23.09.2004 · Zu "Angenommen Agamemnon" von Michael Martens (F.A.Z. vom 13. September): In seinem Eifer, der vermeintlichen Selbstüberschätzung der Griechen energisch entgegenzutreten, hat sich der Autor offensichtlich selbst über- und verschätzt.
Zu "Angenommen Agamemnon" von Michael Martens (F.A.Z. vom 13. September): In seinem Eifer, der vermeintlichen Selbstüberschätzung der Griechen energisch entgegenzutreten, hat sich der Autor offensichtlich selbst über- und verschätzt. Er geriert sich in der Pose des radikalen Aufklärers, der die Griechen entzaubern und ihrer "Nabelschau" ein Ende setzen will. Was er den Philhellenen ankreidet, führt er selbst um so anschaulicher vor, denn er redet ein Griechenlandbild herbei, das er, ohne zu zögern, dem Charakterbestand der Griechen zuweist. So manches, das im Rahmen der Olympischen Spiele ausgesagt wurde, nimmt er für bare Münze, um sodann um so entschlossener gegen die Phantasmagorien der griechischen Selbsteinschätzung anzugehen. Jedes geschichtliche Volk weist Kulturleistungen auf, die nachahmenswert sind. Das moderne Griechenland kann in Musik, Literatur und Lyrik durchaus den Anspruch erheben, die Tradition der Antike fortzusetzen. Weder hat sich das griechische Volk manch überspitzte Rückbesinnung auf die Antike zu eigen gemacht, noch hängt es den Phantasmata direkter Nachkommenschaft nach, die der Verfasser ihm zuschreibt. Es ist ihm einzig um die gelungene Austragung der Spiele gegangen. Gerade darauf kann es stolz sein. Der Artikel wird dem nicht gerecht. Es handelt sich um eine dissonante Stimme in der allgemein positiven, ja enthusiastischen europäischen und internationalen Rezeption. Für solche Dissonanzen sollte man aber auch dankbar sein.
Professor Dr. Evangelos Konstantinos,
Würzburg