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Vergessene Patienten

02.03.2010 ·  Die Spätfolgen von Tumoren

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Es ist eine gute Nachricht: Immer mehr Patienten überleben ihre Krebserkrankung. Wenig jedoch ist über die langfristigen Folgen der Erkrankung und ihrer Behandlung bekannt. Es war bislang nicht klar, ob die Patienten nach dem für "Heilung" üblicherweise zugrunde gelegten Zeitraum von fünf Jahren völlig gesund sind oder ob sie nicht doch mit Gesundheitsstörungen rechnen müssen. Anlässlich des Krebskongresses nahmen Ärzte die Spätfolgen diesmal stärker in den Blick.

Langzeitbeobachtungen zeigen, dass Patienten nach dem Tumorleiden häufiger als die gleichaltrige Durchschnittsbevölkerung erkranken - nicht nur an Krebs. Aus Deutschland liegen dazu bei den erwachsenen Patienten kaum Daten vor. Dagegen wurden in den skandinavischen Ländern bereits vor Jahren klinische Krebsregister aufgebaut. Sophie Fossa, Krebsspezialistin an der Universität Oslo, hat aus den dort gesammelten Daten das Krankheitsrisiko nach überstandenem Krebs errechnet. Sie unterscheidet zwischen lebensbedrohlichen Krankheiten und Störungen der Lebensqualität. So hat sie ein bis zwei Jahrzehnte nach Behandlung bei Patienten mit Lymphdrüsenkrebs, Hodentumoren oder Mammakarzinomen eine erhöhte Rate gefährlicher Arteriosklerose beobachtet. Die Gefahr etwa, einen Herzinfarkt oder anderen Gefäßverschluss zu erleiden, war um das Zwei- bis Dreifache gesteigert.

Daneben fand man eine Reihe von Störungen, die nicht selten die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Dazu zählt die Schrumpfung des endokrinen Gewebes der Geschlechtsorgane, des Hodens und der Eierstöcke, die Unterfunktion der Schilddrüse oder eine Knochenerweichung, die Osteoporose. Vermutlich sind sie eine Folge der vorangegangenen Chemotherapie oder Bestrahlung. Sophie Fossa appellierte an Ärzte und Patienten, auf die entsprechenden Symptome zu achten. Denn diese Störungen sind gut zu behandeln. So können fehlende Hormone ersetzt werden.

Die Krebsbehandlung von Kindern in Deutschland gilt weltweit als vorbildlich. Mehr als neunzig Prozent von ihnen werden im Rahmen von Studien behandelt. Parallel wurde bereits vor Jahren ein Kinderkrebsregister etabliert. Daher wissen die Ärzte, wie es ihren Patienten nach Jahren geht. Thomas Klingebiel, Leiter der Klinik für Kinderkrebsbehandlung der Universität Frankfurt, berichtete über die Rate von Zweittumoren, die noch Jahrzehnte später auftreten können. Nach 25 Jahren tritt bei drei Prozent der Kinder ein neuer Tumor auf. Allerdings verbieten sich Rückschlüsse auf das Risiko von Patienten, die heute behandelt werden. Denn die Therapie heute ist weniger toxisch, darin waren sich Fossa und Klingebiel einig.

Trotz der Erfolge der modernen Therapien erleben die Patienten die Diagnose Krebs als eine existentielle Bedrohung. Daher sind psychische Folgen sehr häufig, selbst wenn die Krankheit überstanden wurde. Sie werden bislang unterschätzt. So klagen Patientinnen nach Brustkrebs sehr viel häufiger als die Normalbevölkerung über Schlafstörungen. Es sei vornehmlich eine Trias aus einer depressiven Reaktion, Schlafstörung und einem ausgeprägten Schwächesyndrom, die den Betroffenen zu schaffen mache, berichtete der Onkologe Ulrich Kleeberg aus Hamburg. Besonders die als Fatigue bezeichnete Schwäche quält viele Betroffene. Vermutlich spielen bei der Entstehung körperliche wie psychische Faktoren eine Rolle. Plötzlich werden Anforderungen des Alltags zur Last. Die sozialen Folgen sind beträchtlich. Jede fünfte Patientin nach Brustkrebs findet nicht mehr zurück an den Arbeitsplatz. In der Mehrzahl der Fälle kommt es nach einer Krebserkrankung zu einem Karriereknick. Andererseits zeigen einschlägige Studien, dass diejenigen, die wieder die Arbeit aufnehmen, in psychologischen Tests besser abschneiden.

Viele Betroffene benötigten eine Langzeitbetreuung, meinte Kleeberg. Die sei heute nur selten gewährleistet. In Berlin wurde vom "vergessenen" Patienten gesprochen. Es war der Präsident der Tagung, Wolff Schmiegel aus Bochum, der gleich einem Missverständnis vorbeugte. Es gehe nicht darum, alle vom Krebs Betroffenen lebenslang zu Patienten zu erklären. Es gelte vielmehr, diejenigen rechtzeitig zu erkennen, die von einer langfristigen psychischen Unterstützung profitierten. Dazu müssten die entsprechenden Dienste, etwa die Möglichkeiten psychoonkologischer Betreuung, ausgebaut werden. Stephan Sahm

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