Home
http://www.faz.net/-1w2-6m4lu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa Ändere doch mal wieder dein Leben

Die Beschleunigung hat unsere Gesellschaft fest im Griff. Glücklicher sind wir dadurch nicht geworden. Im Gegenteil. Den Preis zahlt die Familie - dabei könnte gerade sie eine Entschleunigungsoase sein.

FRAGE: Herr Rosa, das Ende der klassischen Familie wurde in der Vergangenheit oft beschworen. Jetzt scheint es tatsächlich so weit zu sein: Das Patchworkmodell wird immer populärer.

ANTWORT: Empirisch betrachtet leben immer mehr Menschen in einer Patchworkkonstellation. Die Medien versuchen manchmal, sie als bunte, attraktive Vielfalt darzustellen, aber ich glaube, in der Bevölkerung herrscht dem Patchworkmodell gegenüber dennoch Skepsis. Das Idealziel ist nach wie vor die intakte Kernfamilie - bei jeder neuen Heirat hoffen die Menschen, dass es dieses Mal für immer ist. Es gibt im Grunde keine andere wünschenswerte Lebensform mehr als die Familie.

FRAGE: Trotzdem fällt es schwer, diesen Wunsch umzusetzen. Sind unsere Ansprüche zu hoch, erträumen wir uns nicht zu viel von einer Liebesbeziehung und überfrachten die Familie mit Erwartungen?

ANTWORT: Die Sehnsucht nach einer Familie zu verwirklichen ist nicht deshalb so schwer, weil die Menschen keine Werte mehr haben, im Gegenteil. Sie geraten immer stärker in strukturelle Probleme, die der Einzelne nicht einfach durch seine Einstellung beherrschen oder ändern kann. Politik und Wirtschaft - übrigens unterstützt von Ihrer Zeitung - haben die verschärfte Wettbewerbslogik herbeigeführt und treiben sie schonungslos voran, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Aber Wachstum um jeden Preis ist genau der falsche Weg und verschärft die Probleme zusätzlich. Kein Mensch sagt mehr: Ich habe jetzt diese eine Stelle, das ist mein Karriereweg - Politik und Wirtschaft zwingen uns zu einer ständigen Bewertung unserer Situation. Läuft es noch optimal? Ist der Gewinn womöglich für beide Seiten größer, wenn ich mir eine neue Arbeit suche? Zwangsläufig spielen wir permanent mit Veränderungsgedanken. Auf dieser Weise kommen wir nie zu Ruhe.

FRAGE: Unser Optimierungswille macht auch vor der Familie nicht halt. Für ein so träges System wie die Familie ist er allerdings Gift.

ANTWORT: Aber Sie können nicht auf der einen Seite Flexibilisierung zelebrieren und den Menschen dann vorwerfen, dass sie genau diese Einstellung auch auf ihre Familienverhältnisse anwenden. Wie soll das möglich sein, dass innerhalb der Familie plötzlich ganz andere Gesetze gelten als sonst in unserem Leben? Diese Totalanforderung, die wir gesellschaftlich produziert haben, hat "schuldige Subjekte" zur Folge, weil es schlicht unmöglich ist, allen Anforderungen gerecht zu werden. Der Konflikt spitzt sich in der Familie dramatisch zu. Mütter und Väter plagt unentwegt ein schlechtes Gewissen, da sie das Gefühl haben, entweder zu viel zu arbeiten oder zu wenig, ihr Kind zu oft zu sehen oder zu selten. Dass die Geburtenrate sinkt, liegt nicht daran, dass sich nur noch die wenigsten Paare Kinder leisten wollen - sie sinkt, weil Kinder bedeuten, dass man sich achtzehn Jahre lang festlegt. Man wird sie nicht wie einen Gebrauchtwagen los.

FRAGE: Damit sprechen Sie den Einzelnen allerdings frei und machen ihn zum Opfer gesellschaftlicher Strukturen. Ist das nicht zu einfach?

ANTWORT: Das ist ein altes und generelles Problem der Soziologie: Wenn die Selbstmordrate gravierend steigt oder die Geburtenrate dramatisch sinkt oder wenn in einem Stadtviertel die Kriminalitätsrate um achtzig Prozent höher liegt als in einem anderen, dann kann man dafür nicht die Einzelnen verantwortlich machen, dann gibt es dafür offensichtlich strukturelle Gründe. Und die Soziologie interessiert sich für die Raten und Tendenzen, nicht für die Einzelfälle. Natürlich heißt das nicht, dass der Einzelne gar keine Rolle spielte: Jeder hat Handlungsspielräume, und jeder ist verantwortlich dafür, sie entsprechend zu nutzen. Wenn wir aber über Fragen gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen und Gefährdungen sprechen, tun wir gut daran, uns auf die Rahmenbedingungen zu konzentrieren und die Illusion der souveränen, autonomen Subjekte zu vermeiden. Sie ist nämlich eine Illusion: Wir alle handeln unter Bedingungen, die wir nicht kontrollieren können.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.07.2011, 16:35 Uhr