14.08.2010 · Die Aufgaben der Truppen im Irak haben sich gewandelt: Statt rasch den Feind anzugreifen, leisten die Amerikaner Erste Hilfe oder verteilen Rucksäcke mit Walt-Disney-Figuren. Und den irakischen Streitkräften vertrauen sie mittlerweile blind.
Von Matthias Rüb, Bagdad„Wir sind die Speerspitze im Kampf um den Irak“, sagt Oberst John Norris, Kommandeur der 4. Stryker-Kampfbrigade der 2. Division des amerikanischen Heeres. Die Einheit trägt den Namen „The Raiders“ (Die Angreifer), weil sie nach eigener Darstellung die Fähigkeit hat, „eigenständig und schnell den Feind dort zu treffen, wo er es am wenigsten erwartet“. Im Irak aber sind die Soldaten der Kampfbrigade mit dem martialischen Namen in den Monaten vor dem Ende ihres Einsatzes vor wenigen Tagen nicht mehr zum raschen Angriff auf den Feind geschritten, sondern zum Beispiel zur Mund-zu-Nase-Beatmung, zum Verteilen von Hunderten Schulranzen mit Motiven aus Walt-Disney-Filmen oder zum Errichten einer Pumpstation an einem Bewässerungskanal in Abu Ghraib im Westen Bagdads.
Zu Hause ist die Brigade, die über die neuen, schnellen Panzerfahrzeuge des Typs „Stryker“ verfügt, in Fort Lewis im Bundesstaat Washington an der amerikanischen Nordwestküste. Dort hätte sie, nach ihrem letzten Einsatz im Irak im Rahmen der von Präsident George W. Bush befohlenen Truppenaufstockung von April 2007 bis Juni 2008, für mindestens anderthalb Jahre bleiben sollen. Doch wie so oft im Krieg wurde auch diese Planung für die Erholung der Mannschaften und die Überholung der Gerätschaften durchkreuzt. Weil die ursprünglich für die Stationierung im Irak vorgesehene Schwestereinheit, die 5. Stryker-Kampfbrigade, dem Befehl von Präsident Barack Obama zur Truppenverstärkung in Afghanistan zu folgen hatte, mussten Oberst Norris und seine Leute schon im September 2009 wieder im Irak sein.
Keine Betonmauern und kein Stacheldraht mehr
Die Kampfbrigade war auf dem ausladenden amerikanischen Militärgelände am Bagdader Flughafen stationiert, das den Namen „Victory Base Complex“ (VBC) trägt. Von dort aus unternahmen die Züge der verschiedenen Kompanien ihre Fahrten hinaus in die „Red Zone“ - gemäß dem amerikanisch-irakischen Sicherheitsabkommen vom Dezember 2008 stets gemeinsam mit irakischen Partnern. Die verfügen freilich noch nicht über die neuen „Stryker“-Radpanzer, sondern fahren in den aufgepanzerten „Humvee“-Jeeps, die ihnen von ihren amerikanischen Waffenbrüdern überlassen wurden.
Die Kompanie mit der vielleicht wichtigsten Aufgabe der Brigade, auf die sich die Rede des Obersten Norris von der „Speerspitze des Kampfes“ bezieht, war im Außenposten „Forward Operating Base“ (FOB) Constitution stationiert. Die FOB Constitution befindet sich nicht mehr auf dem hermetisch abgeriegelten amerikanischen Militärgelände VBC, sondern unmittelbar außerhalb des „Perimeters“ auf dem Garnisonsgelände der 6. Division des irakischen Heeres. Zwischen der amerikanischen FOB Constitution und der irakischen Garnison gibt es keine Betonmauern und keinen Stacheldraht, nur einen Schlagbaum und ein Wachhäuschen der Amerikaner, wo die diensthabenden Gefreiten vor Hitze und Langeweile fast vergehen.
Amerikanische und irakische Soldaten und zumal Offiziere vertrauen sich nach Jahren des gemeinsamen blutigen Kampfes gegen sunnitische Aufständische und Terroristen sowie schiitische Extremisten fast blind. Viele Liter süßen Tees, viele Umarmungen und viele Gespräche über die Familien daheim haben zusammengeschweißt. Im gemeinsam von Amerikanern und Irakern geführten Ausbildungszentrum für die irakischen Streitkräfte demonstriert ein amerikanischer Sanitätssoldat Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Verletzten.
Noch immer in „ungemütlicher Nachbarschaft“
Mit einem Projektor wird, auf Englisch und Arabisch, der Text mit den wichtigsten Schritten an die Wand geworfen, an einer Puppe werden die entsprechenden Maßnahmen demonstriert. Anderthalb Dutzend irakische Soldaten lauschen den Erläuterungen des Amerikaners. Manche der Studenten in allerlei verschiedenen Uniformen tragen sichtbare Spuren ihres Einsatzes. Einer hat einen Verband am Kopf, weil er vor ein paar Tagen bei einer Bombenexplosion in Bagdad von einem Schrapnell getroffen wurde. Ein anderer hat seine Krücke neben seinem Schreibtisch stehen, ihn erwischte bei einer Razzia ein Streifschuss am Bein.
Am Nachmittag geht es mit einem Zug der Brigade hinaus nach Abu Ghraib. Die Vorstadt westlich von Bagdad bezeichnen die amerikanischen Soldaten noch immer als „ungemütliche Nachbarschaft“, weil dort viele sunnitische Extremisten leben. Die sind aber nur indirekt das Ziel des Einsatzes von Leutnant Belohvalek und seinen Leuten. Es geht, gemeinsam mit dem irakischen Leutnant Mohammed und seiner Einheit, zur Al-Taqwa-Grundschule. In der Schule werden in 15 Klassenstufen 650 Jungen und 630 Mädchen unterrichtet, in Schichten am Vor- und Nachmittag. Der Direktor der Schule, die wie viele öffentliche Gebäude zum Schutz vor Bomben- und Granatanschlägen mit hohen Betonmauern umgeben ist, hat alles vorbereitet. Denn die irakischen Soldaten sollen verteilen, was sie vorher von den amerikanischen Soldaten erhalten haben: Die Schulranzen mit Walt-Disney-Motiven, rosafarben für die Mädchen, blaue für die Buben, dazu Malblöcke, Schreibhefte, Mal- und Schreibstifte.
Jetzt überreichen die Iraker Süßigkeiten und Disyney-Figuren
Anders als noch vor Jahren verteilen nicht mehr die Amerikaner selbst Geschenke und Süßigkeiten an die irakischen Kinder, um deren „Herzen und Seelen“ zu gewinnen. Stattdessen werden die Geschenke vorher den irakischen Soldaten übergeben, damit diese die Kinder beglücken und ihr eigenes Ansehen mehren können. Besonders glücklich sind sichtlich jene Mädchen, die einen Ranzen mit dem Bild von Jasmin, der Prinzessin aus dem Zeichentrickfilm „Aladdin“, ergattern. So kehren Märchenbilder aus dem Orient in der Version des amerikanischen Zeichentricks an ihren Ursprung zurück.
Vor wenigen Tagen ist der zweite Einsatz der 4. Stryker-Kampfbrigade im Irak zu einem guten Ende gekommen. Zur offiziellen Abzugszeremonie kam der Kommandeur der amerikanischen Truppen, Heeres-General Raymond Odierno, zur FOB Constitution, um Oberst Norris und seine Soldaten zu verabschieden und Generalmajor Ahmed und seinen Leuten von der 6. Division des irakischen Heeres die geräumten Liegenschaften sowie allerlei Ausrüstung zu übergeben. „Wir schlagen heute ein neues Kapitel in der fortdauernden Geschichte der strategischen Partnerschaft zwischen Amerikanern und Irakern auf“, sagte Odierno zum Abschied der letzten amerikanischen Kampfbrigade aus dem Zweistromland. Die hatte freilich schon lange keine „kinetischen Einsätze“ mehr zu bestehen, wie Kampfhandlungen in der Sprache der amerikanischen Militärs heute heißen. „Heute ist ein äußerst wichtiger Tag, weil wir weitere Fortschritte bei der Übergabe der Verantwortung an die Iraker erzielt haben“, sagte Odierno. Wie geplant soll die Zahl der amerikanischen Soldaten bis Ende August von derzeit etwa 64.000 auf dann 50.000 reduziert werden. Ob bis Ende 2011 aber wie vereinbart tatsächlich alle amerikanischen Truppen aus dem Zweistromland abgezogen sind, daran werden in Bagdad und in Washington immer deutlicher hörbare Zweifel geäußert.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge