01.10.2008 · Auf die Reihe "Kafkas Sätze" im Feuilleton der F.A.Z. freue ich mich jeden Morgen neu; jeden Morgen warte ich darauf, dass einer der Autoren sich des folgenden Satzes aus dem "Verschollenen" annimmt und ihn aus seinem Kerker herausholt: ...
Auf die Reihe "Kafkas Sätze" im Feuilleton der F.A.Z. freue ich mich jeden Morgen neu; jeden Morgen warte ich darauf, dass einer der Autoren sich des folgenden Satzes aus dem "Verschollenen" annimmt und ihn aus seinem Kerker herausholt: "Karl erhoffte in der ersten Zeit viel von seinem Klavierspiel und schämte sich nicht, wenigstens vor dem Einschlafen an die Möglichkeit einer unmittelbaren Beeinflussung der amerikanischen Verhältnisse durch dieses Klavierspiel zu denken."
Dieser Satz leuchtet aus, was sich in den vergangenen Tagen bei der SPD abgespielt hat: Ganz bestimmt hat auch Kurt Beck, als er nach Berlin ging, diesen Traum Karl Roßmanns geträumt; seine in Ihrer Zeitung veröffentlichte Aussage: "Ich hatte gehofft, mit meinem Führungsstil in Berlin zu bestehen. Aber es gibt viele Leute, die nicht reif dafür sind", beweist es.
So ist Beck denn aus dem hinterwäldlerischen Berlin wieder weggegangen, angewidert auch von sich häufenden dümmlichen Journalistenfragen wie der, ob Müntefering jetzt der neue Heilsbringer sei. Und er mag, wie Karl Roßmann beim Verhör (im Kapitel "Der Fall Robinson") gedacht haben: "Es ist unmöglich, sich zu verteidigen, wenn nicht guter Wille da ist." Karl Roßmann ist es seiner Selbstachtung schuldig, fortan beim Verhör zu schweigen. Kurt Beck hat bei seiner Presseerklärung Format bewiesen auch dadurch, dass er selber vormacht, was er von anderen fordert: aus vertraulichen Gesprächen nichts auszuplaudern.
Werner Schäfer, Birkenfeld