28.10.2004 · Was Rom der Europäischen Union bedeutet / Von Heinz-Joachim Fischer
ROM, 28. Oktober. Die Europäer haben mit Bedacht Rom zum Ort der Unterzeichnung der künftigen EU-Verfassung gewählt. Schon vor knapp einem halben Jahrhundert wählten die Staats- und Regierungschefs der sechs Gründerstaaten, Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Belgiens, der Niederlande und Luxemburgs, die Stadt am Tiber für den Gründungsakt. Am 25. März 1957, einem regnerischen Montag im Frühling, wurden im größten Saal des Konservatorenpalastes auf dem Kapitolinischen Hügel zu Rom die Verträge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atombehörde (Euratom) unterschrieben. Dort wird jetzt wieder die Zeremonie stattfinden.
Als damals am Abend die erste von 92 Unterschriften gesetzt wurde, war die Welt keineswegs live dabei. Keine Fernsehkamera schaute den hoffnungsvollen Europapolitikern über die Schulter. Nur die Glocke des Campidoglio, im Rathausturm des ehrwürdigen Senatorenpalastes, begann zu läuten und kündete denen draußen, daß eine neue Zeit für Europa anhob. Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach davon, daß Europa Deutschlands Wiedergutmachung sei. Nicht weniger wichtig als die Gründung einer wirtschaftlichen Zweckgemeinschaft war, daß man sich im Herbst 1990 wieder in Rom daranmachte, Europa weiterzubauen. Der Kommunismus im östlichen Europa war in jenen Monaten zusammengebrochen, die zwei sehr unterschiedlichen deutschen Staaten hatten sich in einem atemberaubenden Tempo und unter den kritischen Augen der anderen Europäer wiedervereinigt. Da beschloß der Europäische Rat Mitte Dezember in Rom, zwei Regierungskonferenzen zur Herstellung einer Politischen Union sowie einer Wirtschafts- und Währungsunion zu eröffnen. Ohne die Römischen Verträge von 1957, ohne "Rom 1990" mit dem feierlichen Gelöbnis einer wirklichen "Union" hätte es kein Europa der sechs Staaten, dann der 15 und jetzt der 25 gegeben. Viele Städtenamen tauchen im europäischen Einigungsprozeß auf, doch kein Ort kann es an europäischer Bedeutung mit Rom aufnehmen.
Das liegt auch daran, daß der Mythos Rom die Europäer - die Deutschen allen voran - stets anzog und wie nichts anderes Europa und seine politische Kultur widerspiegelt. Rom ist nicht nur eines der großen kulturellen, geistigen und religiösen Zentren der Welt. Die Stadt in der Mitte Italiens ist der Ort, in dem die Welt sich wiedererkennt. In Rom ist mit Händen zu greifen, was die ersten Worte der neuen Verfassung beschwören, die kulturellen, religiösen und humanistischen Wurzeln Europas. Das Bauernvolk vom Tiber verstand es, das Beste von den Besiegten aufzunehmen und das Beste von sich zurückzugeben, von den Griechen etwa die überlegene Kultur, von sich die Ordnungskraft eines pragmatischen Rechts. Staunend können die Neu-Europäer daher vom Kapitol hinunter auf das Forum Romanum blicken und sich ein Beispiel an der Einigungsleistung der antiken Senatoren und Konsuln, Feldherrn und Imperatoren nehmen.
Es ist kein Wunder, daß dieses Römische Reich jahrhundertelang das lateinische, abendländische Europa faszinierte. Selbst dann noch, als aus der Hügelstadt die Macht entwich, die luxuriösen Thermen verödeten und auf dem Forum Kühe weideten. Denn in den leeren Räumen der entschwundenen Herrschaft hatte sich eine neue eingerichtet, das Papsttum, geistig und geistlich die Völker Europas an sich bindend. Manche zu eng, so daß die Bande gesprengt wurden. Bei einer Privataudienz für den scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Prodi im Vatikan hat Papst Johannes Paul II. am Donnerstag denn auch noch einmal zu der neuen Verfassung der Europäischen Union Stellung genommen und dabei etwas unwirsch das Fehlen der "christlichen Wurzeln" in der Präambel kommentiert. Die katholische Kirchenführung, so der Papst, habe zusammen "mit einer großen Zahl von christlichen Bürgern" von Anfang an die Bildung der Gemeinschaft der europäischen Völker gefördert. "Das Christentum hat in verschiedener Weise zur Bildung eines gemeinsamen Bewußtseins der europäischen Völker beigetragen und wesentlich die europäische Kultur geformt. Dies ist, ob in den offiziellen Dokumenten anerkannt oder nicht, ein unleugbares Faktum, das kein Historiker wird vergessen können."