26.08.2008 · Zum Artikel "Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen" (F.A.Z. vom 21. Juli): Dank Helmut Schmidt war die Gelöbnisfeier der Bundeswehr am 20. Juli vor dem Reichstag eine Geschichtsstunde und nicht nur ein Rasenstreit.
Zum Artikel "Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen" (F.A.Z. vom 21. Juli): Dank Helmut Schmidt war die Gelöbnisfeier der Bundeswehr am 20. Juli vor dem Reichstag eine Geschichtsstunde und nicht nur ein Rasenstreit. Schmidts sehr persönliche Ansprache an die jungen Rekruten war anregend, aber auch unbedingt nachfragebedürftig. Gleich mehrfach betonte er, dass die demokratischen Parteien Weimars, also Sozialdemokratie, Deutsche Demokratische Partei und Zentrum "freiwillig" ihren Staat "preisgegeben" hätten - ohne diese ebenso überraschende wie schwerwiegende und für einen Sozialdemokraten doch auch ziemlich überraschende Aussage auch nur mit einem Satz zu erläutern. Gewiss, öffentliche Ansprachen sind keine Geschichtsvorlesungen. Aber mit jeder Vereinfachung ist auch die Gefahr einer Verfälschung verbunden. Und die Kunst der politischen Rede, die Schmidt doch wie wenige beherrscht, besteht nun einmal darin, in der Reduktion von historischer Komplexität das Wesentliche, den Wahrheitskern zu treffen. Erst recht, wenn ein Elder Statesman zu Rekruten spricht.
Vielleicht haben die Sozialdemokraten 1929/30 nicht alles versucht, um die große Koalition und das Kabinett Hermann Müller in der Regierung zu halten. Darüber kann und muss man immer wieder diskutieren. Aber ist nicht die Rechte der eigentliche Totengräber der Weimarer Republik gewesen? Hat sie nicht von Beginn an die Republik bekämpft und schließlich Hitler die politische Macht übertragen? Und sind die "Anfangsfehler" wirklich erst im März 1930 gemacht worden? Hat nicht die innere Selbstzerstörung Weimars sehr viel früher begonnen? Zumal aus sozialdemokratischer Perspektive. Rudolf Hilferding, einer der führenden Theoretiker der Partei, schrieb wenige Jahre später im Prager Manifest der Exil-SPD: 1914 und 1918 seien "die schlimmsten Fehler" gemacht worden. "Dass sie den alten Staatsapparat fast unverändert übernahm, war der schwere historische Fehler, den die deutsche Arbeiterbewegung beging."
Muss sodann nicht unbedingt auf das Schlüsseljahr 1925 verwiesen werden, als ein Nachfolger für den früh verstorbenen Friedrich Ebert gewählt werden musste? Dass die katholische Bayerische Volkspartei nicht den Zentrums-Kandidaten Marx wählte, weil er von den Sozialdemokraten unterstützt wurde, sondern den protestantischen Preußen und Monarchisten von Hindenburg, schuf jedenfalls eine entscheidende Voraussetzung für die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie Weimars durch ihre eigenen Institutionen.
Ebendieser Hindenburg war es denn auch, der im Winter 1929/30 zielstrebig das Ende der Großen Koalition betrieb und damit vor allem das Ende der Regierungsbeteiligung der Sozialdemokraten. Nach der Verabschiedung des Young-Plans, dem neuen Reparationsabkommen, haben Hindenburg und seine "Kamarilla" energisch Schritte in Richtung Präsidialdiktatur unternommen. Die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder um Reichskanzler Müller (SPD) bemühten sich nach Kräften, zusammen mit Brüning, um einen Kompromiss in der strittigen Reform der Arbeitslosenversicherung - für Schmidt eine "nebensächliche Streitfrage" - und dami6t um Stabilisierung der großen Koalition. Die gewerkschaftlichen Mitglieder in der Fraktion konnten einen Kompromiss, der die Arbeitslosen benachteiligte, nicht akzeptieren. Der Bruch der großen Koalition und der Beginn der Präsidialdiktatur waren die Folge.
Die Sozialdemokraten, DDP und Zentrum haben Hitler nicht verhindern können. Das ist eine bittere Wahrheit. Aber daraus lässt sich gewiss nicht ableiten, sie hätten den Untergang Weimars selbst verschuldet, und schon gar nicht, dass sie daran die Hauptschuld tragen. Das wäre Geschichtsklitterung. Die historische Wahrheit liegt woanders. Weimar wurde durch die Rechte liquidiert, durch jene nationalkonservativen, monarchistisch orientierten Eliten, die ihre soziale und wirtschaftliche Macht behaupten wollten, dazu Hitler und seiner Partei die politische Macht übertrugen, in der Hoffnung, dadurch die Verhältnisse in ihrem Sinne zu stabilisieren.
Professor Dr. Peter Reichel, Hamburg