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Veröffentlicht: 14.01.2014, 17:47 Uhr

Morozov antwortet Lobo Wir brauchen einen neuen Glauben an die Politik!

Die NSA-Enthüllungen haben die Utopie des Internets als eines demokratischen Emanzipationsmediums zerstört. Das Medium, so zeigt sich immer mehr, ist in weiten Teilen in die Hand großer Unternehmen und Geheimdienste gelangt. Eine Neubewertung ist notwendig. Der Netzjournalist Sascha Lobo hat diese Debatte mit einem Text im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ eröffnet, in dem er sich von seinem bisherigen Cyberoptimismus abwendet und im Internet - zumindest in seiner derzeitigen Form - ein Medium der Kontrolle und Überwachung sieht. Der in Harvard lehrende Medientheoretiker Evgeny Morozov antwortet ihm an dieser Stelle. Das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und FAZ.NET werden die Debatte über die Zukunft des Internets in loser Folge mit weiteren bekannten Stimmen fortführen.

von Evgeny Morozov
© dpa Keine Entität, nur ein Server: Rechenzentrum von Google

Enttäuschungen im digitalen Bereich sind mir nicht fremd, und so kann ich Sascha Lobos Herzensschrei gut nachempfinden. Wie Sascha begann ich meine Erkundung der digitalen Technologie mit einer gewaltigen Dosis überbordender Begeisterung und großen Hoffnungen hinsichtlich ihres demokratischen Potenzials. Vielleicht war ich sogar noch naiver als Sascha, denn ich sah diese Technologien stets im politischen Kontext der Region, aus der ich stamme - der postsowjetischen Welt und insbesondere Weißrussland. Und wie schlimm ist man dort gescheitert!

Meine eigene Desillusionierung begann um 2007. Ich habe festgestellt, dass der Verzicht auf den Cyberoptimismus zwei Phasen hat. Aber leider absolviert sie nicht jeder vollständig. Die erste Phase ist recht brutal. Man erfasst die jüngsten empirischen Befunde und revidiert den Inhalt seines Glaubens an eine ansonsten unveränderte intellektuelle Welt. Man gelangt zu anderen Schlussfolgerungen, aber die Objekte der Analyse werden niemals in Frage gestellt. So werden manche Menschen zu Vegetariern oder zu Gegnern der Atomkraft. Werden neue Erkenntnisse bekannt, kehren sie möglicherweise zu ihrer früheren Überzeugung zurück, oder sie werden noch extremer in ihrer aktuellen Überzeugung. Sie überdenken die Konzepte des „Fleischs“ oder der „Atomkraft“ nicht bei jeder neu veröffentlichten Studie, sondern ergreifen in einer festumrissenen Debatte Partei für eine der beiden Seiten.

Erst in der zweiten Phase ist es möglich, die digitale Dialektik wirklich zu überdenken. Hier wechselt man nicht einfach die Seite - man entdeckt neue Dimensionen der Realität und gibt alte auf, weil sie nichts anderes als bedeutungslose Phantome sind. Es kommt zu einem Paradigmenwechsel, der das eigene Weltbild radikal verändert und alle früheren Vorstellungen hinsichtlich der Beziehungen, Objekte und Themen der Analyse zerstört. Die Entdeckung, dass die Erde sich um die Sonne dreht - statt umgekehrt - oder dass man Konzepte wie „Phlogiston“ oder „Äther“ nicht braucht, um die damit beschriebenen physikalischen Phänomene zu erklären - solche Entdeckungen sind Paradigmenwechsel.

Cyberagnostizismus statt Cyberpessimismus

Der Einfachheit halber wollen wir die erste Phase als empirische, die zweite als ontologische Korrektur bezeichnen. Warum ontologisch? Weil hier nicht nur eine einzelne Position im Blick auf eine bestimmte Frage revidiert werden muss. Vielmehr gilt es sicherzustellen, dass der Gegenstand der Analyse real ist und dass man die Realität in der für ihr Verständnis bestmöglichen Weise zerlegt hat. Die Frage, ob Fleisch existiert, ist nicht sonderlich hilfreich, während die Frage, ob der Äther existiert, sehr hilfreich war.

Ein Großteil unserer intellektuellen Arbeit in den letzten Jahren galt der Frage, ob das „Internet“, von dem Sascha behauptet, es sei „kaputt“, eher dem „Äther“ als dem „Fleisch“ ähnelt. Das heißt, es gibt zwar keinen Mangel an Debatten über die Frage, ob das „Internet“ gut oder schlecht für die Demokratie ist, aber wir sollten besser alles tun, um zu klären, ob es keinen besseren, erhellenderen Weg gibt, die technologische Realität, in der wir leben, zu zerlegen. Ich jedenfalls glaube nicht, dass wir die beste begriffliche Grundlage zur Beschreibung des technologischen Fundaments der aktuellen Lage bereits gefunden haben.

Nehmen wir nur einmal eine der unproblematischen Annahmen aus Saschas Artikel: Warum sollen wir annehmen, das „Internet“ sei ein stabiles und kohärentes Medium mit wohldefinierten Eigenschaften, die einen Vergleich mit anderen Medien ermöglichen? Sind die Eigenschaften durch physikalische Gesetze definiert, oder sind sie nur das Ergebnis irgendwelcher Kompromisse zwischen Unternehmen und Interessengruppen hinsichtlich technologischer Standards? Und falls sie das Resultat von Kämpfen mit sehr zufälligen und offenen Ergebnissen sind, die vielleicht nur deshalb verlorengingen, weil Unternehmen heute mächtiger als Bürger sind, verstecken wir dann nicht lediglich das Scheitern der Politik unter der unschuldig wirkenden Decke des Mediengeredes? Erklären wir das Unvermögen, in die wesentliche Informationsinfrastruktur zu investieren, nicht einfach nur weg, wenn wir es als natürliche Eigenschaft des „Internet“ betrachten? Wen wollen wir eigentlich mit diesen rhetorischen Ausflüchten täuschen?

"Eierköpfe" auf der Buchmesse © Julia Zimmermann Vergrößern Der Berliner Autor Sascha Lobo, Jahrgang 1975, zählt sich zur digitalen Bohème. Deren Manifest schrieb er 2006 mit Holm Friebe: „Wir nennen es Arbeit“. Seit dem Beginn der Spähaffäre wandelte sich sein Denken. In der F.A.S. vom 11. Januar beschrieb er die Enttäuschung, die den Enthüllungen der staatlichen Massenüberwachung folgte. Lobo ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien mit Kathrin Passig „Internet - Segen oder Fluch“.

Saschas Artikel zeigt, dass er nur den halben Weg gegangen ist. Sein Sinneswandel ist eher empirischer als ontologischer Natur. Er hat seinen früheren Cyberoptimismus gegen Cyberpessimismus eingetauscht und weist die deterministische Vorstellung zurück, wonach die digitale Technologie per saldo Faktoren begünstigt, die gut für Demokratie, geistige Auseinandersetzung und Ermächtigung sind. Viele seiner Kritiker scheinen allerdings nicht zu verstehen, dass diese Einstellung nicht mit der Überzeugung gleichzusetzen ist, alles an der digitalen Technologie sei automatisch schlecht.

Vielleicht ist „Cyberpessimismus“ hier nicht der beste Ausdruck. Eine bessere Bezeichnung für diese Einstellung wäre wohl „Cyberagnostizismus“. Als Ideologie zeichnet der Cyberagnostizismus sich durch die Weigerung aus, anzuerkennen, dass es eine festumrissene Vorstellung von den politischen Folgen digitaler Technologien geben müsse. Und der Grund für diese Weigerung ist einfach: Nicht Tools bestimmen eine Politik, sondern Systeme - die aus Tools, Ideologien, Marktanreizen und Gesetzen bestehen. Nach dieser Lesart ist Sascha nicht von der Technologie enttäuscht, sondern von der Tatsache, dass diese Technologie von einer unheiligen Allianz aus einigen Gespenstern in Washington und Venture-Kapitalisten in Silicon Valley für zynische Zwecke benutzt wird.

Das Internet als autonome Entität?

Hätte Sascha seine Kritik so formuliert, hätte ich ihm mit Freuden zugestimmt. Aber wenn er sich dem Cyberagnostizismus ergibt - und der düsteren Sicht, zu der ihn die Analyse der aktuellen Situation veranlasst -, zeigt er, dass er einem anderen intellektuellen Handikap erliegt: dem Internetzentrismus, wie ich ihn nennen möchte. Nur wenn wir den Internetzentrismus abschütteln, können wir zu jenem Paradigmenwechsel gelangen, der unsere ontologischen Grundlagen zu erschüttern vermag.

Internetzentrismus ist, kurz gesagt, die Vorstellung, dass allem, was im digitalen Bereich geschieht, eine kohärente Logik zugrunde liege - schon die bloße Existenz dieses Bereichs (der auch mit Begriffen wie „online“ oder „Cyberspace“ umschrieben wird) gehört zu den Grundüberzeugungen dieser Denkweise - und dass wir diese Logik akzeptieren müssten, weil sie wie die Logik der Märkte zu komplex sei, als dass wir Menschen sie verstehen könnten.

Unsere unheilvolle technisch-politische Lage ist eine direkte Folge unserer unheilvollen intellektuellen Lage. Der Internetzentrismus ist schuld daran, dass man in weiten Teilen der westlichen Welt jede aktive Wirtschaftspolitik vor allem im Blick auf die wesentliche Informationsinfrastruktur aufgegeben hat, weil allzu viele von uns der Annahme erliegen, das Internet werde schon - ähnlich dem Markt - alles richten, während es die Welt miteinander verbindet. Aber diese Verbindung erfolgt nicht in neutraler Weise. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Welt zu vernetzen, und die Art, wie wir sie heute vernetzen, könnte sich auf lange Sicht als schädlich für die Demokratie erweisen.

Aus der Sicht der Wirtschaftspolitik ist das „Internet“ lediglich eine Erweiterung jenes Geredes vom freien Markt, das wir aus den Slogans der amerikanischen und britischen Neoliberalen wie dem von der angeblichen „Alternativlosigkeit“ kennen. Natürlich gibt es Alternativen, aber wir sehen sie deshalb nicht, weil „das Internet“ ganz wie „der Markt“ als autonome Entität mit eigenen Gesetzen und Regelmäßigkeiten dargestellt wird, die wir weder vorauszusagen noch vorauszusehen vermöchten, so dass wir uns ihnen nur anpassen könnten.

In gewisser Weise war die Entscheidung, zwei Jahrzehnte lang über das „Internet“ zu debattieren, zugleich eine Entscheidung, nicht über andere wichtige Dinge zu sprechen, von der Notwendigkeit, eine öffentliche Infrastruktur für das Informationsmanagement aufzubauen, bis hin zur Entwicklung digitaler Identitätssysteme, die nicht an soziale Netzwerke gebunden sind. Diese Gespräche galten als nutzlos, weil das „Internet“ angeblich zu komplex ist, als dass man es steuern könnte: ein komplexes, autonomes System, das „außer Kontrolle“ geraten sei - um den Titel von Kevin Kellys erfolgreichem Buch vom Beginn der neunziger Jahre zu zitieren - und sich selbst überlassen werden müsse, damit es sich selbst entwickelt. Es könne seine Probleme am besten selbst lösen.

Vielleicht gibt es ja wirklich eine vierte Kränkung der Menschheit, aber es ist nicht die, von der Sascha spricht. Diese Kränkung hat mit der Art zu tun, wie der technologisch-epistemische Apparat, den wir aus schlechter Gewohnheit weiterhin das „Internet“ nennen, alles in seinem Gefolge tilgt: Er schreibt die Geschichte einzelner Technologien und Protokolle neu, um sie in die großartige und sich weiter entfaltende Geschichte der „größten Erfindung der Weltgeschichte“ einzubauen; er gibt vor, es gäbe nur einen einzigen - programmatisch in Begriffen wie „Netzneutralität“ niedergelegten - Weg für den Betrieb unserer technologischen Infrastruktur, während Technologieunternehmen mit ebenso skrupellosen Zielen wie an der Wallstreet als wohlwollende Engel dargestellt werden, die nichts anderes wollten, als die Welt Klick für Klick zu verbessern. In der Folge verkümmert unsere Phantasie hinsichtlich der Infrastruktur so weit, dass wir uns nicht einmal mehr vorzustellen vermögen, wie wir unsere technologischen Angelegenheiten regeln könnten - und erst recht nicht, was wir tun müssten, um eine politische Agenda zu befördern, die zu Gerechtigkeit, überlegtem Handeln und dem Schutz der Privatsphäre beiträgt.

Neuer Glaube an die Politik

Was Sascha zwar zu begreifen, aber dann nicht vollständig zu entwickeln scheint, ist der Gedanke, dass das „Internet“ buchstäblich überall sein wird, wenn alles - durch winzige Sensoren und Modems - miteinander vernetzt ist. Aber wenn man die These akzeptiert, wonach das „Internet“ einen endlosen Reinigungsprozess darstellt, wobei Bereiche, die zunächst umstritten und politisch waren, in unumstrittene technologische Bereiche verwandelt werden, die sich nach der außer Kontrolle geratenen Logik des „Internets“ verhalten, dann lässt sich leicht erkennen, was uns erwartet: das Ende der Politik schlechthin, da der einzige verbliebene Grund für eine Regulierung dieser neuen „vernetzten Welt“ darin läge, „Innovation“ (ein schöner Euphemismus für die Geschäftsinteressen von Silicon Valley) zu fördern, statt ehrgeizige soziale und politische Ziele zu verwirklichen. Wenn das „Internet“ überall ist, dann ist Politik nirgendwo mehr.

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Gegen das „Internet“ zu sein - wenn wir denn mit Internet nichts anderes meinen als Websuche, Networking und den Zugang zu E-Books - ist rückwärtsgewandt und unnötig. Darin hat Sascha Recht, vor allem am Ende seines Artikels. Es ist schade, dass Sascha nicht sagt, was gesagt werden muss: Die einzige Möglichkeit, alternative Formen der Nutzung von E-Books oder Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken zu schaffen, die nicht allzu sehr auf die scheinbar kostenlosen, von Silicon Valley angebotenen Dienstleistungen angewiesen wären, ist die Entwicklung einer neuen Wirtschaftspolitik, die Milliarden in eine öffentliche Informationsinfrastruktur investierte. Und wir wollen nicht, dass diese Infrastruktur von den gleichen Oligopolen gelenkt wird, diesmal nur mit europäischen Namen. Sie muss dezentral und öffentlich sein, mit Bürgern, die ihre eigenen Daten von Beginn an besitzen. Nicht digitalen Optimismus sollten wir kultivieren, sondern Optimismus im Blick auf öffentliche Institutionen und einen neuen Glauben an die Politik. Das ist in Zeiten der Sparpolitik sicher keine sonderlich populäre Botschaft.

Das Internet ist keine Übermacht

Es ist nicht hilfreich, gegen das „Internet“ zu sein, aber es ist vollkommen in Ordnung, gegen den Spruch „Weil das Internet…“ zu sein - eine Argumentationsfigur, die Saschas Kampfgefährten (die sich selbst als „Internetexperten“ bezeichnen) perfekt beherrschen und die jegliches politische Argument (zur Zukunft der Bildung oder des Verlagswesens oder des Gesundheitssystems) durch ein einziges reduktionistisches Argument ersetzt: „Weil das Internet…“ Deshalb fordert man uns auf Onlinebildung zu akzeptieren und das Verschwinden des Qualitätsjournalismus und die Gefährdung seriöser verlegerischer Arbeit und das ständige Bemühen, die Menschen besorgt um ihre Gesundheit zu machen, und all das mit ein und demselben Argument: Diese Opfer müssen gebracht werden, weil es das „Internet“ gibt und weil es keine Geiseln nimmt. Dieses Argument kann zwar der öffentlichen Bedeutung der „Internetexperten“ Auftrieb verleihen, aber es ist sehr schwach, wenn es um die öffentliche Diskussion von Problemen geht.

Mein Rat an Sascha ist deshalb sehr einfach: Statt in einer Debatte Partei zu ergreifen, die das „Internet“ als fixes, kohärentes Medium begreift, wäre es besser, sehr viel weiter zu gehen und das „Internet“ als eine Ideologie zu begreifen, die die Debatten über Wirtschaftspolitik zu entpolitisieren versucht. Unsere hochtechnisierte Welt nähme keinen Schaden, wenn er diese Position verträte - ebenso wenig wie die Wirtschaft Schaden nimmt, wenn Kritiker des Neoliberalismus zeigen, dass die Idee eines autonomen, sich selbst organisierenden und effizienten Marktes eine Ideologie ist. Unsere dringendste Aufgabe heute ist nicht ein endgültiges Urteil darüber, ob das „Internet“ gut oder schlecht ist - das wäre eine absurde Übung. Vielmehr gilt es herauszufinden, was von unserer technologischen Infrastruktur - und dem Mangel an solch einer Infrastruktur - in einer Welt nach dem Internet zu halten ist. Es wäre großartig, wenn Sascha sich in diese Richtung bewegte.

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