30.08.2005 · Zu "Mehr Kinder! Sofort?" und dem Leitartikel "Kirchhofs Herzensanliegen" (F.A.Z. vom 11. und 17. August): Als berufstätige Mutter dreier Kinder und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Anwältinnen im Deutschen Anwaltverein verfolge ich die Artikel über die Familienpolitik in der F.A.Z.
Zu "Mehr Kinder! Sofort?" und dem Leitartikel "Kirchhofs Herzensanliegen" (F.A.Z. vom 11. und 17. August): Als berufstätige Mutter dreier Kinder und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Anwältinnen im Deutschen Anwaltverein verfolge ich die Artikel über die Familienpolitik in der F.A.Z. immer mit großem Interesse. Bereits seit Jahrzehnten kämpfe ich für die volle Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten - leider bisher überwiegend ohne Erfolg. 1986 hatte ich bereits einen der Prozesse anhängig gemacht, der 1999 zu einem der Beschlüsse des Bundesverfassungsgerichts führte, an denen der damalige Verfassungsrichter Professor Kirchhof mitgewirkt hatte. Ziel der von mir erhobenen Verfassungsbeschwerde war es, die volle Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten für berufstätige Mütter zu erreichen. Mit diesem Begehren bin ich allerdings gescheitert. Grund für das Scheitern war die "traditionelle" Einstellung Kirchhofs, die sich beim Bundesverfassungsgericht durchsetzte. Kirchhof war und ist nämlich der Meinung, daß es erstrebenswert sei, wenn die Mutter während der Erziehungsphase sich voll der Erziehung ihrer Kinder widmet und keiner außerhäuslichen Berufstätigkeit nachgeht. So hat auch Kirchhof - Vater von vier Kindern - seine Ehe geführt. Er vertritt die Ansicht, daß die Familien zwar von Kinderbetreuungskosten entlastet werden müssen, möglichst jedoch so, daß dies für die Frauen ein Anreiz ist, sich selbst der Kindererziehung zu widmen. Dies führte dazu, daß das Bundesverfassungsgericht die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten für berufstätige Mütter abgelehnt hat und statt dessen eine Kombination von Freibeträgen und erhöhtem Kindergeld eingeführt wurde. Diese Kombination führt dazu, daß es für viele Frauen kaum Vorteile bringt, berufstätig zu sein, da die Kosten einer Kinderbetreuung durch Dritte die Familie - jedenfalls kurzfristig gesehen - mehr belasten. Für berufstätige Frauen in attraktiveren Berufen führt dies mehr und mehr dazu, daß diese vollständig auf Kinder verzichten. Diese bevölkerungspolitisch sicherlich unerwünschte Entwicklung ist durch die konservative Familienpolitik von Professor Kirchhof nicht zu stoppen. Es sollte endlich zur Kenntnis genommen werden, daß hochqualifizierte Frauen nicht "zurück an den Herd" gelockt werden wollen. Solche Frauen werden sich nur dann zu Kindern entschließen, wenn sie Berufstätigkeit und Familie in vollem Umfang vereinbaren können. Ein Schritt hierzu wäre sicherlich die volle Absetzbarkeit von Kinderbetreuungskosten. Berufstätige Frauen haben kein Verständnis dafür, daß sie das für die Aufrechterhaltung ihres "Familienbetriebs" notwendige Personal aus versteuertem Einkommen bezahlen sollen.
Mechtild Düsing, Münster