11.02.2005 · Die vielen Leserbriefe zum Artikel von Sandra Kegel "Wir Rabenmütter" (F.A.Z. vom 7. Januar) zeigen eindrucksvoll, daß es in Deutschland zur Zeit kaum ein emotionaleres und kontroverser diskutiertertes Thema gibt als die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Die vielen Leserbriefe zum Artikel von Sandra Kegel "Wir Rabenmütter" (F.A.Z. vom 7. Januar) zeigen eindrucksvoll, daß es in Deutschland zur Zeit kaum ein emotionaleres und kontroverser diskutiertertes Thema gibt als die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es tobt ein unerbittlicher Wertekampf zwischen "Rabenmüttern" und "traditionellen Müttern". Zusätzlich streiten sich Anhänger einer Vielzahl vermittelnder Ansichten. Es war überfällig, daß dieser Wertekampf geführt wird, und es ist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu danken, daß sie dieses Thema zentral anspricht. Die Lösung des Problems sollte nicht das Obsiegen der einen oder anderen Wertevorstellung sein, sondern in der Sache mehr Gelassenheit und vor allem Toleranz.
Im 21. Jahrhundert sollte die aufgeklärte deutsche Gesellschaft erkennen, daß es kein persönlicheres Thema gibt als die Frage, ob man Kinder haben will und wie man sie erzieht. Für eine positivere Einstellung zum Kind genügte es, wenn der Staat kinderfreundlichere Rahmenbedingungen schüfe. Die Gesellschaft müßte ferner wertfrei unterschiedliche Lebenskonzepte anerkennen. Die Mehrzahl der Frauen in Deutschland fühlt sich dagegen heute immer noch aus den unterschiedlichsten Gründen verpflichtet, nach der Geburt eines Kindes die Berufstätigkeit einzustellen. Aus eigener Erfahrung als berufstätige Mutter zweier Kleinkinder kann ich Frau Kegel nur zustimmen, daß verantwortungsbewußte Erziehung keinesfalls eine Kinderbetreuung rund um die Uhr von den Eltern, insbesondere von der Mutter voraussetzt. Auch die beste Mutter der Welt ist nicht jeden Tag in der Lage, das Kind optimal zu fördern. Großeltern, Kinderfrauen oder Kindertagesstätten können Kindern ebenso viele wertvolle zusätzliche Anregungen geben. Zustimmen möchte ich Frau Dr. Hagen, die in ihrem Leserbrief meint, Erziehung könne man nicht delegieren. Ich glaube allerdings, daß die Mehrzahl der berufstätigen Eltern und Frauen dem zustimmenn. Es wird immer Extremfälle geben, in denen Eltern sich rücksichtslos auf Kosten der Kinder selbstverwirklichen. Dies geschieht allerdings aufgrund der entsprechenden Lebenseinstellung, unabhängig davon, ob die Mutter berufstätig ist.
Ausdrücklich widersprechen möchte ich Leser Pöllath und Leser Sander, die in ihren Leserbriefen meinen, in Deutschland übe die Gesellschaft Druck auf Mütter aus, berufstätig zu sein. Dies habe ich bisher nur in Nordamerika erlebt. Anfang der neunziger Jahre äußerten insbesondere Akademikerinnen in den Vereinigten Staaten und Kanada, sie fühlten sich "umgekehrt diskriminiert" (reverse discrimination), weil die Gesellschaft nicht wirklich akzeptiere, wenn sie nach der Geburt eines Kindes beruflich pausierten. In Nordamerika ist diese Phase überwunden, dort erleben wir sogar gerade wieder ein Aufblühen der Familienwerte. In Deutschland sind wir dagegen zwei Schritte hinter dieser Entwicklung zurück, denn nicht die Mutter, die zugunsten von Kindern die Berufstätigkeit aufgibt, sondern die Frau, die trotz Familie und Kind berufstätig sein will, steht noch immer unter Rechtfertigungszwang.
Ich kann nur hoffen, der begonnene Wertekampf führt nicht zu einer Verhärtung der Fronten, sondern zu mehr gesellschaftlichem Verständnis für unterschiedliche Lebens- und Familienmodelle. Dies ist der Schlüssel zur Lösung unserer dramatischen demographischen Probleme. In Frankreich ist dies schon lange erkannt und erfolgreich umgesetzt, wie Michaela Wiegel in ihrem Beitrag "Paläste zu Krippen" dokumentiert hat. Deutschland muß sich hier schnellstens modernisieren.
Dr. jur. Bettina Gentzcke, Bad Homburg