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Ernährung Wenn Wellness auf die Leber schlägt

Organschäden nach der Einnahme von Nahrungsergänzungsstoffen: Auf dem Kongress der Verdauungsexperten schlagen die Ärzte Alarm. Denn nicht immer tun diese Präparate dem Körper auch gut.

© AFP Vergrößern Vergangenes Jahr warnte das Bundesamt für Verbraucherschutz vor bestimmten Inhaltsstoffen in Präparaten aus den USA

Nicht alles, was angeblich guttut, ist auch wirklich gut. Mit Nahrungsergänzungsmitteln erzielen nicht wenige Hersteller Umsätze in Milliardenhöhe. Doch häufen sich Berichte, dass deren Inhaltsstoffe gefährliche Leberschäden bis hin zum Leberversagen verursachen können. Dies veranlasste Experten anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten, die in der vergangenen Woche in Stuttgart zu Ende ging, eindringlich auf die Gefahren hinzuweisen.

Nahrungsergänzungsstoffe seien nicht nur unnütz, sie seien vielmehr oftmals schädlich. Burkhard Göke, Spezialist für Stoffwechselerkrankungen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, warnte etwa vor Produkten der Firma Herbalife. Sie zählt zu den führenden Herstellern von Wellness-Präparaten, von Vitaminpillen bis hin zu Kräuterrezepturen. Bei einigen Patienten, die über mehrere Monate Nahrungsergänzungsmittel der Firma eingenommen hatten, kam es zu schweren Leberschäden. Die Firma weigerte sich auf Anfrage, die Zusammensetzung ihrer Produkte anzugeben. Sie bestritt, dass die teils lebensgefährlichen Erkrankungen durch Inhaltsstoffe in den Präparaten verursacht worden seien.

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Verbindung zwischen Leberschädigung und Präparaten bewiesen

Bei einigen Patienten konnten Ärzte jedoch den Zusammenhang beweisen. Nachdem sich bei ihnen die Leberfunktion erholt hatte, hat man den Betroffenen die Stoffe erneut gegeben. Wiederum kam es zu einer heftigen Reaktion der Leber. Wenngleich Göke das ärztliche Vorgehen wegen der damit für die Patienten verbundenen Risiken für bedenklich hielt, so erachtete er das Resultat für bedeutsam. Die Verantwortlichen der Firma können sich nicht länger auf einen Mangel an Beweisen berufen.

Die Hersteller der Präparate Miradin, Fortodol oder Lepin-Miridin formerly werben damit, dass der Inhaltsstoff Kurkumin-Extrakt Entzündungen hemme und Schmerzen lindere. Die Mittel seien besser verträglich als verschreibungspflichtige Medikamente, wird behauptet. Das Gegenteil ist richtig. In Kapseln der Präparate fanden Wissenschaftler bis zu fünfzig Milligramm der gelegentlich gefährlichen Substanz Nimesulide. Die ist in Europa nicht zugelassen. Nahrungsergänzungsstoffe unterliegen nicht dem Arzneimittelgesetz. Die Anforderungen an die Sicherheit bei der Herstellung sind weit geringer als bei Arzneimitteln. Oft sei es nicht klar, wo die so intensiv beworbenen Substanzen produziert und verpackt würden. Wegen mangelnder Hygiene und Standards bei der Herstellung seien Verunreinigungen nicht selten, warnte Göke.

Kaum Kontrolle über Inhaltsstoffe möglich

Der Handel mit diesen Mitteln lässt sich nur schwer kontrollieren, denn sie werden oft ausschließlich über das Internet vertrieben, wie etwa auch die unter den Namen Lovate und Muscle Tech verbreiteten Erzeugnisse der Firma Lovate Health Sciences aus den Vereinigten Staaten. Sie enthalten den Stoff Hydroxycut, der angeblich die Verbrennung von Fett steigern soll. Doch schon im vergangenen Jahr wies das Bundesamt für Verbraucherschutz auf die Gefahr eines Leberversagens nach der Einnahme hin. Auch für diese Präparate war es nicht möglich, Angaben zur Zusammensetzung zu erhalten, berichtete Göke.

Die Leber steht im Zentrum des Stoffwechsels. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, Giftstoffe abzubauen. Nicht selten werden Ergänzungsstoffe sogar als Leberschutzfaktoren angepriesen. Im günstigen Fall bleiben sie ohne Wirkung. Nicht immer kündigen sich die Folgeschäden durch Erhöhung der Blutwerte langsam an. Gelegentlich kommt es aber wegen Reaktionen, die vom Immunsystem ausgelöst werden, zum schnellen Zerfall von Leberzellen. Dann genügt eine einzelne Dosis, um schweren Schaden anzurichten. In anderen Fällen führt erst die Kumulation der Stoffe nach längerer Einnahme zum Leberschaden.

Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland überflüssig

Es sei in Deutschland nahezu ausgeschlossen in eine ernährungsbedingte Mangelsituation zu kommen, betonte Burkhard Göke. Daher sei es überflüssig, Nahrungsergänzungsmittel überhaupt einzunehmen. Das gilt nicht für Patienten mit Erkrankungen, bei denen mit Mangelzuständen gerechnet werden muss. Dazu zählen schwere Funktionsstörungen der Bauchspeicheldrüse oder Verlust von großen Teilen des Darmes. Dann aber werden die fehlenden Stoffe - etwa Vitamine oder Spurenelemente - von Ärzten verschrieben. In Deutschland könne dies als eine Regel gelten: Wenn die Krankenkasse ein Mittel nicht bezahle, sei es fast immer überflüssig einzunehmen, hieß es Stuttgart. Es ist mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen, was die Rate von Leberschäden angeht, die durch Nahrungsergänzungsmittel verursacht sind. Ärzte sollten Patienten mit schlechten Leberwerten daher gezielt befragen. Die Gefahren der angeblich harmlosen Ergänzungsmittel sind den meisten Menschen nicht bewusst, obgleich die Wirkungen nicht selten gefährlicher sind.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 24.09.2010, 06:00 Uhr