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Lesung Glück und Glas

07.02.2006 ·  Warum bloß sind wir nicht Schlagersänger geworden? So ein unwiderstehlicher Typ wie Christian Anders? Aber ach, es hat nicht sollen sein, und so trösten wir uns Woche für Woche mit den „Herzblatt-Geschichten“.

Von Christoph Schütte
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Warum, mag der geneigte Leser sich in stillen Stunden fragen, warum bloß sind wir nicht Schlagersänger geworden? So ein unwiderstehlicher Typ wie, sagen wir, Christian Anders? Oder wenigstens Königliche Hoheit, Teppichluder oder Fernsehpfarrer? Dann nämlich hätten wir Geld wie Heu, könnten den lieben langen Tag Champagner trinken bis zum Abwinken und dürften in der einschlägigen Fachpresse von „Bild“ über die „Bunte“ bis zum „Goldenen Blatt“ tagtäglich über die schönen Seiten des Lebens philosophieren. Und Sie, Leser, wären grün vor Neid.

Aber ach, es hat nicht sollen sein, und so trösten wir uns Woche für Woche mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und mit Peter Lückemeier, dessen „Herzblatt-Geschichten“ auch dem Normalsterblichen intime Einblicke in jenes Paralleluniversum versprechen, in dem Adel, Politiker und all die andern Zelebritäten ihr ausschweifendes Liebesleben führen. Freilich, so sollte sich bei der Lesung zugunsten der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ im Redaktionsgebäude dieser Zeitung rasch herausstellen, hat der Autor in seiner Kolumne keineswegs nur Augen für die langen Beine und die Körbchengröße all der jungen Dinger auf dem Promi-Boulevard. Er hat ein Herz, vor allem für die geschätzten Leserinnen.

Und las folglich gleichsam als Zugabe und im hoch komisch harmonierenden Duett mit der Schauspielerin Nadja Juretzka schon einmal aus jenem Buch, das sich abseits des immer wieder erheiternden Auf und Ab auf der Showtreppe des Glamours in die Niederungen unser aller Zweierbeziehung begibt. „Männer verstehen“, so der Titel der voraussichtlich im kommenden Jahr erscheinenden satirischen Betrachtungen, richtet sich ausschließlich an Frauen und löst damit endlich einmal wahrhaft komisch ein, was vergleichbare Ratgeber zum Thema seit Jahren nur versprechen. Ist es doch ein Mann, der verzweifelt unverstandene Ehefrauen in die wohl jedem zarten Wesen fremd erscheinenden „Sphären der Männlichkeit“ entführt, „die sich dem weiblichen Zugriff entziehen“.

In Baumärkte zum Beispiel, jene raren, vermutlich allerletzten Männerparadiese, die zu betreten eine Frau aus guten Gründen auch im Traum nicht wagen sollte, will sie sich dem Zorn des Fachberaters nicht aussetzen; oder zum sommerlichen Grillvergnügen, das ein solches für den wahren Mann ganz ohne Frage niemals ist; und nicht zuletzt verspricht Lückemeier, Ressortleiter dieser Zeitung, dankenswerterweise endlich Antwort auf die von allen Frauen im Taumel der Verliebtheit immer wieder gern gestellte Frage: „Was denkst du?“ Nämlich schlicht und ergreifend: einfach nichts, in wenigstens der Hälfte aller Fälle. Bleibt gerade mal der karge Rest für Sex und Fußball und gelegentliche Machtphantasien.

Ab und an, wenn uns dann doch einmal die Muse küßt in einem nachdenklichen Augenblick, ein flüchtiger Gedanke an die neue brasilianische Vertriebsassistentin. Doch will das unsere Gattin wirklich wissen? Na eben. Blühte uns doch sonst womöglich schneller, als uns lieb ist, was der Autor reichlich komisch, doch mahnend auch am prominenten Beispiel, in den „Herzblatt-Geschichten“ vor aller Leser Augen führt. Und was man nur hienieden, außerhalb des Promi-Zirkus also, an frohen Tagen und in manchen Nächten auch so gern vergißt: Glück und Glas, so seufzt es aus Lückemeiers wöchentlichen Streifzügen durch die Knallpresse der Republik, wie leicht bricht das. Dafür muß man nicht einmal an notorische Schwerenöter denken wie Udo Jürgens, an Beckenbauers Weihnachtsfeiern oder gar an Dieter Bohlen.

Denn wer hätte gedacht, daß sich der Trompeter Stefan Mross von „wildfremden, von der Volksmusik aufgepeitschten“ Groupies verfolgt sieht? Maria Hellwigs fesche Dirndl vom verstorbenen Gatten ausgewählt und, wer weiß, am Ende gar gebügelt werden? Und daß nicht zuletzt, so durfte man am Ende des vergnüglichen Abends baß erstaunt - und mit dem Schicksal plötzlich ganz und gar versöhnt - zur Kenntnis nehmen, daß nicht zuletzt also Christian Anders mittlerweile, statt auch nur mit einer all der Frauen seines Lebens im „Zug nach Nirgendwo“ zu sitzen, ausgebrannt von zuviel Glücksspiel, Frauen, Sex, bevorzugt esoterische Erfüllung sucht? Derlei Verwirrung der Gefühle sollte auch kein bißchen prominenten Zeitgenossen zu denken geben. Und der gemeine Mann in uns, der seine Frau, wenn auch auf seine etwas eigene Art, so doch von Herzen liebt, mag auch in Zukunft ungeniert und ruhigen Gewissens schweigen, will sie es wieder einmal wissen. Ein Kuß, und schon wird alles gut.

Quelle: F.A.Z., 28.01.2006, Nr. 24 / Seite 59
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Jahrgang 1963, freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

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