04.02.2009 · Zu den Besprechungen der Neuverfilmung der Buddenbrooks in der F.A.Z. (Zuletzt: "Im Großen und Ganzen schade um das Geld", F.A.Z. vom 24. Dezember) und den verschiedenen Leserbriefen in der F.A.Z. im Januar: Breloers Anspruch einer ordentlichen Literaturverfilmung ist ohne Fragezeichen.
Zu den Besprechungen der Neuverfilmung der Buddenbrooks in der F.A.Z. (Zuletzt: "Im Großen und Ganzen schade um das Geld", F.A.Z. vom 24. Dezember) und den verschiedenen Leserbriefen in der F.A.Z. im Januar: Breloers Anspruch einer ordentlichen Literaturverfilmung ist ohne Fragezeichen. Doch dem Artikel von Edo Reents ist voll zuzustimmen; ja, er hätte noch schärfer sein können. Jedenfalls stellt sich dem Besucher die Frage: War das die Verfilmung von Thomas Manns großem Roman?
Es beginnt mit einem Ball - im gründerzeitlichen, viel zu prächtigen Kurhaustheater Augsburg-Göggingen (1885/86). Bald folgt eine Bettszene des Thomas B. mit seinem Blumenmädchen, vorher oder nachher läuft ein "Seifenkistenrennen" der Buddenbrook-Kinder (in Lübecks Großer und Kleinen Petersgrube) und so fort. Im Vorspann heißt es: Nach dem Roman von Thomas Mann. Bedeutet das einen Freibrief zu beliebigem Verfahren?
Anscheinend ja, denn Höhepunkte wie die Einweihungsfeier des Hauses und das große Festessen, wichtig für das Verständnis des Romans und seiner Intentionen, werden ausgelassen, dafür erfindet Breloer anderes neu: Der arme, pummelige Mädchen-Hanno muss aus einem Kahn in die Trave fallen und im Bett an Typhus sterben: Zu viel Schopenhauer- oder Nietzsche-Lektüre, dazu Musik machen offenbar fett und ungelenk (mögen die Fische Hannos Zettel verdauen, so sie können). All das und mehr ist zu viel (grässlich das total überzogene Gelächter Kesselmeyers; in ein Hexenmeistermärchen der Brüder Grimm mag es passen). Längst hätte die Konsulin, lebte sie, Breloer ihr "Assez, Monsieur!" zugerufen.
Auch sonst herrscht im Umgang mit der Historie Willkür. Bekanntlich steckt der Teufel im Detail, und da war man sehr nachlässig: Mal gehen die Fenster nach innen, dann nach außen auf (Letzteres ist in Lübeck immer der Fall); ihre Rahmen sind schlicht zusammengehauen, man sieht moderne Griffe aus dem Laden und "messingne" Stil-Türbeschläge. All dies könnte bedeutungslos sein, ja - wenn da nicht dieser Anspruch wäre, wenn der Gehalt oder die schauspielerischen Leistungen das "Outfit" bedeutungslos machten. Hier aber haben eine selbstherrliche Interpretation und auf ihr fußend Willkür sowie Neuerfindung von Episoden und Details die Herrschaft an sich gerissen. Sollte etwa der durch die Fernsehserie zur Familie Mann erworbene Ruhm den Blick verdunkelt, die Sensibilität gestört haben? Diese "Buddenbrooks" sind langweilig, ein teutonisches Machwerk. Man möge in sich gehen und studiere beispielsweise Literaturverfilmungen wie "Barry Lindon" (Stanley Kubrick, 1975), "Gefährliche Liebschaften" (Stephen Frears, 1988), "Was vom Tage übrig blieb" (James Ivory, 1985), "Stolz und Vorurteil" (Joe Wright, 2005).
Fazit: Man verlässt den Film und schüttelt fassungslos den Kopf. Bombastische Reklame hin und her: "Buddenbrooks" erreicht nicht das Ziel. Es bleibt der Trost: Die nächste Generation wird es wieder versuchen. Sie mag es besser machen.
Dr. Björn R. Kommer, Direktor a.D. Kunstsammlungen Augsburg