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Veröffentlicht: 09.12.2014, 17:34 Uhr

Frauenförderung Männer sehen sich ausgebremst

Eine Umfrage unter Führungskräften der Chemie- und Pharmaindustrie zeigt: Jeder zweite Mann erwartet Karrierenachteile durch Frauenförderprogramme.

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© dapd Eine Amerikanerin auf einer Jobbörse in Detroit.

Männliche Führungskräfte in der Chemie- und Pharmaindustrie sehen ihre Berufsaussichten durch Frauenförderprogramme beeinträchtigt - und erwarten künftig eher noch mehr Nachteile. Vier von zehn Männern gaben bei einer Umfrage an, ihre Karriereaussichten seien dadurch negativ beeinflusst worden. Mehr als die Hälfte erwartet, dass dies künftig der Fall sein werde. Die Frauen bewerteten den Effekt der Förderung weniger gravierend. Ihr Empfinden, bevorzugt zu werden, ist also geringer als das Empfinden der Männer, benachteiligt zu werden. Das ergibt eine Online-Umfrage des Führungskräfteverbandes VAA, bei der 2500 Mitglieder antworteten: zwei Drittel davon Männer, ein Drittel Frauen. Die Resultate liegen der F.A.Z. vor.

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Der VAA vertritt die Akademiker und leitenden Angestellten in Deutschlands drittgrößter Industrie. Er erkundigte sich nach Maßnahmen der Unternehmen, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. Dann fragte er: „Wie beurteilen Sie den bisherigen Einfluss dieser Programme auf Ihre persönlichen Karriereaussichten?“ 42 Prozent der Männer antworteten: „negativ“ (29 Prozent „leicht“, 13 Prozent „stark negativ“). Die Frauen gaben dagegen nur zu gut einem Viertel „positiv“ an (25 Prozent leicht, 1 Prozent stark positiv). Ohne Einfluss sind die Programme nach Ansicht von 70 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer.

Beide Geschlechter sind sich aber tendenziell einig, dass die Frauenförderung zunehmend wirken werde: Auf die Frage nach dem künftigen Einfluss antworteten 56 Prozent der Männer „negativ“ (31 Prozent leicht, 25 Prozent stark), 42 Prozent der Frauen „positiv“ (34 Prozent leicht, 8 Prozent stark). „Gerade an der höheren Zahl beim erwarteten künftigen Einfluss ist eine Verunsicherung der Männer abzulesen“, sagt VAA-Hauptgeschäftsführer Gerhard Kronisch. Zudem drücke sich darin auch die Einschätzung aus: „Jetzt wird es ernst.“

Der Verband fragte auch nach konkreten Maßnahmen der Arbeitgeber: Jeweils jeder sechste bis siebte Befragte, ob Mann oder Frau, nannte Zielvorgaben für Vorstand und Aufsichtsrat, ein Drittel Zielmarken für die zweite Führungsebene, drei von zehn nannten Vorgaben für das mittlere Management, jeder Zweite generelle Personalentwicklungsmaßnahmen.

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In der Geschlechterdebatte fühlen sich oft beide Seiten diskriminiert: Männer beklagen eine generelle Benachteiligung bei Ausschreibungen, Frauen die weiter niedrige Präsenz in den Spitzengremien: Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung lag der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der größten 200 deutschen Unternehmen bei gut 15 Prozent - gut 2 Prozentpunkte über Vorjahr - und stagnierte in den Vorständen annähernd bei mehr als 4 Prozent.

Boehringer Ingelheim GmbH © dpa Vergrößern Das Empfinden der Frauen, bevorzugt zu werden, ist geringer als das Empfinden der Männer, benachteiligt zu werden.

Der VAA ist als Führungskräfteverband mit 30.000 Mitgliedern, davon 18.000 beruflich aktiven, viel kleiner als in derselben Branche die Gewerkschaft IG BCE, hat aber hohen Einfluss in den Konzernen. Er sieht die Umfrage als repräsentativ an, was laut Definition des Statistikamts Destatis gegeben ist, wenn sich aus der Stichprobe auf die Gesamtgruppe schließen lässt. Angeschrieben wurden 13.000 Mitglieder. Allerdings antworteten überproportional viele Frauen, die im VAA 19 Prozent der Mitglieder stellen. Die Antwortenden kamen zu 84 Prozent aus Großunternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern, was laut Verband der Verteilung bei anderen Umfragen entspricht.

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