06.12.2004 · Eine große Studie der TU Darmstadt hat Opfer und Täter von Stalking untersucht
simo. DARMSTADT, im Dezember. Die erste empirische Studie zum Thema Stalking in Deutschland ist jetzt von der Arbeitsstelle für Forensische Psychologie der Technischen Universität Darmstadt mit Unterstützung der Opferschutzorganisation Weißer Ring vorgelegt worden. Auf einer eigens für diese Untersuchung eingerichteten Internetseite beantworteten zwischen Juli 2002 und Mai 2004 sowohl Stalking-Opfer als auch Täter Fragen zu ihrem persönlichen Umfeld, der Art des Stalkings und den Auswirkungen. Insgesamt konnten in der Studie, die unter dem Titel "Stalking in Deutschland - Zur Psychologie der Betroffenen und Verfolger" im Frühjahr 2005 in einer Buchreihe des Weißen Rings erscheint, die Profile von 551 Opfern und 98 Stalkern dokumentiert werden. Die Fragebögen, an deren Authentizität Zweifel bestanden, wurden von der Auswertung ausgeschlossen. Die Befragten blieben anonym. Allerdings wurden zusätzlich Telefoninterviews mit mehreren Betroffenen und Tätern geführt.
Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe um Professor Hans-Georg Voß und seine Mitarbeiter Jens Hoffmann und Isabel Wondrak bestätigten in vielen Punkten die bislang bekannten Erkenntnisse über Stalking, die hauptsächlich aus Amerika stammen. So ergab sich aus der Befragung der größtenteils weiblichen Betroffenen (85 Prozent), daß in fast jedem zweiten Fall der Stalker ein ehemaliger Partner war. Oft kam es schon in der Partnerschaft zu Auffälligkeiten. So zeigten 85 Prozent der Stalker während der Beziehung ein starkes "Kontrollverhalten", drei von vier ehemaligen Partner waren sehr eifersüchtig, und 69 Prozent sorgten sich darum, "daß diese zerbrechen könnte". Fast vierzig Prozent der Betroffenen hatten darüber hinaus in der Beziehung Gewalt erlebt. Daß ein Opfer von einer unbekannten Person gestalkt wurde, kam hingegen nur selten vor. In neun von zehn Fällen standen die Leidtragenden in irgendeiner Beziehung zum Stalker, sei es über den Freundes- und Bekanntenkreis oder den Arbeitsplatz.
Meist versuchten die Stalker, in mehr als der Hälfte der Fälle sogar mehrmals täglich, durch Telefonanrufe (83 Prozent), Briefe, E-Mails oder SMS (95 Prozent), aber auch über Freunde und Verwandte Kontakt zu ihren Opfern aufzunehmen. Oft trieben sich die Täter in der Nähe der Betroffenen herum, standen plötzlich vor der Haustür oder verfolgten sie mit Auto oder Fahrrad. In jedem vierten Fall wurde von Beschädigung des Eigentums berichtet. In 38,9 Prozent aller Fälle kam es zu körperlichen Angriffen.
Im Durchschnitt dauerten die Belästigungen 28 Monate. Die meisten Stalker sind Männer. 81 Prozent aller Opfer gaben an, von einem Mann gestalkt worden zu sein. Die Zahl der männlichen Stalker, die sich in den Fragebögen selbst als Täter bezeichneten, lag jedoch nur bei 59 Prozent. Die Forscher führen das darauf zurück, daß sich Frauen generell stärker an Umfragen beteiligen und offener gegenüber Selbstkritik sind. Der Durchschnitts-Stalker ist überhaupt schwer zu ermitteln. Geht man von den Angaben der Täter aus, sind sie 30 bis 40 Jahre alt, meist ledig, gut gebildet und auffallend oft arbeitslos. Fast alle Stalking-Opfer hatten etwas gegen die Belästigung unternommen. Allerdings haben 63 Prozent von ihnen keine Anzeige gegen den Stalker erstattet. Viele berichteten, daß die Polizei von einer Anzeige abgeraten hatte oder die Anzeige nicht aufgenommen wurde. Auch bei den Betroffenen, die eine Anzeige erstatteten, gab es große Unzufriedenheit mit der Art und Weise, wie die Polizei mit der Beschwerde umging. Mehr als zwei Drittel hatte große Probleme, den Beamten den Ernst ihrer Lage zu vermitteln. Die Polizei gab unter anderem an, nicht zuständig zu sein oder, da kein Straftatbestand vorliege, nichts tun zu können. In vielen Fällen bagatellisierten die Zuständigen das Problem, gaben manchmal sogar den Opfern die Schuld. Auch waren ironische Bemerkungen zu hören wie: "Freuen Sie sich doch über ihren Verehrer!"
Stalking hat für die Opfer schwerwiegende Folgen. Fast alle gaben an, daß sich ihr Leben durch die Verfolgung, Bedrohung oder Belästigung massiv verändert habe. Sie fühlten sich ängstlich, nervös, schreckhaft und benahmen sich gegenüber anderen Menschen vorsichtig und zurückhaltend. Sozialer Rückzug, Konflikte in einer neuen Partnerschaft oder auch Umzug und Berufswechsel waren die Konsequenzen. 43 Prozent der Opfer suchten wegen der anhaltenden Terrorisierung Psychologen oder Ärzte auf. Nur wenige hingegen wandten sich an Opferberatungsstellen oder Selbsthilfegruppen.