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Der russische Fuß in der Tür zum Westen

31.01.2010 ·  Sewastopol und die dort stationierte russische Schwarzmeerflotte sind ein Quell steter Spannungen zwischen Moskau und Kiew, seit die Ukraine 1991 unabhängig wurde. Von Reinhard Veser

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Sewastopol, im Januar

Wolodymyr Karasin und Walerij Saratow sind feindliche Nachbarn. Karasin residiert in der Leninstraße 2 in Sewastopol, er ist der vom ukrainischen Präsidenten in Kiew ernannte stellvertretende Bürgermeister der Stadt auf der Halbinsel Krim. Saratow ist der Hausherr in Nummer 3 auf der anderen Straßenseite, wo der Stadtsowjet seinen Sitz hat, der von den Einwohnern der Stadt gewählt wird, die mehrheitlich russisch sprechen, denken, fühlen. Es dürfte unmöglich sein, Karasin und Saratow dazu zu bringen, Gutes übereinander zu sagen.

Sewastopol und die dort stationierte russische Schwarzmeerflotte sind ein Quell steter Spannungen zwischen Moskau und Kiew, seit die Ukraine 1991 unabhängig wurde. Sechs Jahre brauchten die beiden Staaten danach, um die Teilung der einstigen sowjetischen Schwarzmeerflotte und die Bedingungen auszuhandeln, unter denen die russische Flotte den Hafen Sewastopol, der der Ukraine gehört, weiter nutzen darf. Im Jahr 2017 läuft der Stationierungsvertrag aus. Während in der Ukraine Nationalisten wie westorientierte Demokraten darin die Chance sehen, die ungeliebte russische Flotte loszuwerden, tut Moskau so, als habe es ein unverbrüchliches Recht darauf, den Stützpunkt darüber hinaus zu behalten - und führt das als Hauptargument dafür an, dass eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine seine Sicherheitsinteressen verletzen würde.

Wolodymyr Karasin spielt die Bedeutung dieser Frage herunter: Natürlich sei die russische Schwarzmeerflotte ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Sewastopol, aber falls sie abziehe, werde das die Stadt nicht vor große Probleme stellen, sagt er. Verglichen mit dem, was vor 20 Jahren gewesen sei, sei die Flotte ja schon so gut wie abgezogen: "Damals war das Hafenbecken so voll von Kriegsschiffen, dass man das Wasser kaum noch gesehen hat." In diesen Wintertagen aber kann ein unangenehmer feuchtkalter Wind ungehindert über die weite Wasserfläche der Bucht in die Straßen der Stadt wehen. Mit der Entlassung von mehr als 2000 Angestellten der russischen Schwarzmeerflotte vergangenes Jahr und 8000 weiteren Entlassungen, die im Zuge der russischen Armeereform für dieses Jahr geplant seien, gebe Russland doch selbst das Signal, dass sich Sewastopol eine andere Zukunft suchen müsse.

Der Stadtsowjet-Vorsitzende Walerij Saratow dagegen zieht das Thema hoch auf die Ebene der ganz großen Politik. Auf die Frage, was der Abzug der russischen Marine für Sewastopol bedeuten würde, antwortet er mit einer Gegenfrage: Ob Amerika denn seinen Stützpunkt auf der japanischen Insel Okinawa aufgeben wolle? "Wenn Russland die Nato als Bedrohung ansieht, können wir in Sewastopol nicht ruhig bleiben", sagt Saratow. "Wir halten es für selbstverständlich, dass die russische Flotte hierbleibt."

Saratow gehört zur "Partei der Regionen", deren Kandidat Viktor Janukowitsch der Favorit für die Stichwahl um das Amt des ukrainischen Präsidenten am 7. Februar ist. Aber damit, dass die Krim zu einem unabhängigen ukrainischen Staat gehört, scheint er sich auch 18 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion noch nicht ganz abgefunden zu haben. Die Äußerungen des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow, dass die Krim russisches Eigentum sei, möchte er eigentlich nicht kommentieren: "Ich habe ihn in den vergangenen Jahren oft persönlich getroffen, und zu mir hat er so etwas nie gesagt." Luschkow freilich hat öffentlich gesprochen - und Saratow kann nicht entgangen sein, dass der Moskauer Bürgermeister deswegen von der Ukraine zur Persona non grata erklärt worden ist. Erst nachdem er wieder eine rhetorische Gegenfrage gestellt hat - ob Russland nicht auch Alaska von den Vereinigten Staaten zurückfordern könne? -, lässt Saratow sich doch zu einer sehr gewundenen Stellungnahme herab: Jene Parteien, die Luschkows Meinung teilten, stellten im Stadtsowjet nur ein Zehntel der Abgeordneten, man könne also sagen, dass die Mehrheit der Sewastopoler diese Ansicht für "radikal" hielten. "Aber wir verstehen die Genossen, die eine solche Meinung haben."

Der Moskauer Bürgermeister ist in Sewastopol eine große Nummer - und das nicht nur wegen seiner nationalistischen Äußerungen, man munkelt auch über geschäftliche Interessen. Die Stadt Moskau hat in Sewastopol etwa 3000 Wohnungen für Offiziere der russischen Schwarzmeerflotte gebaut. Der Stadtsowjet-Vorsitzende Saratow stellt das als Wohltat der Stadt Moskau dar, die mit Mitteln aus ihrem Haushalt den Russen auf der Krim zu einer würdigen Unterkunft verholfen habe. Der ukrainische Verwaltungsmann Karasin dagegen berichtet lieber, dass es wegen der Wohnungen vergangenes Jahr erstmals gegen Moskau gerichtete Proteste gegeben habe: Es handele sich um Dienstwohnungen der russischen Schwarzmeerflotte, und jene ihrer Angestellten, die wegen der Armeereform schon entlassen worden seien, hätten ausziehen müssen. "Tausche Liebe zu Russland gegen Drei-Zimmer-Wohnung in Sewastopol", habe eine Losung der Proteste gelautet.

Karasin erzählt das mit sichtlichem Vergnügen. Statt der russisch-patriotischen Rhetorik seiner Widersacher von der anderen Straßenseite Gleiches in Ukrainisch entgegenzuhalten, zieht er sie durch den scheinbar bodenständigen Pragmatismus des kommunalen Kümmerers ins Lächerliche. Dem Stadtsowjet, der sich unter dem Motto "Wir reden und lernen auf Russisch" gegen eine angebliche Zwangsukrainisierung der Jugend in Sewastopol wendet, erwidert er zweierlei: das Argument, dass in 67 der 68 Schulen der Stadt auf Russisch unterrichtet werde - und das eigene Motto "Wir reden miteinander und lernen". Aber auch manche Aufregung über die Krim in der Ukraine und im Westen hält Karasin für übertrieben - die Sorge über die Vergabe russischer Pässe auf der Halbinsel etwa. Dieses Problem sei "ausgedacht", sagt er. Nach dem russisch-georgischen Krieg im Sommer 2008 hatten Berichte, Russland vergebe an die Bewohner der Krim massenhaft russische Pässe, die Sorge hervorgerufen, der Kreml bereite so den Boden, um bei einer Eskalation des Streits über die Schwarzmeerflotte dort eingreifen zu können - schließlich war der Einmarsch in Georgien damit gerechtfertigt worden, in Südossetien hätten russische Staatsbürger geschützt werden müssen. Alles halb so wild, sagt Karasin, denn erstens hätten höchstens 12 000 der etwa 380 000 Einwohner einen russischen Pass, und zweitens seien viele von denen, die verbotenerweise einen russischen und einen ukrainischen Pass besäßen, eigentlich ein Problem für die Russen: Es seien ihre Offiziere, die nach dem Dienst lieber in der Ukraine als in Russland leben wollten.

Berichte über die Krim als potentiellen Konfliktherd wären freilich auch störend für die großen Pläne, die Karasin und vor allem sein Vorgesetzter Sergej Kunizyn (der nicht nur Bürgermeister, sondern auch ein reicher Unternehmer ist) mit Sewastopol haben. Karasin beherrscht den Jargon der Stadtentwickler und Regionalplaner: "Wir müssen der Stadt ihren historischen Code zurückgeben", sagt er. "Sewastopol war in seiner Geschichte nur die letzten 250 Jahre lang eine Militärstadt, aber 2500 Jahre lang ein Zentrum des Handels und der Kultur am Nordufer des Schwarzen Meeres." Sein Hafen eigne sich hervorragend dafür, ein großer Handelshafen zu werden, wenn er nicht mehr vom Militär in Beschlag genommen werde. Das Schwarze Meer habe zwei Hauptstädte: Istanbul im Süden und in Zukunft im Norden wieder Sewastopol.

Noch kommt in den verschlafenen Straßen der Stadt indes nur wenig Metropolengefühl auf. Einige wenige Souvenirhändler, die ihre Buden an der Uferpromenade auch im Winter geöffnet haben, blicken einer Handvoll Passanten gleichgültig nach, ein Grüpplein von Jungs und Mädchen trotzt der Kälte mit Getränken, die ihnen noch gar nicht verkauft werden dürften. Sonst geschieht nichts. Eine Fahrt auf der kurvigen und engen Hauptverkehrsader der Halbinsel in die 70 Kilometer entfernte Krim-Hauptstadt Simferopol reicht, um die Idee vom Welthafen Sewastopol vollends irreal werden zu lassen: Auf welchem Weg sollten die Waren, die dort umgeschlagen werden könnten, an- und abtransportiert werden? Oder ist der Hafenausbau nur ein weiteres jener vielen postsowjetischen Luftschlösser, die sich allein in den schlossähnlichen Villen ihrer Erfinder materialisieren?

Die Ansicht von Walerij Saratow dazu ist eindeutig. "Die Korruption der Verwaltung ist das Haupthindernis für die Entwicklung von Sewastopol", sagt er. Man muss nachhaken, um noch über andere Schwierigkeiten Sewastopols zu hören, solche, die nicht von der jetzigen Verwaltungsspitze verschuldet wurden: die alte, ineffiziente Fernheizung in den Wohnblocks, das Fehlen von Kläranlagen. Was denn der Stadtsowjet in den vergangenen Jahren getan hat, um die Lage trotz aller Schwierigkeiten zu verbessern? "Nichts, die Lage in der Ukraine war so, dass wir uns nur mit Politik beschäftigen konnten."

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