Home
http://www.faz.net/-1w6-6r1yf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Immobilienbrief Umsetzen statt umdenken

22.09.2011 ·  Von Andreas Lindenstruth

Artikel Lesermeinungen (0)

Die deutsche Immobilienwirtschaft beschwört immer häufiger das "Büro der Zukunft" und preist dabei angeblich neue Konzepte offener Arbeitslandschaften. Doch solche Konzepte sind keineswegs neu. Sie waren vom Grundsatz her schon vor Jahrzehnten in Deutschland die Zukunft. Aber in der Realität sind sie noch immer nicht angekommen.

Es gibt im Wesentlichen drei Problemfelder. Erstens: Deutsche Bürolandschaften unterstützten die interne Kommunikation immer noch nicht ausreichend. Die wichtigste Quelle für neue Ideen in einem Unternehmen sind die eigenen Mitarbeiter. Doch in Deutschland arbeiten die meisten Mitarbeiter nach wie vor abgeschottet. Noch immer gibt es Einzel- und Zweierbüros in neun von zehn deutschen Unternehmen, hat der Verband Büro-, Sitz- und Objektmöbel (BSO) kürzlich herausgefunden. Grundrisse mit offenen Bereichen fördern dagegen den Austausch mit dem Nachbarn. Der interne Vernetzungseffekt lässt sich darüber hinaus zum Beispiel durch eine geschickte Wegführung im Büro zusätzlich stärken. Es gibt äußerst gelungene Projekte in der Praxis, in denen es keine einzige "Sackgasse" in der Bürolandschaft gibt, sondern ausschließlich Rundgänge. Dass es bei offenen Bürolandschaften insgesamt darauf ankommt, auch bewusst Rückzugsräume für die Mitarbeiter zu schaffen und Aspekte wie eine mögliche akustische Beeinträchtigung zu berücksichtigen, versteht sich dabei von selbst.

Das zweite Problemfeld: Die heutigen Bürogrundrisse ignorieren den Wandel des Arbeitslebens hin zu mehr Flexibilität und Mobilität. Die Bürogestaltung muss die allgemeinen gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse aufnehmen. Das Arbeiten über Zeitzonen hinweg, die permanente Erreichbarkeit für Kunden, sich verändernde Wertehaltungen und Lebensweisen der arbeitenden Menschen stellen deutsche Unternehmen und ihre Mitarbeiter vor neue Herausforderungen, prognostiziert die Technische Universität Darmstadt für die kommenden Jahrzehnte. Doch statt auf die veränderten Rahmenbedingungen mit veränderten Bürokonzepten zu reagieren, hält die Mehrheit der Unternehmen an der bisherigen Gestaltung ihrer Büroflächen und Arbeitsplätze fest. Laut BSO planen 75 Prozent der deutschen Unternehmen noch keine Änderungen oder sind der Auffassung, dass Änderungen trotz der aktuellen Trends voraussichtlich nicht erforderlich sein werden. Je mobiler wir leben, je größer die Ausmaße der permanenten Erreichbarkeit werden, umso mehr brauchen wir einen Ort, den wir als Rückzugsraum empfinden, an dem wir uns wohl fühlen. Dies gilt sowohl privat wie auch beruflich. So ergab eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, dass der Wohlfühlfaktor für Bürobeschäftigte von großer Bedeutung ist - und dass das Büro dem Mitarbeiter das Gefühl einer "Home Base" geben muss.

Der dritte Punkt betrifft die Mitarbeitergewinnung und -bindung. Jones Lang LaSalle kommt in einer Studie über die Zukunft des Büromarkts Hamburg zu der Erkenntnis, dass eine gute Ausstattungsqualität immer stärker in das Kalkül der Nutzer rückt und zu einem wichtigen Instrument der Mitarbeitergewinnung und -bindung wird. Frank Duffy, ehemaliger Präsident der britischen Architektenvereinigung, sieht Büroarchitektur sogar als "eine der stärksten Waffen im Krieg um Talente". Es steht außer Frage, dass der Kampf der Unternehmen um die besten Köpfe schon jetzt immer härter wird. Unternehmen, die ihren Mitarbeitern attraktive Büroräume bieten, können die Mitarbeiterzufriedenheit erhöhen und somit die Bindung zum Unternehmen stärken.

Aber: Oft weiß die Unternehmensführung gar nicht, wie zufrieden ihre Mitarbeiter mit den Räumen sind. Nur etwa jedes zweite Unternehmen führt Nutzerzufriedenheitsanalysen durch, hat eine Studie der Strabag Property and Facility Services mit der TU Darmstadt ergeben. Die Wünsche und Anforderungen künftiger Mitarbeiter an ihre Bürolandschaft stehen meines Erachtens sogar noch deutlich seltener im Fokus der Unternehmen.

Der Autor ist Leiter Flächenmanagement bei der Strabag Property and Facility Services GmbH.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel