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Veröffentlicht: 14.01.2014, 17:47 Uhr

Morozov antwortet Lobo Wir brauchen einen neuen Glauben an die Politik!


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Neuer Glaube an die Politik

Was Sascha zwar zu begreifen, aber dann nicht vollständig zu entwickeln scheint, ist der Gedanke, dass das „Internet“ buchstäblich überall sein wird, wenn alles - durch winzige Sensoren und Modems - miteinander vernetzt ist. Aber wenn man die These akzeptiert, wonach das „Internet“ einen endlosen Reinigungsprozess darstellt, wobei Bereiche, die zunächst umstritten und politisch waren, in unumstrittene technologische Bereiche verwandelt werden, die sich nach der außer Kontrolle geratenen Logik des „Internets“ verhalten, dann lässt sich leicht erkennen, was uns erwartet: das Ende der Politik schlechthin, da der einzige verbliebene Grund für eine Regulierung dieser neuen „vernetzten Welt“ darin läge, „Innovation“ (ein schöner Euphemismus für die Geschäftsinteressen von Silicon Valley) zu fördern, statt ehrgeizige soziale und politische Ziele zu verwirklichen. Wenn das „Internet“ überall ist, dann ist Politik nirgendwo mehr.

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Gegen das „Internet“ zu sein - wenn wir denn mit Internet nichts anderes meinen als Websuche, Networking und den Zugang zu E-Books - ist rückwärtsgewandt und unnötig. Darin hat Sascha Recht, vor allem am Ende seines Artikels. Es ist schade, dass Sascha nicht sagt, was gesagt werden muss: Die einzige Möglichkeit, alternative Formen der Nutzung von E-Books oder Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken zu schaffen, die nicht allzu sehr auf die scheinbar kostenlosen, von Silicon Valley angebotenen Dienstleistungen angewiesen wären, ist die Entwicklung einer neuen Wirtschaftspolitik, die Milliarden in eine öffentliche Informationsinfrastruktur investierte. Und wir wollen nicht, dass diese Infrastruktur von den gleichen Oligopolen gelenkt wird, diesmal nur mit europäischen Namen. Sie muss dezentral und öffentlich sein, mit Bürgern, die ihre eigenen Daten von Beginn an besitzen. Nicht digitalen Optimismus sollten wir kultivieren, sondern Optimismus im Blick auf öffentliche Institutionen und einen neuen Glauben an die Politik. Das ist in Zeiten der Sparpolitik sicher keine sonderlich populäre Botschaft.

Das Internet ist keine Übermacht

Es ist nicht hilfreich, gegen das „Internet“ zu sein, aber es ist vollkommen in Ordnung, gegen den Spruch „Weil das Internet…“ zu sein - eine Argumentationsfigur, die Saschas Kampfgefährten (die sich selbst als „Internetexperten“ bezeichnen) perfekt beherrschen und die jegliches politische Argument (zur Zukunft der Bildung oder des Verlagswesens oder des Gesundheitssystems) durch ein einziges reduktionistisches Argument ersetzt: „Weil das Internet…“ Deshalb fordert man uns auf Onlinebildung zu akzeptieren und das Verschwinden des Qualitätsjournalismus und die Gefährdung seriöser verlegerischer Arbeit und das ständige Bemühen, die Menschen besorgt um ihre Gesundheit zu machen, und all das mit ein und demselben Argument: Diese Opfer müssen gebracht werden, weil es das „Internet“ gibt und weil es keine Geiseln nimmt. Dieses Argument kann zwar der öffentlichen Bedeutung der „Internetexperten“ Auftrieb verleihen, aber es ist sehr schwach, wenn es um die öffentliche Diskussion von Problemen geht.

Mein Rat an Sascha ist deshalb sehr einfach: Statt in einer Debatte Partei zu ergreifen, die das „Internet“ als fixes, kohärentes Medium begreift, wäre es besser, sehr viel weiter zu gehen und das „Internet“ als eine Ideologie zu begreifen, die die Debatten über Wirtschaftspolitik zu entpolitisieren versucht. Unsere hochtechnisierte Welt nähme keinen Schaden, wenn er diese Position verträte - ebenso wenig wie die Wirtschaft Schaden nimmt, wenn Kritiker des Neoliberalismus zeigen, dass die Idee eines autonomen, sich selbst organisierenden und effizienten Marktes eine Ideologie ist. Unsere dringendste Aufgabe heute ist nicht ein endgültiges Urteil darüber, ob das „Internet“ gut oder schlecht ist - das wäre eine absurde Übung. Vielmehr gilt es herauszufinden, was von unserer technologischen Infrastruktur - und dem Mangel an solch einer Infrastruktur - in einer Welt nach dem Internet zu halten ist. Es wäre großartig, wenn Sascha sich in diese Richtung bewegte.

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