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Nachtflugverbot Frankfurt droht Millionenschaden in der Luftfracht

15.10.2011 ·  Deutschlands größtes Flughafen-Drehkreuz kämpft gegen die Folgen des Nachtflugverbotes und ist kurz vor Eröffnung der vierten Rollbahn bemüht, den Schaden für Arbeitsplätze und Reputation zu begrenzen.

Von Ulrich Friese
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Ungünstiger kann der Zeitpunkt kaum sein. Am kommenden Freitag will Fraport die vierte Rollbahn auf dem Frankfurter Flughafen offiziell eröffnen. Doch die rechte Festtagslaune für das Großereignis in der Region, bei der sogar Kanzlerin Angela Merkel (CDU) als Ehrengast eingeflogen wird, mag bei Fraport-Chef Stefan Schulte nicht aufkommen.

Den Betreiber des größten Flughafen-Drehkreuzes in Deutschland treibt seit Wochenbeginn die Sorge um, ob Frankfurt und die umliegende Rhein-Main-Region ihren Status als führender Umschlagplatz für die Luftfracht künftig noch behaupten kann. Zweifel sind angebracht. Für einen Paukenschlag in der Branche sorgte am Dienstag der hessische Verwaltungsgerichtshof, der mit dem Start des neuen Winterflugplans am 31. Oktober ein striktes Flugverbot zwischen 23 und 5 Uhr an der größten Heimatbasis der Deutschen Lufthansa durchsetzte.

Der spektakuläre Richterspruch aus Kassel hebt ab auf Ängste von Anwohnern des Groß-Flughafens, die mit der Aufnahme des Betriebs der vierten Rollbahn um ihre Nachtruhe fürchten. Fraport plant, dass sich mit der neuen "Landebahn Nordwest" die stündliche Flugkapazität sukzessive von heute 82 auf 126 Starts und Landungen (Slots) erhöht. Gegenwärtig wickelt Frankfurt bis zu 50 Nachtflüge zwischen 23 und 5 Uhr ab. Mit der Aufnahme des neuen Winterflugplans hätte sich das Kontingent auf 17 reduziert. Doch auch dieser Plan, den der ehemalige Ministerpräsident Roland Koch mit Rücksicht auf die Luftfracht durchpaukte, hat sich zerschlagen. Der endgültige Befund zur Nachtflug-Regelung wird vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zu Beginn 2012 erwartet.

Angesichts der fragilen Lage sind Hektik und Ärger in den Chefetagen der betroffenen Fluggesellschaften groß. Manager der Lufthansa sollen über die Hiobsbotschaft aus Kassel so erbost gewesen sein, dass intern sogar ein Boykott der Landebahn-Eröffnung erwogen worden sei. Doch eine derart schroffe Geste des Großkunden von Fraport, der den Ausbau des Flughafens vor Jahren selbst forciert hatte, bleibt den Ehrengästen wohl erspart: "An Termin und der Einladungsliste für die Eröffnung der Landebahn wird sich nichts ändern", versicherte ein Sprecher des Flughafenbetreibers.

Stattdessen beraten Manager von Lufthansa Cargo, Night Express oder Condor seit Dienstag in einer Serie von Krisensitzungen, wie der bald drohende "Notstand am Frankfurter Drehkreuz umsteuert werden kann", sagt ein Teilnehmer dieser Runden. Vor allem für das Luftfrachtgeschäft des Lufthansa-Konzerns ist das kurzfristige Aus für Nachtflüge ein Schlag ins Kontor: Denn das Tochterunternehmen der größten Fluggesellschaft in Europa verliert mit einem Schlag etwa 1600 Slots, die ihm im gesamten Winterflugplan zwischen 23 und 5 Uhr zugeteilt wurden. Weil die Logistikkette in der Luftfracht zeitlich eng getaktet, mit zahlreichen Partnern global vernetzt und mit den Frachtkapazitäten der Passagierflotte des Mutterkonzerns verwoben ist, fällt Lufthansa Cargo das Umsteuern besonders schwer.

"Die neuen Beschränkungen in Frankfurt ziehen für unser Tagesgeschäft eine Sonderlast in Millionenhöhe nach sich", bestätigt Lufthansa Cargo, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Seriöse Schätzungen in der Branche taxieren diesen Betrag auf bis zu 50 Millionen Euro. In Frankfurt und Umgebung sind vom größten Luftfrachtspediteur 2100 Arbeitsplätze direkt sowie weitere 1600 bei externen Dienstleistern abhängig, listet eine Branchenstudie von 2009 auf. Dabei ist die Logistikindustrie mit insgesamt 146 000 Beschäftigten der - hinter dem Finanzsektor - zweitwichtigste Arbeitgeber in der Rhein-Main-Region.

Um ihr Liefernetz im Umland zu erhalten, arbeitet Lufthansa Cargo mit Hochdruck daran, das Gros ihrer 11 Nachtflüge nach Übersee auf die Tageszeit zu verschieben. Doch als gleichwertige Alternative wird in Frankfurt längst geprüft, die vom Aus bedrohten Slots auf die nächsten Flughäfen Köln/Bonn oder Hahn im Hunsrück zu verlagern. Ein herber Prestigeverlust für das größte Flughafen-Drehkreuz im Lande, das mit den Konkurrenten in London-Heathrow und Paris um die Vormachtstellung im europäischen Luftverkehr konkurriert und der auch die Stimmung der Festgemeinde am kommenden Freitag drücken könnte.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft.

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