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In der Fernsehfalle

18.11.2003 ·  Warum Europa Angst vor Israel hat / Von Fania Oz-Salzberger

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Laut einer Umfrage, die die EU-Kommission kürzlich für das "Eurobarometer" durchführen ließ, sind 59 Prozent der EU-Bürger der Ansicht, daß Israel eine Bedrohung für den Frieden in der Welt darstellt. Mit jeweils 53 Prozent folgen Nordkorea, Iran und die Vereinigten Staaten. In Deutschland waren es sogar 65 Prozent der Befragten, die Israel als Gefahr für den Weltfrieden ansehen. Syrien finden dagegen nur 33 Prozent der Deutschen bedrohlich und Saudi-Arabien nur 31 Prozent. Viele Israelis waren schockiert über diese Umfrage, besonders über die deutschen Zahlen.

Warum betrachten so viele EU-Bürger Israel als Gefahr für die Welt? Politiker distanzierten sich prompt von den Umfrageergebnissen. Kommissionspräsident Romano Prodi sprach von einer Voreingenommenheit, die zu verurteilen sei. Die jüdische Welt reagierte empört. Das Simon Wiesenthal Center bezeichnete, ebenso wie der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon, die Ergebnisse als deutlichen Ausdruck eines gegen Israel gerichteten Antisemitismus. Und seit den Verlautbarungen der israelischen Regierung, die antisemitischen Äußerungen in Europa eine Mitschuld an den Attentaten von Istanbul gibt, hört man hier noch genauer hin.

Aber unterstellen wir einmal, Prodi und Scharon hätten unrecht. Nehmen wir einmal an, es ginge nicht um Antisemitismus. Stellen wir einfach fest, daß 65 Prozent der Deutschen und 59 Prozent aller EU-Bürger ehrlich und ohne die Spur eines antisemitischen Vorurteils der Meinung sind, der Frieden in der Welt werde heute durch Israel bedroht. Nun frage ich diese vielen Europäer: Was macht Israel zu einer Gefahr für den Weltfrieden? Was genau? Woran denken Sie?

Israel richtet keine Raketen auf Europa. Es gibt keine israelischen Terrorgruppen, die weltweit Gebäude in die Luft sprengen wollen. Israel zwingt niemandem die jüdische Religion auf. Es ist gegenwärtig in einen blutigen Konflikt mit den Palästinensern verwickelt, weil ein ehrgeiziger Friedensprozeß gescheitert ist. Weil die Gebiete, die 1967 aus Gründen der Selbstverteidigung erobert wurden, in provozierender Weise besiedelt und nicht schon längst ihren palästinensischen Bewohnern zurückgegeben wurden. Und weil viele Araber, auch die meisten Palästinenser, das Existenzrecht Israels (innerhalb welcher Grenzen auch immer) nie anerkannt haben. Es ist ein fürchterlicher regionaler Konflikt. Er hat herzzerreißendes Unrecht und Blutvergießen gebracht. Aber warum stehen wir auf der EU-Liste ganz oben?

An Scharon allein kann es nicht liegen. Auch nicht an den Siedlungen. Ist die jüdische Besetzung arabischer Gebiete im Sechstagekrieg (für die meisten Israelis ein gerechter Krieg) und die anschließende Siedlungspolitik (deren Ende die meisten Israelis befürworten) schlimmer als die massenhafte Tötung von Kurden, Tutsis, Kosovaren oder Amerikanern? Woher kommt diese selektive Wahrnehmung? Und welcher Teil Israels ist so bedrohlich? Ist es die gleichberechtigte arabische Minderheit, die hochentwickelte kulturelle Institutionen hat, eigene Schulen mit Kopftuch und so weiter? Sind meine arabischen Studenten und Kollegen ebenfalls eine Bedrohung für den Weltfrieden, oder bin nur ich es, die Jüdin?

Oder ist Oran Almog die größte Gefahr für den Weltfrieden? Der zehnjährige Oran befindet sich zur Zeit in einem Krankenhaus in den Vereinigten Staaten (laut EU-Umfrage die zweitgrößte Gefahr). Vielleicht kann eines seiner Augen gerettet werden. Sein Bruder, Vater, Cousin und seine Großeltern können nicht mehr gerettet werden. Sie alle saßen in einem Restaurant in Haifa, als sich eine palästinensische Rechtsanwältin in die Luft sprengte und neben Orans Familie viele andere Menschen, darunter auch fünf israelische Araber, mit in den Tod riß. Das Restaurant war, wie überhaupt die ganze Stadt, schon immer ein Modell friedlichen Zusammenlebens. Ist Haifa eine größere Gefahr für den Weltfrieden als Teheran, Mekka und Damaskus?

Manche von uns Israelis glauben, daß das Problem im Grunde auf die Pressefreiheit in unserem Land zurückzuführen ist, auf die Tatsache, daß Journalisten und Kameraleute freizügig über brutale Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern berichten können. Vielleicht sollten die europäischen Medien ihre Leser und Zuschauer einmal daran erinnern, daß so viele schreckliche Bilder vom israelisch-palästinensischen Konflikt gezeigt werden können, weil es in Israel Meinungsfreiheit gibt. Dafür muß es nun einen furchtbaren Preis bezahlen.

In Nordkorea bekommen Journalisten kein Gefängnis zu sehen. Iran läßt westliche Kamerateams nicht auf seine Straßen und Polizeiwachen. Libyen diskutiert auf wissenschaftlichen Konferenzen nicht über sein atomares Potential. Saudi-Arabien läßt westliche Medien nicht in seine Harems oder Kabinette schauen. Jedenfalls haben die europäischen Medien wenig zu alldem zu sagen. Man stürzt sich lieber auf die Nachrichten und Bilder, die in so großer Zahl aus Israel kommen.

Auch die palästinensische Autonomiebehörde überläßt den europäischen Fernsehstationen keine Bilder von den eigenen Bürgern, die durch eigene Sicherheitskräfte getötet wurden, oder Bilder der Menschen, die nach weltweiten Terroranschlägen vor Freude tanzen. Aber halt, die palästinensische Autonomiebehörde steht ja gar nicht auf der Liste derjenigen Länder, die den Weltfrieden bedrohen.

Ebensowenig diese netten Nichtregierungsorganisationen wie Al Qaida, Hamas und Hizbullah. Die Umfrage bezog sich nur auf unabhängige Staaten. Aus Sicht der EU-Meinungsforscher können nur unabhängige Staaten den Weltfrieden bedrohen. Und aus Sicht der meisten Befragten stellen nichtarabische Staaten eine sehr viel größere Gefahr für den Weltfrieden dar als arabische. Wieso?

Hier kommen wir zum dunklen, verborgenen Subtext der Umfrage. Die arabische Welt steht auf der Liste weit unten, Israel dagegen ganz oben, weil Europäer so viel Angst vor arabischem Zorn haben. Israel ist der sichtbare Auslöser dieses Zorns. Israel gilt als Stachel im Fleisch des gesichtslosen, amoralischen Monsters muslimischer Gewalt. Über Israel und die Vereinigten Staaten regt man sich auf, weil sie, europäisch geprägte Zivilgesellschaften, ein menschliches und moralisches Antlitz haben, das vertraut ist. Der arabische Zorn und Haß, der sich in wahllosem Töten und destabilisierenden Terroranschlägen äußert, hat kein solches Gesicht. Er steht nicht in einem moralischen Dialog mit Europa. Arabische Staaten und muslimische Organisationen werden nicht als Verursacher von Tod und Krieg wahrgenommen. Gefährlich sind ihre nichtarabischen Feinde, weil sie den unmenschlichen, nichteuropäischen Haß im Nahen Osten provozieren.

Vielen Dank, liebe Europäer, daß ihr darauf beharrt, daß Israel ein menschliches Antlitz hat und seine moralische Verantwortung anerkennt, auch wenn wir nun als die Bösewichte der Welt dastehen. Wir nehmen diese Verantwortung ernst, und wir werden nicht aufhören, offen und schmerzhaft über unsere Politik und unsere Moral zu diskutieren. Aber räumt unseren arabischen Nachbarn bitte das gleiche Privileg ein. Stellt ihnen bitte die gleichen Forderungen, ruft sie auf, einen ernsthaften Dialog über Moral und globale Verantwortung zu führen. Bittet sie, eure Kamerateams in ihre Kabinette, ihre Armeen, ihre Gesellschaften und in ihre Wohnzimmer zu lassen. Fragt sie, warum ihr Zorn so oft in Gewalt umschlägt, so selten zu einem Dialog führt. Sie sind vollwertige Partner in eurem Streben nach Frieden auf der Welt. Und auch sie sind moralischem Denken und Handeln verpflichtet.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Die Verfasserin lehrt Geschichte an der Universität Haifa und ist dort Leiterin des Posen Forschungsforums für jüdisch-europäisches und israelisches politisches Denken.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2003, Nr. 269 / Seite 41
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