18.01.2005 · Der Devisenmarktbericht
FRANKFURT, 18. Januar. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Die Erfahrung macht derzeit die chinesische Zentralbank. Sie hat sich beharrlich geweigert, die Landeswährung Yuan gegenüber dem Dollar aufzuwerten. Als Konsequenz hat der Zustrom an spekulativem Kapital, das auf eine Aufwertung setzt, in den vergangenen Monaten gewaltige Ausmaße angenommen. Allein im vierten Quartal mußte die Peoples Bank of China deshalb netto rund 100 Milliarden Dollar ankaufen, um das von ihr vorgegebene feste Austauschverhältnis von 8,28 Yuan je Dollar zu gewährleisten.
Die Finanzminister der sieben führenen Industrienationen dürften auf ihrem Gipfeltreffen am 4. und 5. Februar die chinesische Regierung drängen, die lange angekündigte Änderung ihres Wechselkursregimes nun bald zu verwirklichen. Ob es dazu kommt und welche Auswirkungen dies auf den Außenwert des Euro hätte, ist freilich völlig unklar. Klar ist allerdings, daß die Lage der chinesischen Währungsbehörden immer prekärer wird. Der Druck, den Yuan nun doch aufzuwerten, nimmt kontinuierlich zu. Denn der Zustrom an Spekulationsgeldern dürfte erst abnehmen, wenn der Aufwertungserwartung der Boden entzogen wird. Abgesehen davon haben die Währungsbehörden zu bedenken, daß die spekulativ getriebenen Zuflüsse Risiken für die Zukunft bergen: Denn nach einer Aufwertung dürfte viel "heißes Geld" abfließen, was der Währungspolitik dann ebenfalls Schwierigkeiten bereiten könnte, warnt Hans-Günter Redeker, der Chef-Devisenstratege bei BNP Paribas in London.
Hinzu kommt, daß die Aufwertung für Chinas Zentralbank um so verlustreicher wird, je größer ihr Dollar-Schatz ist. Rein rechnerisch betrüge der Buchverlust der Währungsreserven bei einer Dollar-Abwertung um 5 Prozent bereits 30 Milliarden Dollar. Denn im vergangenen Jahr sind Chinas Währungsreserven insgesamt um 206 auf 610 Milliarden Dollar gestiegen. Ursache dafür waren zum größten Teil Dollar-Ankäufe der Zentralbank zur Verteidigung des fixierten Wechselkurses, zum geringeren Teil Buchgewinne durch die Aufwertung des Euro und anderer Währungen gegenüber dem Dollar.
Nach Schätzung Redekers gehen mehr als 60 Prozent des Zuwachses der Währungsreserven auf den Zufluß spekulativer Gelder zurück. Dennoch hält sich die Aufwertungserwartung in Grenzen: So liegt der Terminkurs des Yuan mit Sicht auf ein Jahr derzeit bei 7,90 Yuan je Dollar - was einer Aufwertung um "magere" 4,5 Prozent entspräche. Angesichts der großen Milliarden-Beträge, um die es bei dieser Spekulation offenbar geht, könnten sich einzelne Investoren aber doch eine "goldene Nase" verdienen, frei nach dem Motto: Die Masse macht's.
Wie würde der Euro auf eine Aufwertung des Yuan reagieren: Eine Denkschule prognostiziert, daß dies den Aufwertungsdruck, der den Euro gegenüber dem Dollar nach oben getrieben hat, mindern würde. Mithin könnte der Euro zum Dollar dann sogar an Wert verlieren. Demgegenüber argumentiert Redeker, daß dann die Dollar-Nachfrage aus dem asiatischen Raum wegen verminderter Interventionen der Zentralbanken abnehmen dürfte - was für den Euro auf einen weiteren Aufwertungsschub hinauslaufen würde. Er sieht den Euro deshalb zum Jahresende bei 1,43 Dollar. Gleichzeitig dürfte die Gemeinschaftswährung allerdings gegenüber dem Yen von derzeit 133 auf 120 Yen abwerten. Der Dollar dürfte zum Jahresende deutlich weniger als 90 Yen wert sein. Insgesamt dürfte damit der handelsgewichtete Dollar-Index, den die amerikanische Notenbank berechnet, im laufenden Jahr weiter fallen. Zum Jahresende war er bereits auf ein vieljähriges Tief abgesackt (siehe Graphik).
Tatsächlich hat der Yen seit Jahresbeginn bereits kräftig an Wert gewonnen. Am vergangenen Freitag erreichte er mit 101,69 Yen je Dollar den höchsten Stand in mehr als fünf Jahren. Unterdessen ist der Euro am Dienstag für kurze Zeit unter 1,30 Dollar gerutscht. Händler führten dies einerseits darauf zurück, daß sich der Abwertungsdruck auf die asiatischen Währungen verlagert habe. Andere Stimmen meinten, die Forderung von Bundeskanzler Gerhard Schröder nach einer weitgehenden Aufweichung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes habe den Euro unter Druck gesetzt. Denn der Pakt sei ein Eckstein für die fiskalpolitische Disziplin im Euro-Raum und trage damit zur internationalen Nachfrage nach dem Euro als Anlagewährung bei. Wieder andere Stimmen verwiesen darauf, daß sich in Amerika angesichts zunehmender Inflationsgefahren eine schnellere Gangart der Notenbank bei den Zinserhöhungen abzeichne. Damit dürfte sich der Vorsprung der Dollar- gegenüber den Euro-Leitzinsen rascher und stärker ausweiten als bisher angenommen. Das habe sich im Wechselkurs niedergeschlagen. Allerdings haben am Dienstag zwei Gouverneure der amerikanischen Notenbank die Ansicht geäußert, die Inflation sei unter Kontrolle.
Für Auftrieb beim Dollar sorgten am Dienstag nachmittag die neuen Daten des amerikanischen Finanzministeriums zu den langfristigen Kapitalströmen: Demnach haben ausländische Investoren im November für netto 81 Milliarden Dollar amerikanische Wertpapiere gekauft. Das war beträchtlich mehr, als Fachleute erwartet hatten. Im Oktober hatten die Netto-Käufe der Ausländer nur 48 Milliarden Dollar betragen. Mit einiger Spannung erwarten die Devisenmärkte nun die Ansprache des amerikanischen Präsidenten George W. Bush zu Beginn seiner zweiten Amtszeit am morgigen Donnerstag. Dann müsse sich zeigen, ob Bush sich an sein Versprechen halte, eine aktive Politik des starken Dollar zu betreiben und dazu das staatliche Budgetdefizit beträchtlich zurückzufahren, hieß es. Sollten Bushs Ankündigungen hinter den diesbezüglichen Erwartungen zurückbleiben, könne dies den Dollar wieder unter Druck bringen.
BENEDIKT FEHR