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Der Mut der wenigen

27.06.2010 ·  Joachim Gauck und deutsche Fragen / Von Reinhard Müller

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Da könnte Lafontaine sogar recht haben. Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im saarländischen Landtag und frühere Bundesvorsitzende meint, Joachim Gauck vertrete "in existentiellen Fragen" nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Deshalb werde ihn seine Partei auch in einem dritten Wahlgang nicht zum Bundespräsidenten wählen. Lafontaine denkt dabei an den Bundeswehreinsatz in Afghanistan - ihn nennt Gauck "nicht gut, aber erträglich und gerechtfertigt" - sowie an Hartz IV - der Kandidat hatte früher die "Montagsdemos" dagegen töricht und geschichtsvergessen genannt.

Tatsächlich dürften einige von Gaucks Ansichten nicht mehrheitsfähig sein - unter Intellektuellen sowie zahlreichen Anhängern der Linkspartei. In dem 1998 erschienenen Nachwort zur deutschen Ausgabe des "Schwarzbuchs des Kommunismus" schrieb der Präsidentschaftskandidat von SPD und Grünen: "Unbeliebt machten sich die Kommunisten auch, als sie Stalins Territorialforderungen nachgaben, die Westverschiebung Polens und damit den Verlust der deutschen Ostgebiete guthießen." Und: "Einheimischen wie Vertriebenen galt der Verlust der Heimat als grobes Unrecht, das die Kommunisten noch zementierten, als sie 1950 die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten." Gauck distanziere sich von dieser Haltung nicht, warf ihm die Schriftstellerin Daniela Dahn vor. Wegen derartig zwielichtiger Äußerungen sei schließlich Erika Steinbach nicht in den Stiftungsrat des Zentrums gegen Vertreibungen gekommen. "Auf den Antrittsbesuch eines Bundespräsidenten Gauck beim polnischen Nachbarn dürfte man gespannt sein."

Tatsächlich bezog sich Gauck nur auf die damalige ganz überwiegende Mehrheitsmeinung der Deutschen in Ost und West. Willy Brandt äußerte noch 1963: "Verzicht ist Verrat, wer wollte das bestreiten." Das Recht auf Heimat könne man nicht "für ein Linsengericht verhökern". Er fügte hinzu: "Niemals darf hinter dem Rücken der aus ihrer Heimat vertriebenen oder geflüchteten Landsleute Schindluder getrieben werden." Zwar änderte sich der Sprachgebrauch mit der Zeit, die Grenzfrage ist seit dem Zwei-plus-vier-Vertrag geklärt. Doch dass die Vertreibung "grobes Unrecht" war, ist bis heute die Position Deutschlands.

Hier kommt Gaucks Freiheitspathos zum Ausdruck, das viele in der Linkspartei, aber auch andere frühere DDR-Bürger und Bürgerrechtler verstört. Das zeigte sich deutlich, als Gauck und andere im vergangenen Sommer auf einem Podium am Brandenburger Tor an "Revolution und Vereinigung 1989/90" erinnerten. Der ehemalige Pfarrer schilderte, wie die DDR-Bürger von ihrer "Angst und ihrer Feigheit" ließen und den Mund aufmachten: "Ihr könnt uns mal!" Wenn wenige die Wahl, "die wir alle haben, vollziehen, dann glauben am nächsten Tag ein paar mehr daran." Der Norddeutsche lobte die "wunderbaren Sachsen", welche die Revolution lostraten (das müsse man in Berlin und in Mecklenburg laut sagen), erinnerte an den "Mut der wenigen" und die "Wut der vielen". Mit der früheren Weggefährtin Bärbel Bohley war sich Gauck darin einig, dass die in jener Umbruchzeit entstandene "Werkstatt der Demokratie" länger hätte dauern sollen. Er wies auf das Paradox hin, dass man die westdeutschen Berater gebraucht, dann aber selbst "wieder den Löffel abgegeben" habe. "Eben waren wir noch Sieger der Geschichte, dann waren wir wieder Lehrlinge."

Vehement aber widersprach Gauck Bohleys Kritik an der Art und Weise, wie die ehemaligen DDR-Bürger ihre neue Freiheit nutzten. Sie sei, so sagte Bohley, "kritisch gegenüber dieser Art von Maueröffnung": "Alle flitzen und freuen sich über hundert Mark und kaufen Bierkästen." Dazu Gauck: "Ich kann das nicht ab." "Ich kann das nicht hören." "Ich war glücklich, dass die Leute rüberliefen." Das sei das gute Recht jener Landsleute gewesen, die jahrzehntelang eingesperrt worden seien.

Auf die Frage, was ihm zum Jubiläum des Mauerfalls einfallen werde, sagte Gauck, er werde nicht zunächst an Defizite denken, an den Mangel an Zivilcourage und an das "Wahlverhalten", sondern daran, was er früher nicht gehabt habe. Und hier nennt der Theologe den Rechtsstaat, das Bundesverfassungsgericht, den Instanzenzug, die Verwaltungsgerichte, Wahlen. "Und mir wird einfallen, dass im Ergebnis diejenigen, die mich beherrscht haben, gehen müssen."

Das dürfte vor allem in der SED-Nachfolgepartei nicht mehrheitsfähig sein. Er schloss daran an, was er schon früher mehrfach zu Ähnlichkeiten zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus gesagt hatte - etwa in Kreisau auf dem einstigen Gut Moltkes. Die Verdrängung von Menschenrechten habe in beiden Systemen ähnliche Auswirkungen gehabt. Gauck sprach etwa 2004 von der "Trias der gezinkten Erinnerung" an fehlende Kriminalität, angebliche soziale Sicherheit und Vollbeschäftigung. Die positive Rückbesinnung im Osten Deutschlands sei keine Besonderheit. Eine gewisse Nostalgie habe es auch in anderen Transformationsstaaten gegeben - und auch die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Herrschaft sei in verschiedenen Phasen verlaufen. Gauck hat durchblicken lassen, dass er durchaus Verständnis für die in den Augen der Achtundsechziger sehr verspätete Beschäftigung mit der NS-Diktatur habe.

Ein Gleichmacher ist er nicht. Auf einer Veranstaltung zum 20. Juli 1944 stellte Gauck die Anpassungsbereitschaft der Deutschen dem Freiheitsdrang der Polen gegenüber. Die einen hätten über Generationen die Freiheit, die anderen den Gehorsam geliebt. So werde es noch dauern bis zu einem gemeinsamen europäischen Bewusstsein von Widerstand und Freiheit.

In Kreisau war es auch, als Gauck noch als Leiter der Behörde für die Stasi-Unterlagen hervorhob, dass die Stasi-Akten grundsätzlich wahr seien. Das wiederum ist nicht wahr. Denn die Stasi-Akten sind von Menschenhand, geschrieben von fehlbaren, vor allem aber auch karrieresüchtigen Wesen, die es natürlich mitunter mit der Wahrheit nicht genau nahmen, etwa ein IM-Treffen überhöhten, um selbst gut dazustehen. Die Stasi-Akten sind eine wichtige Quelle, um die Wahrheit herauszufinden, aber nicht die einzige.

Selbstverliebt ist er freilich auch beim Verkünden solcher halben Wahrheiten nicht, eher beharrlich, deutsch - aber offen für lange Diskussionen. Für die Linkspartei ist Gauck denn auch als "Nationalstolz-Typ" nicht wählbar, wie ein Sprecher sagte. Die Partei hält ihn für "nur eingeschränkt demokratiefähig". Man hat offenbar erwartet, dass Gauck um die Stimmen der Linken werben würde - derjenigen und ihrer Nachfolger also, die ihn beherrscht haben, wie er im vergangenen Jahr sagte, derjenigen, "die gehen müssen".

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