07.11.2008 · Es wird wohl wieder ein wenig wie früher sein im Wendland - jetzt da der Castor-Transport in Richtung Gorleben rollt. Hedi Wegener (SPD) kennt sich aus mit diesen Protesten gegen das Zwischenlager; mit "hohlen Berufsdemonstranten" ...
Es wird wohl wieder ein wenig wie früher sein im Wendland - jetzt da der Castor-Transport in Richtung Gorleben rollt. Hedi Wegener (SPD) kennt sich aus mit diesen Protesten gegen das Zwischenlager; mit "hohlen Berufsdemonstranten" und "Krawallmachern", wie sie manche Aktivisten nennt, aber auch mit den ernsthaften Sorgen der Bewohner der Region und angereister Atomkraftgegner. Sie ist Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises 37 "Lüchow-Dannenberg - Lüneburg". Früher hat sie mehrmals als Konfliktschlichterin zwischen den atomausstiegsbewegten Protestierern und der Polizei vermittelt, hat etwa dafür gesorgt, dass beizeiten "einer aus dem Kessel durfte, um seine Notdurft zu verrichten".
Bis vor kurzem noch hatte sich für lange Zeit kaum jemand mehr für das idyllische Wendland interessiert, das schon seit Jahren zunehmend verödet. Vor der Wende erholten sich hier die Großstädter aus Hamburg und Berlin. Schließlich liegt das Wendland kurz hinter der einstigen Grenze zur DDR. Der Wegfall dieser Grenze hat an der Randlage wenig geändert. Und die Berliner urlauben jetzt anderswo. Wenn in der Landesregierung vielsagend von einer "landwirtschaftlich geprägten Region" die Rede ist, sind damit vernachlässigte Dörfer gemeint, leerstehende Gehöfte - schlecht angebunden an die wichtigen Verkehrsadern. "Die Bahnstrecke von Lüneburg nach Dannenberg wäre sicher schon stillgelegt worden, wenn es nicht den Castor-Transport gäbe", sagt die Abgeordnete Wegener. Das Defizit im Haushalt des Kreises von etwa sieben Millionen Euro 2007 wird sich nach Schätzungen der Landesregierung 2009 auf etwa neun Millionen Euro vergrößern - und es wird nicht erwartet, dass dort in absehbarer Zeit ein ausgeglichener Haushalt erreicht werden kann. Das sogenannte Gorleben-Geld, das an die Gemeinde geht, hilft da nur punktuell. Die Gemeinde ist auch gespalten - in jene, die es dankbar annehmen, und jene, die es als "Schmiergeld" ablehnen.
In großem Stil kann Fördergeld aus Brüssel fließen. Die Region um Lüchow, seit 2007 mit der höchsten Förderstufe der EU gesegnet, ist "Ziel-Eins-Region". Eine Region, in der das Pro-Kopf-Einkommen - wie zum Beispiel auf Sizilien oder in Ostungarn - bei etwa 75 Prozent des europäischen Durchschnitts liegt. Gut 900 Millionen Euro könnten daher bis 2013 in die Region fließen. Damit wird nun etwa die Einrichtung einer Akademie für erneuerbare Energien in Lüchow finanziert.
Der größten Stadt im Wahlkreis, Lüneburg, geht es deutlich besser. Und es könnte noch besser werden, wenn die geplanten Infrastrukturprojekte greifen: Mit dem Bau der A 39, bei der nach einigem Streit über die Trassenführung zumindest das Linienbestimmungsverfahren abgeschlossen ist, könnte 2013 oder 2014 begonnen werden. Das soll die Anbindung der Region an Städte wie Wolfsburg und eben Hamburg verbessern - und eine große autobahnfreie Zone besser erschließen. Außerdem soll der Lüneburger Hafen ausgebaut werden. Dort ist ein Gewerbegebiet geplant, in dem sich neben Logistik-Unternehmen auch verarbeitende Betriebe ansiedeln sollen. Geplant ist zudem der Ausbau des Elbe-Seitenkanals und des Schiffshebewerks in Scharnebeck. Lüneburg könnte so vom nahen Hamburg profitieren. Im niedersächsischen Wirtschaftsministerium geht man davon aus, dass sich das Containeraufkommen im Hamburger Hafen bis 2015 annähernd verdoppeln wird - auf rund 18 Millionen im Jahr.
Das beschauliche Lüneburg will sich dabei natürlich nicht auf eine Schlafstadt im Speckgürtel Hamburgs reduzieren lassen - auch wenn viele, die in Lüneburg wohnen, zur Arbeit nach Hamburg pendeln. "Auf Augenhöhe", sagt der SPD-Oberbürgermeister der sozialdemokratisch dominierten Stadt, Ulrich Mädge, begegne er den Emissären des Hamburger Senats. So reklamieren die Lüneburger hanseatische Tugenden wie Weltoffenheit selbstverständlich auch für sich. Dass Lüneburg boomt, schlägt derweil nicht auf die Finanzlage der Stadt durch, deren Oberbürgermeister nach eigenen Worten - etwa mit Blick auf die "unterfinanzierte Universität" - immer noch mit "engen Budgets" operieren muss.
"Hannover ist fern", sagt Mädge, und er meint damit wohl nicht nur den Umstand, dass die Landesregierung politisch anders gefärbt ist als seine Stadt. Auch der Machtkampf in der niedersächsischen SPD, bei dem es darum geht, den Landesverband auf Kosten der vier Bezirksverbände zu stärken, erschwert die Lobbyarbeit bisweilen. Zu Gerhard Schröder, der einst - nicht nur für die Proteste gegen Gorleben - das Wendland öfters aufsuchte, habe er "einen engen Draht" gehabt, sagt Mädge.
Aber Lüneburg kann in eigener Sache inzwischen auf ganz anderen Kanälen funken. "Einer der größten strategischen Erfolge", sagt Oberbürgermeister Mädge halb im Spaß, sei, dass Lüneburg zum Schauplatz der Seifenoper "Rote Rosen" erkoren wurde. Nun sind die mittelalterlichen Fachwerkbauten und die malerischen Gassen der Altstadt schön regelmäßig im Vorabendprogramm zu sehen, und die Stadt freut sich über einen regelrechten Rote-Rosen-Tourismus. Christoph Ehrhardt