27.12.2007 · Mao Tse-tung nannte die traditionelle chinesische Medizin "eine Schatzkiste". Im Zeitalter der Reform aber ist in der Volksrepublik die westliche Medizin auf dem Vormarsch - und die alten Traditionen gehen verloren. Von Petra Kolonko
PEKING, im Dezember. Die Praxis von Doktor Yang Zhengxin liegt an der Marktstraße von Naixi - hinter Fleischauslagen, Schuhständen, Gemüsekarren und plärrenden Lautsprechern. Schon frühmorgens kommen die Patienten aus dem Dorf in die kleine Praxis für chinesische Medizin und warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Manche von ihnen schauen neugierig zu, wenn Doktor Yang die anderen Patienten befragt oder ihnen die langen Akupunkturnadeln setzt. "Doktor Yang ist ein guter Arzt", sagt Patientin Feng. "Er kann immer helfen."
Im kahlen Sprechzimmer gibt es zwei Hocker, und auf dem Tisch liegt ein in ein Handtuch gewickeltes Kissen, das wichtigste Utensil bei der Diagnose in der traditionellen chinesischen Medizin. Auf das Kissen legt man seine Handgelenke, so dass der Doktor den Puls fühlen kann. Auf Privatsphäre wird nicht geachtet. Jeder kann mithören, welche Beschwerden vorgetragen werden und welches Urteil der Arzt abgibt. Doktor Yang fühlt den Puls der Patientin Feng an beiden Handgelenken. Hören, Riechen und Zungebetrachten gehören ebenfalls zu den klassischen Diagnosemethoden in der traditionellen chinesischen Medizin. Am Puls allein aber kann der Arzt meist schon feststellen, welche Organe krank sind, welche Störungen es im Körper gibt.
"Die Menstruation ist blockiert" , sagt Doktor Yang nach zwei Minuten des Pulstastens zu Frau Feng. "Sie müssen eine Zeitlang sehr bittere Kräutermedizin trinken. Werden Sie das durchhalten?" Patientin Feng versichert, dass sie den Trank jeden Tag zu sich nimmt. Doktor Yang stellt ein Rezept zusammen. In riesigen Schriftzeichen schreibt er auf, welche Kräuter nötig sind. Nebenan, im Kräuterzimmer, sucht seine Sprechstundenhilfe dann die Ingredienzien aus unzähligen Schubladen eines großen Apothekerschranks zusammen und wiegt sie ab. Zu Hause muss die Patientin sie nur noch zum Sud kochen.
Doktor Yang gehört zu einer Sorte Arzt, die es in China bald nicht mehr geben wird. Er kommt aus einer Familie, in der das Wissen der traditionellen chinesischen Medizin von Generation zu Generation überliefert worden ist. Schon als Kind musste er die Klassiker der chinesischen Medizin rezitieren, bis heute kann er noch viele der Texte auswendig.
Seine Patienten kommen mit allen möglichen Krankheiten und Beschwerden zu ihm. Berühmt ist der 65 Jahre alte Doktor für die Heilung von Gesichtslähmungen und seine Behandlung nach Schlaganfällen. Auch bei Rheuma hat er gute Ergebnisse erzielt, und Unfruchtbarkeit hat er in mehr als tausend Fällen heilen können. Er bietet Akupunktur an, Kräutermedizin und gibt gute Ratschläge für Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Die Behandlung ist preiswert. Und wenn die Patienten kein Geld haben, behandelt Doktor Yang sie auch mal umsonst.
Nur etwa 500 Ärzte der traditionellen Medizin praktizieren nach offiziellen Angaben noch in China. Es gibt zwar Nachwuchs, und an 32 Schulen und Hochschulen in der Volksrepublik wird traditionelle Medizin unterrichtet. Dabei wird aber mehr Wert auf die Theorie gelegt. In der chinesischen Medizin zählt indes die lange Erfahrung. Darum kamen die Patienten, als Doktor Yang noch in einem Krankenhaus arbeitete, lieber zu ihm als zu jüngeren Ärzten.
Die traditionelle chinesische Medizin rühmt sich jahrtausendealter Theorie und Praxis. Ihre älteste Schrift, der "Klassiker der inneren Medizin des Gelben Kaisers" aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, soll sogar auf einen mythischen Kaiser zurückgehen. Ob aber die überlieferte Medizin als Quacksalberei abgeschafft gehört, oder ob sie es wert ist, weiter praktiziert und entwickelt zu werden, daran scheiden sich die Geister, seit China mit der westlichen Moderne in Kontakt gekommen ist.
Unter Mao Tse-tung wurde die traditionelle chinesische Medizin gefördert, er bezeichnete sie als eine "Schatzkiste der chinesischen Kultur". Mao wollte damit auch Unabhängigkeit und Abgrenzung vom kapitalistischen Westen demonstrieren. Später stellte sich jedoch heraus, dass viele der damals verbreiteten Nachrichten über unglaubliche Erfolge der traditionellen Methoden - etwa über Operationen mit Akupunkturbetäubung - nur Teil der geschickten Propaganda waren.
Im Zeitalter von Reform, Öffnung und Marktwirtschaft ist die westliche Medizin auf dem Vormarsch. Das alte sozialistische Versorgungssystem wurde aufgelöst, in den neuen Krankenhäusern praktizieren die meisten Ärzte nach westlicher Medizin. Während in anderen Ländern die traditionelle chinesische Medizin immer mehr Anhänger findet, steckt sie in China in einer Krise. "Mit der chinesischen Medizin ist das wie mit der Peking Oper," sagt Doktor Yang. "Sie ist eine jahrhundertealte Kunst, aber die jungen Leute verstehen sie nicht mehr."
Nur die Älteren kennen noch die Philosophie hinter der Medizin. Nach einer Umfrage des Internet-Portals Sina gaben zwar 74 Prozent der Befragten an, dass die chinesische Medizin gefördert werden müsse, aber nur 42 Prozent würden im Krankheitsfall zu einem Arzt gehen, der mit traditionellen Methoden arbeitet. Knapp zwei Drittel der Befragten zögen einen Arzt der westlichen Medizin vor. Sie, so meinen die meisten, wirke schneller. Chinesen gehen demnach erst dann zu einem der traditionellen Ärzte, wenn die Behandlung durch die westliche Medizin keinen Erfolg gebracht hat. Die traditionelle Medizin schätzen die Chinesen, wenn es um die Heilung chronischer Krankheiten geht, die westliche Medizin wird in akuten Fällen bevorzugt.
Im vergangenen Jahr versetzte zudem eine Gruppe von Wissenschaftlern der traditionellen Medizin einen Schlag. Sie forderten, man solle sie aus dem staatlichen Gesundheitssystem entfernen. Sie verweigere sich einer wissenschaftlichen Überprüfung, sei eine Pseudo-Wissenschaft, die rückständige Aspekte der chinesischen Kultur repräsentiere. Den Puls fühlen, hören und riechen - das seien unwissenschaftliche Methoden. Aber auch die Kräutermedizin ist ins Gerede gekommen. Wegen der extremen Umweltbelastungen in China sei nicht mehr zu gewährleisten, dass die Kräuter noch die gewünschte Wirkung hätten. Die traditionelle Medizin wird außerdem von Geschäftemachern missbraucht: So wurden in einigen als "Kräutermedizin" verkauften Arzneien chemische Zusatzstoffe gefunden. Unwahr sei auch, dass die Kräutermedizin keine Nebenwirkungen habe. Es gebe durchaus Bestandteile in den Rezepturen, die negative Wirkungen hervorriefen.
Zwei Fahrstunden von der Landarztpraxis des Doktor Yang entfernt wird im Stadtzentrum von Peking "modernisierte" chinesische Medizin angeboten. Das "Krankenhaus des Ostens", ein Hochhaus an der zweiten Ringstraße, bezeichnet sich als eines der größten Krankenhäuser für traditionelle Medizin. Doch in ihm wird auch viel nach westlichen Methoden untersucht und behandelt. Das Schul- und Forschungshospital wirbt mit Ultraschall und Computertomographie, es bietet alle Operationen, sogar Schönheitschirurgie an. Wer hierher kommt, dem wird nicht nur der Puls gefühlt, er wird auch zu Blutuntersuchungen und Röntgenaufnahmen geschickt. Allenfalls die Rezeptur ist zum Schluss noch "traditionell chinesisch".
"Es gibt in China kaum noch Krankenhäuser, die nur traditionelle Medizin anbieten", sagt Doktor Hu Kaiwen, Leiter der Krebsabteilung. Das hat auch wirtschaftliche Gründe: Mit Kräutermedizin und Akupunktur können Krankenhäuser kein Geld verdienen. Doktor Hu hat sechs Jahre westliche und fünf Jahre lang traditionelle Medizin studiert. Er ist ein engagierter Verfechter der traditionellen Medizin, tritt im Fernsehen auf, gibt Ratschläge in Radiosendungen und hält öffentliche Vorträge. Er ist Spezialist für Brustkrebs und kombiniert bei seinen Behandlungen die westliche und die chinesische Medizin. Traditionelle Medizin, sagt Doktor Hu, eigne sich besonders gut bei der Nachbehandlung einer Operation oder Chemotherapie. Dabei injiziert er Kräuterextrakte direkt in die betroffenen Organe. Hu glaubt, dass die Zukunft der traditionellen Medizin in der Vorbeugung von Krankheiten liegt. Darum propagiert Hu für jeden Patienten eigene Lebens- und Ernährungsratschläge.
Die radikale Forderung nach Abschaffung der traditionellen Medizin fand wenig Widerhall. Sie hatte sogar einen Effekt, den die Urheber nicht im Sinn hatten. Die chinesische Regierung hat in diesem Jahr einen Förder- und Entwicklungsplan für die traditionelle Medizin bis zum Jahr 2020 verabschiedet. Der sieht vor, dass mehr Nachwuchs ausgebildet wird und praktizierende Ärzte sich weiterbilden sollen. Die Forschung wird insgesamt verstärkt, und der Schutz der natürlichen Ressourcen für die chinesische Medizin soll verbessert werden. Es werden Daten über die traditionelle Medizin gesammelt, zugleich soll die Zusammenstellung von Arzneien standardisiert werden.
Chinas neuer Gesundheitsminister Chen Zhu hat erst kürzlich eine neue Losung für das chinesische Gesundheitssystem ausgegeben. Die chinesische traditionelle Medizin müsse mit der Zeit gehen und modernisiert werden, sagte der in Frankreich ausgebildete Minister in Peking. Sie sei zu lange in der Empirie und in der Philosophie stecken geblieben. Wenn die chinesische Medizin modernisiert werde, könne sie auch besser mit der westlichen kombiniert werden. Eine Verbindung von westlichen und chinesischen Medizintheorien könnte ein ganz neues System für das 21. Jahrhundert ergeben.