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Leserbrief Wohin treibt Israel?

06.08.2006 ·  Oft genug hat man in den vergangenen zwei Wochen von Politik und Medien die Binsenwahrheit zur Kenntnis nehmen müssen, daß die Hizbullah durch die Entführung zweier israelischer Soldaten eine unnötige Provokation ausgelöst und Israel ...

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Oft genug hat man in den vergangenen zwei Wochen von Politik und Medien die Binsenwahrheit zur Kenntnis nehmen müssen, daß die Hizbullah durch die Entführung zweier israelischer Soldaten eine unnötige Provokation ausgelöst und Israel daraufhin mit geballter Macht unverhältnismäßig hart gehandelt habe. Nur selten wurde vermerkt, daß die Zivilbevölkerung im Libanon und in Palästina durch die Angriffe der israelischen Armee in Geiselhaft genommen und Opfer brutalster kollektiver Bestrafung geworden ist.

Die Frage, ob Hizbullah im Sinne der libanesischen Staatsräson gehandelt hat, läßt sich leicht mit Nein beantworten. Tatsache ist, daß diese Organisation trotz Repräsentanz in Regierung und Parlament kein Hehl daraus macht, wie wenig sie die bestehenden staatlichen Institutionen des Libanons als legitim und funktionsfähig erachtet. Es ist dem Libanon zu wünschen, daß er nach der Überwindung der gegenwärtigen humanitären Katastrophe nicht auch noch in bürgerkriegsähnliche Verirrungen abgleitet.

Und die Israelis? Sie demonstrieren wieder ihre militärische Überlegenheit und können sich wie eh und je auf eine uneingeschränkte und wirkungsvolle Unterstützung durch die Vereinigten Staaten verlassen. Bringt ihnen allerdings diese Machtüberlegenheit mehr Sicherheit oder gar den dauerhaften Frieden? Mitnichten, und hier verwundert die mangelnde Lernfähigkeit der politischen und militärischen Eliten in diesem Land; denn wie oft hat Israel Kriege gewonnen, ohne ein einziges Mal einen Frieden daraus gewonnen zu haben? Außerdem müssen die Israelis zum ersten Mal bitter erfahren, daß sie trotz ihrer Fähigkeit, Menschen zu töten und Infrastruktur fast vollständig zu zerstören, nicht mehr verhindern können, daß auch ihre Städte und Dörfer zu Zielscheiben von Raketenangriffen werden, und zwar nicht nur entlang der Grenze. Häufig wurden die genannten Eliten Israels als ihren arabischen Gegnern intellektuell hoch überlegen und in strategischer Hinsicht sogar als genial angesehen. Man fragt sich allerdings heute mehr als je zuvor, ob das, was Israel im Libanon und in Palästina gegenwärtig macht, und zwar aus der Sicht dieses Landes selbst, überhaupt als intelligent, geschweige denn als zivilisiert gelten kann. Es kommt hinzu, daß vor allem die Zivilbevölkerung zum Opfer dieser vermeintlich "intelligenten" Politik geworden ist - einer Politik, die unweigerlich zu mehr Haß und Frustration auf arabischer und muslimischer Seite führt und alle Möglichkeiten friedlicher und umfassender Beilegung des palästinensisch-israelischen Konflikts zunichte macht. Doch ohne Lösung dieses Konflikts auf gerechte und ehrliche Weise bleibt die Friedensperspektive hoffnungslos und gefährlich explosiv, nicht nur für die arabische Welt, sondern auch und gerade für Israel selbst. Die unter dem zynischen Motto "angemessener Preis" gestartete Militäraktion Israels wird sich früher oder später aus der Sicht israelischer und amerikanischer Interessen als völlig kontraproduktiv erweisen.

Dr. Aref Hajjaj, Bonn

Quelle: F.A.Z., 07.08.2006, Nr. 181 / Seite 6
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