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Hollywood kehrt China den Rücken

13.02.2008 ·  Steven Spielbergs Filme haben es mit dem Glauben an etwas universell Menschliches zu tun, das jenseits aller kulturellen und politischen Grenzen unmittelbar einleuchtet. Bei "ET" griff dieser allumfassende Humanismus sogar auf einen ...

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Steven Spielbergs Filme haben es mit dem Glauben an etwas universell Menschliches zu tun, das jenseits aller kulturellen und politischen Grenzen unmittelbar einleuchtet. Bei "ET" griff dieser allumfassende Humanismus sogar auf einen sentimentalen Außerirdischen über, der eine Botschaft kosmischer Liebe in die zerstrittene Welt sandte - eine besonders reine Verkörperung jenes Hollywood, das alle Gegensätze in einen vermeintlichen Common Sense auflösen will, der überall verstanden wird.

Es verwundert nicht, dass sich China dieser Bewusstseinsmacht als Bundesgenossen für seine Olympischen Spiele versichern wollte: Der Aufstieg der eigenen Nation sollte dort im Rahmen eines Menschheitspathos (Motto: "Eine Welt - ein Traum") zelebriert werden, das mit der Hollywood-Ästhetik zahlreiche Schnittmengen hat. Kein Wunder, dass Spielberg seine Bereitschaft, die Eröffnungsfeier dramaturgisch zu beraten, 2006 so begründete: "Unser einziges Ziel ist es, der Welt einen Geschmack von Frieden, Freundschaft und Verständnis zu geben." Er kündigte die "emotionalste Show" an, "die die Welt jemals gesehen hat".

Jetzt ist die strategische Partnerschaft von China und Hollywood vorerst zu Ende: Wegen Pekings unterlassener Hilfeleistung gegen das Schlachten in Darfur hat Spielberg seine Zusammenarbeit eingestellt. Schon als ihn im vergangenen Jahr die Schauspielerin Mia Farrow davor warnte, "als die Leni Riefenstahl der Pekinger Spiele in die Geschichte einzugehen", hatte er sich in einem Brief an Staatspräsident Hu Jintao dafür eingesetzt, dass China mehr gegen den Massenmord unternimmt. Aber Spielberg musste einsehen, dass mit Appellen wenig getan ist, wenn handfeste energie- und geopolitische Interessen im Spiel sind.

Peking macht seither zwar geltend, in Sudan den Einfluss seiner stillen Diplomatie zu nutzen, doch unter einen Druck, der spürbare Ergebnisse zeitigt, hat es das Regime, von dem es Öl bezieht und dem es Waffen liefert, bisher nicht gesetzt. So haben Menschenrechtsgruppen das beabsichtigte Humanismus-Spektakel mittlerweile umgetauft in "Genozid-Spiele", der Unmut, zuletzt formuliert von neun Nobelpreisträgern, wird immer lauter, und Peking reagiert darauf, indem es sich gegen eine "Politisierung" von Olympia verwahrt. Seine Außenpolitik hat die "Nichteinmischung in innere Angelegenheiten" als oberstes Gebot: Da erscheint die Politik, die es mit nationalen Interessen zu tun hat, als säuberlich geschieden von einer Moralkultur, die ebenso universell wie abstrakt und harmlos ist und als solche gern an Hollywood delegiert werden kann. Jetzt, da der Vertreter Hollywoods nicht mehr mitmacht, ist diese Trennung brüchiger als zuvor. MARK SIEMONS

Quelle: F.A.Z., 14.02.2008, Nr. 38 / Seite 42
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