14.07.2006 · Erster Zinsschritt seit sechs Jahren/Nikkei rutscht ab/Yen unter Druck
fib. TOKIO, 14. Juli. Japans Zentralbank hat erstmals seit sechs Jahren die Leitzinsen angehoben. Nach der zweitägigen Sitzung des monetären Ausschusses teilte Notenbankgouverneur Toshihiko Fukui am Freitag mit, der Tagesgeldsatz werde von faktisch null auf 0,25 Prozent erhöht. Darüber hinaus steige der Diskontsatz von 0,1 auf 0,4 Prozent. Damit beendete die Bank von Japan (BoJ) ihre Nullzinspolitik, die sie Ende der neunziger Jahre zur Bekämpfung von Deflation, Bankenkrise und Wachstumsschwäche gestartet hatte. Die Krise sei überwunden, und die Wirtschaft befinde sich auf Expansionskurs, erklärte Fukui. Die BoJ werde die Leitzinsen bis auf weiteres "sehr niedrig" halten.
Weitere Zinsschritte wollte der Zentralbankchef allerdings nicht ausschließen. Sie hingen einerseits von den Inflationserwartungen, andererseits von der konjunkturellen Entwicklung ab. "Wir beobachten die Lage aufmerksam und passen die Zinsen der Wirtschaft und den Preisen an", sagte Fukui. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Japans wird nach Einschätzung der Zentralbank in diesem Jahr mehr als zwei Prozent zulegen. Im vergangenen Jahr wuchs das BIP der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt 2,6 Prozent. "Der Zinsschritt der BoJ geht in die richtige Richtung", sagte Kaoru Yosano, Staatsminister für Wirtschaftspolitik. "Wir nähern uns normalen Verhältnissen." Die Gefahr, daß das Land abermals in die Deflation rutsche, sei gering.
Die Tokioter Zentralbank war 1999 zu einer unkonventionellen Geldpolitik mit einer überreichlichen Liquiditätsversorgung der Märkte übergegangen. 2001 zurrte sie die Leitzinsen nahe null Prozent fest und öffnete alle Geldschleusen. Ihr Ziel war es, die Deflation mit ihren für die Unternehmen verheerenden Preissenkungen in den Griff zu bekommen, den angeschlagenen Bankensektor vor dem Kollaps zu bewahren, die Strukturreformen der Regierung zu flankieren und die Wirtschaft des Landes auf einen trittfesten Wachstumspfad zurückzubringen. Im November 2005 erreichte der Konsumpreisindex wieder positives Territorium. Für das im März beendete Geschäftsjahr wiesen die Banken und Unternehmen Rekordgewinne aus.
"Japans Wirtschaft hat Tritt gefaßt", sagte Jesper Koll von Merrill Lynch. Das Bankensystem funktioniere, die Unternehmen fragten mehr Kredite nach, das monetäre Krisenmanagement der Zentralbank sei zu Ende. Angesichts der momentan starken konjunkturellen Entwicklung bauten sich nun inflationäre Erwartungen am Markt auf. "In diesem Umfeld ist eine Nullzinspolitik gefährlich. Daher werden wir wohl jedes kommende Quartal einen Zinsschritt seitens der BoJ sehen", sagte Koll. Tetsufumi Yamakawa, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, prognostizierte bis zum Jahresende einen zweiten Zinsschritt der Zentralbanker. "Wir sehen den Tagesgeldsatz im November bei 0,5 Prozent", sagte er.
Anleger hatten die Zinserhöhung vom Freitag erwartet. Dennoch verloren die Aktienindizes an der Tokioter Börse zum Wochenausklang deutlich an Wert. Gründe seien der sich anbahnende Krieg im Nahen Osten und die damit einhergehenden Steigerungen der Ölpreise, hieß es im Wertpapierhaus Nikko Cordial. Der Nikkei-225-Index gab mehr als 1,5 Prozent ab. Er sank unter die Marke von 15000 Punkten. Der breiter gefaßte Topix rutschte 2 Prozent in die Tiefe. Darüber hinaus kam an den Devisenmärkten die japanische Währung unter Druck. Ein Dollar kostete 116 Yen, Anfang der Woche hatte er noch einen Preis von 115 Yen. Gegenüber dem Euro fiel die japanische Währung nahe ihrem historischen Tiefstand von 147 Yen.