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Madagaskar Und Gott strafte den unersättlichen Baobab

16.11.2011 ·  Kaum ein Tourist verirrt sich in Madagaskars Westen, trotz der Naturwunder und der freundlichen Menschen. Mit den Ahnen sollte man sich allerdings gutstellen.

Von Franz Lerchenmüller
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© Franz Lerchenmüller Die Baobab-Allee - der älteste Baum ist über achthundert Jahre alt.

Der Himmel weint. Das ist eigentlich für diese Jahreszeit nicht vorgesehen, die Regenperiode sollte erst später beginnen. Doch vorgestern, sagt Steuermann Legai, sei in Miandrivazo der angesehene Geschäftsmann Rabuba gestorben, gerade einmal fünfzig Jahre alt. Jetzt trauert die Erde, trauern die Ahnen im Jenseits, und so wundert es niemanden, dass heute ein sanfter Regen niedergeht. Tabakfelder, Grasdachhütten, die steile Abbruchkante des Ufers, aus der Schilfwurzeln baumeln wie weiße Kabel - alles ist in mildes Grau getaucht. Die Passagiere auf der "Lakanabe" nehmen es gelassen. Die Menschen am Ufer winken ja trotzdem meist freudig und so lange, bis das Boot außer Sicht ist. Weiße Lemuren schwingen sich auch jetzt in den Jackfruchtbäumen geradezu tollkühn fünf, sechs Meter weit von Ast zu Ast. Und die Zebu-Frikadellen mit Reis, die Köchin Baku auftischt, und das kalte "Three Horses"-Bier sorgen außerdem für gute Stimmung.

Gelegenheit, Gelassenheit zu lernen, hatten wir schon einige Male an diesem Tag. Gleich zu Beginn erfuhren wir, dass es an Bord keine Toilette gebe, sondern alle zwei, drei Stunden eine Pinkelpause an Land. Kurz darauf, hundert Meter nach dem Ablegen, blieb das Schiff im gerade einmal knietiefen Fluss Tsiribihina stecken. Eine Dreiviertelstunde lang schoben und drehten und zogen die sechs jungen Männer der Besatzung das flache Eisenboot über Schlamm und knirschenden Sand und lachten dabei: "Moramora", immer schön mit der Ruhe! Dann warf der Steuermann den Motor wieder an und manövrierte vorsichtig über das flache Gewässer - um gleich darauf gegen einen dicken Ast am Ufer zu donnern, so dass eine der tragenden Eisenstützen sich beulte. Kapitän Fafa, der Mitbesitzer der "Lakanabe", besah sich den Schaden kurz, schüttelte den Kopf, und schon machte sein Stirnrunzeln wieder dem gewohnt strahlenden Lächeln Platz.

Köchin Baku serviert Zebu-Schaschlik und flambierte Bananen

Auf Unwägbarkeiten haben wir uns also inzwischen eingestellt bei unserer Tour abseits der gängigen Touristenrouten. Üblicherweise besuchen Ausländer auf Madagaskar die Königstadt Ambohimanga, den Markt am Bahnhof von Antananarivo, die Strände auf Nosy Be und mindestens einen der vielen Nationalparks. Uns aber zieht es in den weniger bekannten und bereisten Westen der Insel. Zwei Tage und zwei Nächte wird die Flussfahrt bis nach Belo Tsiribihina dauern. Abends macht das Schiff an einer Sandbank fest. In einem geschäftigen Durcheinander bauen die Männer Zelte auf und schleppen Matratzen hin und her, und am Ende wundern wir effizienzgewohnten Europäer uns nicht wenig, wenn sich tatsächlich alle Taschen und Schlafsäcke dort finden, wo sie sein sollen.

Baku und ihre Helferin Niry servieren aus der winzigen Küche Zebu-Schaschlik und flambierte Bananen. An Bord kreist eine Flasche Rum, am Horizont spucken ferne Buschfeuer rotglühende Lohe. Und Reiseführer Zulu, gelernter Sportlehrer, erzählt von dem großen Fest, zu dem die sechsundsiebzig Angehörigen seiner Familie alle paar Jahre aus aller Welt anreisen, um die Ahnen aus ihren Gräbern zu holen, sie in neue Seidentücher zu wickeln, einmal durchs Dorf zu tragen und dann wieder zu begraben. Mit den Ahnen, dämmert es den Reisenden, sollte man es sich besser nicht verderben auf Madagaskar.

Die Naturbadewanne mit Wasserfall ersetzt die Dusche

Allmählich weitet sich der Fluss. Das Schiff tuckert im Zickzack über das Wasser, immer auf der Suche nach der Fahrrinne. Manchmal treiben kleine Inseln aus Wasserhyazinthen vorbei, ein Eisvogel schießt blauglitzernd über den Fluss, in rotgebänderten Felswänden hängen Kolonien von Flughunden wie schwarze Schimmelflecken. Immer mal wieder stecken am Ufer kleine, dunkle Menschen hellgrüne Setzlinge in Reisfelder oder halten neugierig ihren Zebu-Karren an. Fast alle winken: "Ich sehe dich", heißt das, "ich bin freundlich. Zeig mir, dass du mich auch wahrnimmst." Bei einer Familie, die einen Lemur als Haustier hält, deckt die Köchin sich frisch ein: Freilaufende Hühner, garantiert biologisch ernährt, und offenbar sehr weit herumgekommen, immer zu Fuß, mutmaßen wir, als die Veteranen mittags unsere Kiefer strapazieren.

Die meiste Zeit breiten wir uns auf dem Oberdeck auf der Polstergarnitur und den hölzernen Liegen aus und plaudern über die Geheimnisse der Imkerei, das Für und Wider des Skisports oder die Fallstricke des Baurechts. Hin und wieder verfolgen wir, wie Patricia, die für die kleine Bar zuständig ist, im Bug Hof hält und die Jungmännerwelt in Aufruhr bringt. Dann wieder grüßen wir zu den Kanus hinüber, die die "Lakanabe" überholen. Manchmal sitzen ein oder zwei Touristen darin und lassen sich von Ruderern über den Fluss paddeln. Natürlich haben sie größere Chancen, sich Krokodilen oder Lemuren unbemerkt zu nähern. Aber die meisten blicken eher verbissen durch den Nieselregen, und wir sind uns schnell einig: Es hat etwas für sich, unter einem Dach zu sitzen, sich ab und zu ein frisches Bier holen und die Füße vertreten zu können. Überraschungen bieten Fluss und Ufer schließlich auch den Motorisierten: ein Zikadengewitter, einen Flamingoschwarm, den rauschenden Wasserfall mit seiner wunderschönen Naturbadewanne, die die Dusche an Bord ersetzt.

Der Kapitän bittet die Ahnen um Schutz für die Fremden

Am letzten Morgen hat die Erde ihre Trauer über den Verlust des Herrn Rabuba überwunden. Flaschengrün glänzt der Fluss, die Mangobäume schimmern in düsterem Metallic, weiße Reiher strahlen wie frisch gewaschen. Und das verbliebene Huhn kräht sorglos aus vollem Herzen und weiß noch nicht, dass dies sein letzter Sonnenaufgang sein wird. Der Verkehr auf dem Fluss nimmt jetzt zu. Schon laufen am Ufer zwischen den aufgereihten Häusern von Belo Tsiribihina mehr Menschen durcheinander, als die Reisenden während der vergangenen zwei Tage insgesamt zu Gesicht bekommen haben. Baku und Niry geben mit einem zarten Kokoshühnchen und einem kunstvoll geschnitzten Gemüseboot noch einmal ihr Bestes, und Kapitän Fafa erklärt zum Abschied, dass er und seine Leute ihre Ahnen bitten würden, die Fremden auch auf allen weiteren Stationen dieser Reise zu beschützen.

Diesen Beistand können wir wahrlich gebrauchen. In zwei Geländewagen rattern wir über eine tief ausgewaschene Buckelpiste nach Norden. Staubig sind die Termitenhügel, staubig die Dornenbüsche, staubig leuchtet die untergehende Sonne. Die Fahrer rasen, denn niemand weiß, wie lange die Fähre über den Manombolo abends verkehrt. Ein Lastwagen, auf dessen Ladefläche sich Menschen an Kisten und Ballen festklammern, überholt uns rasant - und wird kurz darauf wieder überholt, weil er anhalten musste, damit die Fahrgäste die wild im Busch verstreute Ladung einsammeln können. Spätestens jetzt wird uns klar, dass Madagaskar kein übersichtliches Gewürzinselchen ist, sondern eine kolossale Insel von 1600 Kilometer Länge und 600 Kilometer Breite. Auf der Karte ist unsere in gefühlten acht, realen vier Stunden zurückgelegte Hundert-Kilometer-Strecke nur ein ganz kleiner Strich.

Ein Wächter schützt vor Knochendieben

Dafür ist auf die Ahnen Verlass. Sie sorgen dafür, dass Wagen und Insassen durchgeschüttelt, aber heil um neun Uhr abends Fluss und Fähre erreichen, die offenbar noch eine ganze Weile in die Nacht hinein verkehrt. Da ist es nur zu angebracht, den Vorvätern am nächsten Morgen Dank abzustatten. In zwei verbundenen Einbäumen staken Ruderer Nababani und Ranger Njara die Besucher den Manambolo hinauf. Überhängende Felsen aus gelbem Sandstein säumen, Kanzel an Kanzel, das Ufer. Von den Bäumen baumeln Bromelien, Farne und Orchideen, aus dem Wald dringen Rufe, die an einen cholerischen Truthahn erinnern. Dabei plaudert dort nur ein Lemur mit der Welt.

Bevor das Boot anlegt, warnt Njara: Niemand darf mit ausgestrecktem Finger auf die Ahnen zeigen! Hoch oben in einer waagrechten Felsspalte haben sie ihre letzte Ruhe gefunden. Zwischen offenen, kleinen Särgen aus verwittertem Palisanderholz liegen menschliche Schädel und Knochen, dazwischen Tuchfetzen, vermodernde Geldscheine und eine leere Flasche - Überreste von Opfergaben. Es sind Gräber der Vazimba, eines ausgestorbenen Volkes. Nababani sprüht einen Schluck Wodka darüber, spricht respektvoll mit den Seelen und bittet sie, Fotos zu erlauben. Das gehe in Ordnung, lassen sie uns wissen, und gleichermaßen würden sie die Reisenden weiterhin sicher durch das Land geleiten. Unten sitzt gelangweilt ein Wächter. Früher, sagt Nababani, hätte man oft die Seidentücher gestohlen, in die die Toten gewickelt waren. Heute gelte das Interesse menschlichen Gebeinen, dem Rohstoff für schwarze Magie.

Graue Orgelpfeifen und steinerne Spitzbögen

Wieder willkommen ist die Unterstützung der Ahnen im nahen Nationalpark Tsingy de Bemaraha. Denn die Wegstrecke ist tückisch und verlangt höchste Aufmerksamkeit bei so vielen Spalten, wackligen Steinen und rutschigen Felsen. Wir legen ein Klettergeschirr an und machen uns auf den Rundweg. Durch Höhlen und Rinnen windet er sich und durch beklemmend enge Schluchten, in denen Wurzeln von Flamboyantbäumen baumeln wie dicke Wasserleitungen. Dann geht es, den Karabiner eingehakt in ein Drahtseil, steil nach oben. Graue Orgelpfeifen ragen ringsum empor, Spitzbogen reiht sich an Spitzbogen, ein vollendetes gotisches Ensemble hat die Natur geschaffen. Vor zweihundert Millionen Jahren erstreckten sich hier die Korallenriffe eines Ozeans. Erdbeben haben sie in die Höhe gehoben, Wind und Regen ausgewaschen und ausgefräst, und übrig geblieben ist ein steinernes Meer grauer, gleichmäßig gerippter Zacken und Zähne, manche mit Graten so scharf wie Sägemesser, andere von spitzen Hüten bedeckt. Ganz oben, kurz vor einer luftigen Aussichtsplattform, wartet dann noch eine zehn Meter lange Hängebrücke.

Drei Kilometer lang ist der Rundweg, drei Kilometer, die es in sich haben. Er ist anstrengend und nicht geeignet für Ungeübte, aber hervorragend mit Trittstufen und Führungsseilen befestigt. Und es ist überhaupt kein Problem, fünf Stunden dort zu verbringen, sich immer wieder umzusehen, zu staunen und zu lauschen: ob sich nicht doch irgendwo ein Anzeichen eines Kalanuru ausmachen lässt, jenes rotäugigen, langbärtigen und nackten madagassischen Yeti, der nur rohes Fleisch frisst und so gern Kinder entführt und den angeblich nur Kinder sehen können, nicht aber Erwachsene.

Der Baum, der verkehrt herum in der Erde steckt

Die Fahrt zurück nach Süden, nach Morondava, dauert einen ganzen Tag. Gegen Nachmittag säumen immer öfter bauchige graue Säulen den Weg, die wie afrikanische Ausrufezeichen in den Himmel ragen und dort mit dürren Hexenfingern herumnesteln. Gott sei verärgert gewesen über den unersättlichen Baobab, heißt es, weil er sich das Recht herausnahm, mehr Wasser zu speichern als andere Bäume. Zur Strafe zog er ihn aus der Erde und steckte ihn verkehrt herum wieder hinein, so dass das wirre Wurzelwerk jetzt seine Krone bildet. Jeder einzelne Affenbrotbaum ist beeindruckend, doch dann tauchen die Stars auf: der mehr als achthundert Jahre alte "Heilige Baobab"; die ineinander verschlungenen "Liebenden Baobabs"; schließlich die Baobab-Allee. Und pünktlich zum Sonnenuntergang, als sei er bestellt, rasselt zwischen den Baumriesen ein Zebu-Karren auf der Straße daher, gehüllt in eine staubige rotgoldene Aura. Was für ein Bild, was für ein Abschied vom Wilden Westen Madagaskars! Auf die Ahnen ist eben Verlass.

Anreise: Air Austral (www.air-austral.com) fliegt von Paris über La Réunion nach Madagaskar. Die Flugzeit beträgt etwa elf Stunden. Für die Einreise genügt ein noch sechs Monate lang gültiger Reisepass. Das Visum gibt es kostenlos am Flughafen in Antananarivo. - Veranstalter: Die beschriebene Tour ist Teil einer Reise des Madagaskar-Spezialisten Travel & Personality, die auch in den Osten und Süden führt (Im Betzengaiern 29, 70597 Stuttgart, Telefon: 0711/7586777, info@travel-and-personality.de, www.travel-and-personality.de). Sie dauert drei Wochen und kostet 3980 Euro pro Person. Auch Natur & Kultur bietet verschiedene Reisen in den Westen an (Schultheiß-Kiefer-Straße 23, 76229 Karlsruhe, Telefon: 0721/9463616, info@urlaubundnatur.de, www.urlaubundnatur.de). - Reiseführer: "Madagaskar" von Wolfgang Därr und Klaus Heimer, Reise Know-How Verlag 2009, 24.90 Euro. - Informationen: Im Internet unter www.madainfo.de, www.madagaskar.tourismus.de, www.urlaub-madagaskar.com und www.madagascar-africa.com. Die offizielle Website des madagassischen Fremdenverkehrsamtes (www.madagascar-tourisme.com) ist derzeit im Umbau.

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