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Veröffentlicht: 27.02.2014, 11:23 Uhr

Mein Leben als GfK-Testhaushalt Liebling, ich habe die Quote geschrumpft

Wie geht es wirklich zu bei der Messung der Fernsehquoten in Deutschland? Ein Kästchen am Fernseher, Extra-Knöpfe an der Fernbedienung - und man könnte alles manipulieren. Ein Insider erzählt.

von Christoph Ullrich
© Fotolia Ganz schön gruselig: Jeder von der GfK verkabelte Zuschauer repräsentiert siebentausend, die angeblich vor dem Bildschirm sitzen

Nach der Lektüre Ihres Berichts vom vergangenen Freitag „Und was machen Sie abends um 20.15 Uhr?“ möchte ich Ihnen meine eigenen Erfahrungen mit der Gesellschaft für Konsumforschung nicht vorenthalten.

Wir gehörten als vierköpfige Familie für ungefähr zwölf Jahre - von 1998 bis 2010 - zur Gemeinschaft der Fernsehzuschauer, deren Fernsehverhalten von der GfK mit einem speziell für diese Zwecke zu Hause am Fernseher installierten Gerät registriert und statistisch erfasst wurde. Aufgenommen in den Kreis der Erlesenen wurden wir durch ein nicht weiter durchschaubares Auswahlverfahren. Vermutlich hatte tatsächlich der oft bemühte Zufall seine Hand im Spiel.

Eine freundliche Mitarbeiterin der GfK teilte mir am Telefon mit, dass wir ausgewählt worden seien. Wir fühlten uns tatsächlich nicht nur ausgewählt, sondern auserwählt, obgleich gleichzeitig der dumpfe Verdacht gärte, dass man dadurch nicht mehr als das spießige Siegel einer bundesrepublikanischen Durchschnittsfamilie aufgedrückt bekam. Meinem damaligen Hinweis am Telefon, dass wir ja eigentlich nicht zu den Vielguckern gehören, wurde mit begeisterter Affirmation - „ja, gerade die brauchen wir ja auch für unsere Statistik“ - begegnet.

Jeder von uns stand für 7.000 Fernsehzuschauer

Da wir für einige Jahre im Haus Au-pairs beherbergten, zählte unser Haushalt damals fünf Fernsehseelen. Ein bis zwei fernsehbegeisterte Gäste konnten zusätzlich angegeben werden. Als Mitglied der deutschen Fernsehgemeinde der GfK verpflichtet man sich, beim Einschalten des Fernsehers grundsätzlich die Personen, die gerade davor sitzen, namentlich anzugeben. Die Eingabe war relativ einfach über eine Fernbedienung geregelt und wurde auf einem kleinen Display neben dem Fernseher mit Nennung des Vornamens des gerade Fernsehenden - sehr vertraulich - bestätigt. Dieses Display gab außerdem die exakte Uhrzeit an, die einzige Zutat, die ich heute schmerzlich vermisse.

In unserem Haushalt konnten also sechs bis sieben zuschauende Personen gezählt werden. Jede von ihnen repräsentiert den Berechnungen der GfK zufolge 7000 deutsche Fernsehzuschauer. Es wäre für uns - hätten wir es gewollt - einfach gewesen, bei Sendungen, die uns besonders guckens- und erhaltenswert oder sogar wertvoll erschienen, die tatsächlich zuschauenden Personen zu vervielfältigen.

Selbst den Fernseher ohne jeden Zuschauer davor laufen und dabei fast 40 000 Zuschauer zählen zu lassen war natürlich - rein theoretisch - möglich. Glücklicherweise waren wir nie das Ziel irgendwelcher Einflussnahmen von außen, also von Leuten, denen es am Herzen hätte liegen können, dass ihre Sendungen von vielen geschaut werden. Aber hätten sich meine kleinen Kinder damals nicht eventuell mit schönen Geschenken bestechen lassen?

Röhrenfernseher passen nicht in die Statistik

Dass wir nun nicht mehr zu den Auserwählten zählen, war der Tatsache geschuldet, dass unser alter Fernseher nicht kaputtgehen wollte und wir nicht gewillt waren (und es bis heute nicht sind), uns einen neuen anzuschaffen. Aus irgendwelchen Gründen war das alte System nicht mehr kompatibel mit den neuen Messgeräten, und wir waren aus dem Spiel. Die Eingabe der zuschauenden Personen wäre zwar nicht unmöglich gewesen, aber so kompliziert geworden, dass wir um Austritt aus dem Zirkel der statistisch erfassten Televisionäre baten, was uns umgehend gewährt wurde.

Gleichzeitig stellte ich an das GfK die Frage, ob jetzt nicht alle Personen, die nicht bereit sind, sich mit neuen - digitalen - Fernsehgeräten auszustatten, der statistischen Zähl- und Verwertbarkeit entgehen. Worauf es lapidar hieß: Nein, alle anderen würden gerne die komplizierte Prozedur auf sich nehmen, wir seien die Ausnahme.

Seitdem gehen wir als vernachlässigbare Minderheit auf geradezu anarchistische Weise einem ungemessenen Fernsehkonsum nach, der alle Talkshows und fast alle Privatsender, oft sogar das gesamte Programm genüsslich meidet. Mit Sicherheit beeinflusste das Gefühl, eine Rolle bei der Quotenmessung zu spielen, auch das Fernsehverhalten. Sendungen, die man als wertvoll empfand, wurden möglichst nicht versäumt, selbst wenn man nur mit einem halben, zusätzlich noch von Schläfrigkeit getrübten Auge hinschauen konnte.

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Und, welche Erotik-Spielfilme mögen Sie so?

Ach ja: Die Zugehörigkeit zur GfK-Familie beinhaltete übrigens noch eine weitere, von uns oft als lästig empfundene Pflicht: Wir durften - oder mussten - alljährlich (pro Person!) einen umfangreichen und überaus pingeligen Fragebogen zu unserem Konsumverhalten ausfüllen.

Aber dieser Fragebogen, der auf alle Unwichtigkeiten des täglichen Lebens unverschämt neugierig war - beispielsweise auf den Konsum von Schokoriegeln und die Vorlieben für Erotik-Spielfilme -, konnte auf die absurdeste und phantasievollste Weise beantwortet werden, was zumindest von einem Teil meiner Familie, daran erinnere ich mich gerne, mit großer Freude am Spiel mit den bundesdeutschen Haushaltsstatistiken praktiziert wurde.

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