gleichgültig zu Protokoll geben, dass er an dem Tag zunächst in Köln eine Bank für einen späteren Raub inspiziert habe. Silke Maier-Witt wird 1990, nach ihrer Festnahme in der DDR, aussagen, Folkerts habe sie am Nachmittag an der holländischen Grenze getroffen und abends noch in die Niederlande gefahren. Das BKA verweist darauf, dass man morgens in Karlsruhe und abends in Holland sein könne - und blendet aus, dass der Fußmarsch über die grüne Grenze Stunden dauern kann.
Die letzten Jahre der Haft verbringt Becker in der Justizvollzugsanstalt im niederrheinischen Willich-Anrath. 1989 wird Becker von Richard von Weizsäcker begnadigt. Der aus dem September stammende Gnadenakt des Bundespräsidenten wird am 30. November wirksam. Der bittere Zufall will es, dass die dritte Generation der RAF an diesem Tag Alfred Herrhausen tötet. Verena Becker geht zurück in ihre Geburtsstadt Berlin, wo drei Wochen zuvor die Mauer gefallen ist. Sie macht eine Ausbildung zur Heilpraktikerin, erkrankt aber bald an einer Autoimmunschwäche. Sie lebt im bürgerlichen Stadtteil Zehlendorf im Haus einer ihrer Schwestern und beschäftigt sich mit Esoterik.
Private Nachforschungen Michael Bubacks, des Sohnes des Ermordeten, über die in der Öffentlichkeit berichtet wird, beschäftigen und beunruhigen sie. Sie führen dazu, dass die Bundesanwaltschaft im Frühjahr 2008 die Ermittlungen gegen sie und Wisniewski wiederaufnimmt. So wird ein Telefonat zwischen ihr und der inzwischen begnadigten Brigitte Mohnhaupt abgehört, das das BKA zu den alten Bekennerschreiben führt. An ihnen werden Speichelspuren von ihr entdeckt. Bei einer Wohnungsdurchsuchung im August dieses Jahres werden mehrere Computer beschlagnahmt, auf denen sich Übungen für "intuitives Schreiben" in therapeutischer Absicht finden. In einem Dokument heißt es: "Nein, ich weiß noch nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll. Ich habe kein wirkliches Gefühl für Schuld und Reue." Gemeint ist nicht Siegfried, sondern Michael Buback. Außerdem finden die Ermittler einen Zettel mit der Jahreszahl des Mordes und dem Satz: "Natürlich würde ich es heute nicht wieder machen." Am 27. August wird Verena Becker verhaftet. Im Frauengefängnis in Berlin-Pankow wartet sie auf ihren Prozess.