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Leitartikel Wirtschaft Flexible Festung Spanien

31.01.2008 ·  Von Michael Psotta

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Der führende europäische Stromversorger, Electricité de France (EdF), setzt zum Sprung nach Spanien an. Offizielle Bestätigungen fehlen zwar noch, aber die Indizien verdichten sich, dass EdF nach Iberdrola greift, dem viertgrößten europäischen Branchenunternehmen, gemessen am Börsenwert. Das Vorhaben klingt verwegen, wenn man an die Erfahrungen des deutschen Marktführers Eon in Spanien denkt: Eon gab im Frühjahr 2007 entnervt das Vorhaben auf, den etwa gleichgroßen Iberdrola-Konkurrenten Endesa zu übernehmen. Und dies nicht etwa, weil sich der Verwaltungsrat oder die Aktionäre von Endesa erbittert gewehrt hätten. Es war die spanische Regierung, die alle Register zog, um Eon den Eintritt auf den spanischen Markt zu verwehren, unter anderem mit Hilfe willfähriger Gerichte und seltsamer Wettbewerbsentscheidungen einer dazu nicht befugten Regierungskommission. Obwohl selbst die EU-Kommission entschiedenen Widerstand gegen diese Blockade des freien Kapitaltransfers einleitete, sah Eon letztlich ein, dass gegen den Willen einer spanischen Regierung die Übernahme von Endesa nicht möglich war.

Was also könnte die französische EdF jetzt ermuntern, nach den abschreckenden Erfahrungen des deutschen Konkurrenten, ein eigenes Übernahmevorhaben für aussichtsreicher zu halten? Hier lohnt der Blick auf die Fortsetzung der Endesa-Geschichte: Das Unternehmen gehört heute dem italienischen Enel-Konzern, der sich vor dem Eon-Rückzug in das Bietergefecht eingeschaltet hatte - und dabei erheblich schlauer vorgegangen war: Im Unterschied zu Eon sicherte sich Enel von vornherein politischen Geleitschutz, und außerdem besorgten sich die Italiener einen strategischen Partner aus Spanien, den großen Baukonzern Acciona. Nach dem Rückzug von Eon war die Endesa-Übernahme durch die beiden Partner dann nur noch Formsache.

Daraus hat EdF ganz offensichtlich gelernt: Der französische Präsident Nicolas Sarkozy ist involviert, wie er bereits offiziell verlauten ließ, und als spanischer Partner für EdF steht der führende Baukonzern des Landes, ACS, bereit. Leicht wird sich die spanische Regierung dennoch nicht tun. Wanderte Iberdrola in französischen (Teil-)Besitz, dann fänden sich die beiden spanischen Strommarktführer unter ausländischer industrieller Führung wieder. Das konterkariert den Anspruch der spanischen Politik aller Lager, mit "nationalen Champions" aktiv in die Konsolidierung des europäischen Strommarktes einzugreifen.

Und doch spricht einiges dafür, dass der mehrheitlich noch staatliche EdF-Konzern nicht ohne Aussicht nach Iberdrola greifen wird. Zum einen versteht man in Paris offenbar besser die mediterrane Mentalität als der germanische Eon-Konzern, der allen Ernstes dachte, dass man sich bei grenzüberschreitenden Übernahmen innerhalb der Europäischen Union lediglich strikt an die EU-Regeln zu halten habe und deshalb auf die pflegende Beziehung zur nationalen Regierung verzichten könne. Nicht gesichert, aber durchaus denkbar ist, dass Sarkozy seinem Madrider Amtskollegen José Luis Rodríguez Zapatero längst ein Gegengeschäft in Aussicht gestellt hat. Angesichts der starken spanischen Banken und der Vorgänge um die Société Générale böten sich da durchaus Möglichkeiten. Zum anderen weiß man aber auch in Spanien, dass man gegen die Regeln der EU bei Übernahmen nicht ständig und grob verstoßen kann, um die vermeintlichen nationalen Interessen zu verteidigen. Das gilt umso mehr, als Spanien zu den größten Profiteuren der europäischen Integration gehört. Dies erklärt, dass auch die ökonomische Festung Spanien zuweilen eine gewisse Flexibilität aufweist, wie das Beispiel Enel-Endesa zeigt.

Schließlich könnte den Ausschlag geben, dass der Baukonzern ACS an der Iberdrola-Übernahme beteiligt werden soll. Dies dürfte die spanische Regierung sicherlich begrüßen. Nach rund fünfzehn Jahren des Aufschwungs mehren sich die Zeichen, dass der spanische Bau- und Immobilienmarkt vor magereren Zeiten steht. Das trifft die spanischen Baukonzerne. Doch diese haben schon vorgebaut, und zwar mittels ihrer vollen Kassen aus den fetten spanischen Jahren - auch unter dem Schirm ihrer Regierung, die es zuließ, dass ausländische Konkurrenz bei Ausschreibungen großer Bauprojekte wenig Chancen hatte. Die finanziellen Polster erleichterten die Bildung neuer Geschäftsschwerpunkte im In- und Ausland. Die fünf Baukonzerne aus dem wichtigsten spanischen Aktienindex Ibex - neben ACS und Acciona sind dies Ferrovial, FCC und Sacyr Vallehermoso - erzielen ihre Umsätze inzwischen nur noch zum kleineren Teil aus ihrem Stammgeschäft. Dienstleistungen wie der Betrieb von Straßen, Parkhäusern oder Flughäfen werden immer wichtiger - und der Einstieg in die Strombranche. Dort betritt auch ACS kein Neuland: Der Konzern ist bereits Aktionär von Iberdrola und dem Branchendritten Unión Fenosa und dürfte letztlich bestrebt sein, aus diesen Beteiligungen einen eigenen spanischen Versorger zu bilden. Das Wohlwollen Zapateros dürfte ACS da haben, zum Vorteil auch von EdF.

Quelle: F.A.Z., 01.02.2008, Nr. 27 / Seite 13
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