26.06.2008 · Zu "Jeder zweite Deutsche an der Grenze zur Armut" (F.A.Z. vom 20. Mai): Die Präsentation des Armutsberichts gerät eher zu einem Armutszeugnis für den Herrn Sozialminister. Auf einer Hauptversammlung hätte sich Scholz im günstigsten ...
Zu "Jeder zweite Deutsche an der Grenze zur Armut" (F.A.Z. vom 20. Mai): Die Präsentation des Armutsberichts gerät eher zu einem Armutszeugnis für den Herrn Sozialminister. Auf einer Hauptversammlung hätte sich Scholz im günstigsten Fall Gelächter mit dem Versuch eingehandelt, die künftige Geschäftspolitik an Zahlen des Jahres 2005 auszurichten. Das umso mehr, als sich die wesentlichen Parameter - Einkommen und Arbeitslosigkeit - in den zurückliegenden Jahren gravierend verändert haben. Zu einer geradezu kabarettistischen Einlage gerät der Versuch, die dramatische Absenkung der Armutsgrenze im Verlauf weniger Jahre von 938 Euro auf 781 Euro zu erklären: Ach ja, sagt man sich. Ganz klar. Es lagen halt andere Datensätze vor. Von Manipulation keine Spur: Poverty ist what you make it. Auch dem erläuternden Hinweis, dass Deutschland ein "vergleichsweise wohlhabendes Land" ist, fehlt jegliche Substanz. Seriös lässt sich der Grad der Armut doch nur über den Warenkorb vergleichen, den man am Rand der Armutsgrenze in den verschiedenen Ländern erwerben kann. Abgesehen von diesen grundsätzlichen Fragen, habe ich auch ein mathematisches Problem: Arm ist, wer 60 Prozent des mittleren Einkommens bezieht. Das sind 781 Euro. Demnach beträgt das mittlere Einkommen 1302 Euro. Als reich gilt, wer 200 Prozent des mittleren Einkommens erreicht. Nach Adam Riese sind das 2604 Euro, während im Bericht "Reichtum" erst bei 3418 Euro - also 30 Prozent höher - einsetzt. Aber vielleicht sind auch da nur die Datensätze etwas durcheinandergeraten.
NORBERT MÜLLER, KÖLN