24.02.2005 · Kardinal Lehmann und der Zentralratsvorsitzende Spiegel treffen sich in Mainz/Zitate aus
Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Spiegel, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Lehmann, kommen an diesem Freitag in Mainz zu einem kurzfristig anberaumten Gespräch zusammen.
Anlaß sind öffentliche Vorhaltungen Spiegels, Repräsentanten der katholischen Kirche stellten die Judenvernichtung zur Zeit des Nationalsozialismus und die Abtreibung auf eine Stufe. Solches hatte Spiegel am Samstag Papst Johannes Paul II. vorgeworfen, nachdem Zitate aus dessen jüngstem Buch bekanntgeworden waren. Anfang Januar hatte der Vorsitzende des Zentralrats schon den Kölner Kardinal Meisner wegen eines angeblichen Vergleichs zwischen dem Holocaust und dem millionenfachen Tod ungeborener Kinder angegriffen.
Am 7. Januar hatte "Spiegel-online" unter der Überschrift "Kardinal Meisner vergleicht Abtreibungen mit Hitlers Verbrechen" aus einer Predigt Meisners vom Vortag zitiert. "Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen läßt, dann unter anderen Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht." Spiegel forderte daraufhin den Kölner Kardinal auf, sich unverzüglich von dem "unzulässigen Vergleich" zwischen dem Holocaust und der Abtreibung zu distanzieren, und fragte: "Was soll man von der Jugend erwarten, wenn ein katholischer Würdenträger auf diese Weise und ungestraft den millionenfachen Mord an Juden relativieren kann?"
Über seine Pressestelle ließ Meisner noch am selben Tag den Vorwurf zurückweisen, er habe die "Einzigartigkeit des Genozids an den Juden unter Hitler relativiert". Der Vergleich der Gegenwart mit den Zeiten unter Herodes, Hitler und Stalin beziehe sich alleine darauf, "daß Verfehlungen am menschlichen Leben geschehen sind, die sich darauf zurückführen lassen, daß sich Menschen zum Herrn über das Leben machen". Meisner versicherte, er hätte die Erwähnung der Judenvernichtung unterlassen, "wenn ich geahnt hätte, daß mein Verweis auf Hitler mißverstanden werden könne". Das bedauere er und werde deshalb in der Dokumentation der Predigt den Hinweis auf Hitler tilgen lassen. Spiegel sagte wenige Tage später, Meisner habe "wissen müssen, welche Reaktion dies auslösen würde, sowohl bei den in der NS-Zeit Verfolgten als auch bei Frauen". Gleichwohl erwäge er nun nicht mehr, juristische Schritte gegen den Erzbischof einzuleiten.
Über diese Vorgänge kam es auf der Sitzung des Ständigen Rats der Bischofskonferenz am 24. Januar zu einer Aussprache. Die Beratungen der 27 Diözesanbischöfe wie auch das Ergebnisprotokoll sind vertraulich. Gleichwohl fand sich in der vergangenen Woche in der "Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln" ein Wortlaut-Auszug aus dem Protokoll jener Sitzung, bei der die Bischöfe Kardinal Meisner in einer "gemeinsamen Reaktion" gedankt haben sollen. Jedenfalls hatte der stellvertretende Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Illgner, den Gesprächsverlauf in diesem Sinn zusammengefaßt: "Eine einseitige und falsche Zitierung der Predigt von Kardinal Meisner zum Dreikönigsfest (insbesondere durch den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel) hat kurzzeitig für Aufregung in den deutschen Medien gesorgt. Der Ständige Rat dankt Joachim Kardinal Meisner, der diese Situation souverän und klug gemeistert hat. In der weiteren Aussprache wird an ähnliche Erfahrungen mit dem öffentlichen Verhalten des Zentralrats erinnert und die Sorge um dessen kontraproduktive Wirkung zum Ausdruck gebracht."
Ergänzt wurde diese Nachricht durch einen Kommentar des Chefredakteurs der Kirchenzeitung, Läufer. Der Geistliche klagte, daß Personen wie Meisner, die auf das alltägliche Unrecht und das Elend der Abtreibungen hinwiesen, "öffentlich angegiftet, verhöhnt, sein Bischofshaus beschmiert und im Düsseldorfer Karnevalszug unsäglich besudelt" würden. Diese Darstellungen riefen nun die stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats, Knobloch, auf den Plan. Im "Kölner Stadt-Anzeiger" ließ sie sich am Samstag mit den Worten zitieren, die Position der Bischöfe sei eine "Kampfansage" an den Zentralrat.
Am selben Tag griff Spiegel Papst Johannes Paul II. an. In der "netzeitung" wurde er mit den Worten zitiert, die "Spitze der katholischen Kirche" habe nicht begriffen, daß man den Holocaust nicht mit der Abtreibung vergleichen könne. Ein solcher Vergleich sei "unzulässig". Spiegel bezog sich auf vorab bekanntgewordene Zitate aus dem jüngsten Buch des Papstes, das am Mittwoch in elf Sprachen ausgeliefert wurde (siehe Kasten). Die Äußerungen Spiegels über den Papst wurden zusammen mit seinen früheren Einlassungen über Meisner weltweit in zahlreichen Zeitungen wiedergegeben.
Daraufhin nahm der deutsche Kurienkardinal Ratzinger, der auch Doyen des Kardinalskollegiums ist, den Papst in Schutz. Bei der Vorstellung des Buchs im Vatikan sagte Ratzinger am Dienstag, der Papst stelle Schoa und Abtreibung nicht auf eine Stufe, sondern warne vielmehr vor der Gefahr des Bösen, gegen die auch Demokratien nicht gefeit seien.
Kardinal Lehmann dürfte sich in seiner Unterredung mit Spiegel an diesem Freitag ebenso äußern. Doch auch unabhängig von jüngsten Irritationen steht dieses Gespräch unter keinem guten Stern. Seit langem dringt der Zentralrat auf regelmäßige und direkte Kontakte mit der Deutschen Bischofskonferenz, etwa nach dem Vorbild der Begegnungen von Repräsentanten der Bischofskonferenz mit den Präsidien der Parteien, des DGB oder der Arbeitgeber. Diese Gespräche finden ohne festen Rhythmus statt, meist im Abstand mehrerer Jahre.
Gleichwohl hat der christlich-jüdische Dialog seit Jahren seinen festen Rahmen in dem Gesprächskreis "Juden und Christen" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) sowie der vielen regionalen "Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit". Trotzdem fand Ende Januar erstmals ein Gespräch zwischen den Präsidien des ZdK und des Zentralrats statt. Dessen Atmosphäre wurde anschließend als "offen und konstruktiv" bezeichnet.