20.03.2003 · Bang blicken viele auf das Land zwischen Euphrat und Tigris, das nicht nur als Heimat der christlichen, mosaischen und islamischen Religion gilt, sondern seit je als Wiege der Zivilisation. Denn der Krieg bedroht auch ein einzigartiges Erbe der Menschheit.
Bang blickt die Welt auf den Irak, seit gestern nacht der Krieg begonnen hat, Menschen mit dem Tode bedroht sind, Bomben und Marschflugkörper verheerende Zerstörungen anrichten. Bang blicken viele auf das "Mesopotamien" - Zweistromland - genannte Land zwischen Euphrat und Tigris, das nicht nur als Heimat der christlichen, mosaischen und islamischen Religion gilt, sondern seit je als Wiege der Zivilisation. Denn der Krieg bedroht auch die jahrtausendealten Zeugnisse eines einzigartigen und vielfältigen Erbes der Menschheit, das dort noch verborgen unter der Erde liegt, durch Ausgrabungen ans Tageslicht gebracht wurde oder - mehr oder weniger gut erhalten beziehungsweise rekonstruiert - den Besucher beeindruckt.
Das alte geflügelte Wort "Ex oriente lux" hat für uns eine ganz konkrete Bedeutung. Dort im Alten Orient begann vor elftausend Jahren das, was wir heute die neolithische Revolution nennen: Der Mensch wurde seßhaft, baute Getreide an, züchtete Haustiere. Diese bäuerliche Lebensform sollte das Zusammenleben revolutionieren, die Grundlagen schaffen für eine differenzierte Gesellschaftsform in Dörfern und in den späteren Großstädten und -reichen. Es entstanden neues Recht, neue Religionen, neue Führungsschichten, neue Handelsverbindungen, aber auch die Schrift, Mathematik, Astronomie, der Kalender und - Kriege.
Der Blick auf die Landkarte versetzt in Staunen, wie viele der weltberühmten Orte und Stätten im heutigen Irak liegen: Ninive, der Regierungssitz des Assyrerkönigs Assurbanipal (669 bis 627 vor Christus), mit seinen Palastbauten und den berühmten Reliefplatten; das im dritten vorchristlichen Jahrtausend blühende Ur, der sagenhafte Geburtsort Abrahams, mit seinen berühmten Königsgräbern und der teilweise wieder aufgebauten Zikkurat (Tempelturm); das gleichsam zum Synonym für altorientalische Stadtstaaten und die sumerische Hochkultur avancierte Uruk als Schauplatz des Gilgamesch-Epos; die zum Welterbe zählende parthische Wüstenstadt Hatra, deren Überreste und Funde von der Mischung orientalischer, griechischer und römischer Elemente zeugen; Assur mit seinem Ischtar-Tempel, die erste Hauptstadt der Assyrer, seit dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend befestigt; schließlich das um die Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus gegründete Babylon, Herrschersitz des Gesetzgebers Hammurabi, Ort des alttestamentlichen Turmes von Babel und des von Nebukadnezar errichteten Ischtar-Tores (heute im Pergamonmuseum Berlin) und nicht zuletzt Sterbeort Alexanders des Großen.
Die Liste der bekannten Ruinenstätten ließe sich problemlos verlängern. Schätzungen sprechen von Hunderttausenden archäologischer Plätze, von denen etwa zehntausend bekannt sind und von denen wiederum nur ein Bruchteil erforscht ist. Zudem gibt es ja auch noch einmalige Zeugnisse des Islam, wie etwa das um 850 erbaute, rund 55 Meter hohe spiralförmige Minarett der großen Moschee von Samarra. Und schließlich die Hauptstadt Bagdad selbst, wo das erst im Jahr 2000 wiedereröffnete Irakische Nationalmuseum zahllose Kunstschätze beherbergt. Man kann nur hoffen, daß die befürchteten Schäden so verhältnismäßig gering bleiben werden wie im letzten Golfkrieg. Zu hoffen ist auch, daß den Kommandeuren der Angreifer jene Liste mit allen historisch wertvollen Plätzen vorliegt, die eine vom Pentagon eingesetzte Wissenschaftler-Kommission erstellen sollte. Und wenn man am Anfang des Krieges schon Gedanken an die Zeit danach wagt, so ist darin der Wunsch enthalten, daß es dann keine Plünderungen der Museen und Ausgrabungen mehr geben möge und daß das von Saddam Hussein betriebene Staudammprojekt am oberen Tigris nicht verwirklicht wird. Mit dessen Fertigstellung würden Assur und das gesamte assyrische Kernland für immer in den Fluten eines Stausees versinken.
MICHAEL SIEBLER