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Leserbrief Gefangen, nicht entführt

06.08.2006 ·  In jedem Krieg wird gelogen, von beiden Seiten. Man weiß das und spricht verschämt von psychologischer Kriegsführung. Ein besonderes Stück dieser Art, Untergruppe Semantik, erleben wir zur Zeit. Eine Zuspitzung des Nahost-Konflikts, ...

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In jedem Krieg wird gelogen, von beiden Seiten. Man weiß das und spricht verschämt von psychologischer Kriegsführung. Ein besonderes Stück dieser Art, Untergruppe Semantik, erleben wir zur Zeit. Eine Zuspitzung des Nahost-Konflikts, heißt es, sei dadurch eingetreten, daß die Hamas einen israelischen Soldaten entführte. Das Wort "Entführung" weckt Emotionen, erinnert uns an schreckliche Schicksale, zuletzt an das des armen Frankfurter Bankierssohns. Eine Entführung, da gab es weltweit in Politik und Medien nur eine Meinung, ist schrecklich, ist ein Verbrechen und der Entführte sofort freizulassen. Auch der deutsche General a.D. Kujat benutzte in einem Interview den Ausdruck "Entführung", obwohl er als Soldat wissen müßte, daß im Krieg, und Israel führt Krieg gegen die Hamas und jetzt auch gegen die Hizbullah, zwar Zivilisten entführt werden, nie jedoch Soldaten. Die geraten schlicht in Gefangenschaft. Ihre Freilassung kann nur nach Beendigung des Krieges verlangt werden. Bis dahin kann man nur hoffen, daß die Genfer Konvention eingehalten wird. Sehr geschickt, nur durch eine Wortwahl, gelang es, aus einem militärischen Vorgang eine Untat zu machen, aus einem militärischen Rückschlag einen moralischen Gewinn, aus dem Gegner einen Kriminellen.

Dr. jur. Wilfred Grigat, Travemünde

Quelle: F.A.Z., 07.08.2006, Nr. 181 / Seite 6
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