14.10.2011 · Ein Sechsteiler im ZDF zeigt das Leben der Renaissance-Familie Borgia. Auch in Amerika machte man sich an den Stoff - das Ergebnis zeigt bald Pro Sieben.
Von Friederike HauptSeit nackte Brüste zur besten Sendezeit selbst ZDF-Zuschauer nicht mehr in Schockstarre versetzen, haben einige Fernsehfilmmacher ein Problem: Heute muss ziemlich viel passieren, um dem Publikum den Eindruck zu vermitteln, es schaue da gerade erotisch außergewöhnlich engagierten Mitmenschen beim Moralüberwinden zu. Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass schon in den ersten dreißig Minuten des ZDF-Sechsteilers „Borgia“ drei der Protagonistinnen barbusig vor die Kameras treten, denen da auch die eine oder andere für die Handlung eher irrelevante Detailaufnahme gelingt.
Es ist nicht so, dass die Frauen nichts anzuziehen hätten - zwölf Kilometer Stoff wurden für „Borgia“ zu Kostümen verarbeitet. Die Geschichte der spanischen Adelsfamilie, die in der Renaissance wie kaum eine andere Sippe zu Einfluss kam und zwei Päpste stellte, lässt sich ohne Pomp nicht im Fernsehen erzählen, da müssen Roben her und der ganze Vatikan des späten fünfzehnten Jahrhunderts. Und es muss gezeigt werden, dass Geschichte nicht grauverschleiert und staubig ist, sondern blutig und voller sehr junger Frauen, über die die Männer zwischen zwei Kämpfen nach Herzenslust verfügen.
Kurios erscheint, dass die ebenso mächtige wie skrupellose Familie nun in doppelter Ausführung auftritt; parallel und unabhängig voneinander drehten dieses Jahr zwei Teams ihre „Borgia“-Serien: ein vom amerikanischen Abosender Showtime ins Rennen geschicktes unter Leitung von Neil Jordan und ein von der Münchner Produktionsfirma Eos Entertainment zusammen mit Canal+ und Atlantique Productions aus Frankreich beauftragtes um den Autor und Produzenten Tom Fontana, Letzteres mit dem im Vergleich deutlich kleineren, aber immer noch größten Serienbudget Europas: 25 Millionen Euro.
Dass man bei solchen Projekten zwar an Superpromis, aber nicht an der Ausstattung sparen darf, weiß Fontana - und baute in den Prager Barrandov-Studios die überprächtige Borgia-Welt nach. Unter freiem tschechischem Himmel lag der weite römische Petersplatz, dazu entstand die Sixtinische Kapelle, und selbst wer durch die Kulissen lief und das Sperrholz hinter der Goldfarbe und die im Nichts endenden Gänge sah, war beeindruckt. Gässchen bauten sie und steinerne Häuser, feine Muster pinselten sie über Wochen auf Palastwände, stundenlang nestelten sie in der Maske jeden Morgen an den Löckchen auf den Perücken, damit das Zuschauerauge schwelgen kann im perfekt ausgeleuchteten Reichtum der Borgias. Und der Aufwand hat sich gelohnt.
Auch Kostümfilmhasser müssen zugeben, dass „Borgia“ auf eine Unterhaltungsfernsehen-Art gut aussieht. Es ist daran nichts Avantgardistisches oder Originelles, aber das soll auch nicht so sein. Ein „großangelegtes filmisches Abenteuer“ wollte das ZDF, und das hat es bekommen, wobei das Abenteuerliche eben nicht die Form ist, sondern der Inhalt sein soll, eine „große Liebesgeschichte“, eine „durchtriebene Familiengeschichte“, „ein atemberaubender Krimi“, wie ihn das Presseheft in einer Sprache schildert, die jener der Bilder entspricht: pompös und für jeden verständlich.
Doch mit der Handlung ist es kniffliger. Das weiß auch die ZDF-Presseabteilung und hat netterweise den Rezensenten einen Stammbaum mit den siebzehn Protagonisten aufgezeichnet; Linien zeigen an, wer mit wem blutsverwandt, verheiratet oder durch eine „Liebesbeziehung“ verbunden ist. Doch weil die Zuschauer eine solche Hilfe nicht haben, gleich in der ersten Folge aber ein Handlungsträger nach dem nächsten Wichtiges tut, reden die Akteure sich penetrant mit Namen und Verwandtschaftsgraden an: „Kardinal Borgia, dein Onkel, sucht dir einen Mann“, erfährt die jugendliche Lucrezia, und auch die wichtigsten Zusammenhänge beten sich die Protagonisten beim Kartenspiel noch einmal vor („unsere drei Familien, wir sind doch die Herren von Rom“).
Es ist ja schön, das zu erfahren, doch recht hölzern wirken viele der Gespräche. Lustiges ist nicht vorgesehen, dafür Blutiges: Ob ein Ohr abgehackt, eine Hand verstümmelt oder ein Tier aufgeschnitten wird, der Zuschauer sieht es mit an. So waren eben die Zeiten, oder sie könnten so gewesen sein. Sehr genau nimmt es Fontana nicht mit der Historie, wichtiger als Geschichte sind hier Bettgeschichten.
So stellt es sich zumindest in der ersten Folge dar, für die Oliver Hirschbiegel als Regisseur gewonnen werden konnte. Die Borgias stehen an einem Wendepunkt der Familiengeschichte, denn Kardinal Rodrigo Borgia (John Doman) macht sich nach dem Tod von Papst Innozenz VII. bereit, dessen Nachfolge anzutreten. Die vier Kinder, die er mit einer früheren Geliebten hat, versammelt er ebenso um sich wie seine aktuelle Favoritin, und dann geht es schon bald um alles, vom spanischen Thron über eine Fieberepidemie, die strategische Verheiratung von Lucrezia (Isolda Dychauk) bis zu den Eskapaden der Söhne Cesare (Mark Ryder) und Juan (Stanley Weber). Auch Andrea Sawatzki zählt zu den Akteuren, sie spielt die Cousine Rodrigo Borgias. Ihr und den anderen Schauspielern ist es zu verdanken, dass die europäische Produktion sich nicht hinter der teureren amerikanischen, deren Bilder mitunter arg poliert aussehen, verstecken muss.
Denn in Letzterer, die vom 9.November an unter dem alles sagenden Titel „Die Borgias. Sex. Macht. Mord. Amen“ in neun Teilen bei Pro Sieben läuft, überzeugt zwar Oscar-Preisträger Jeremy Irons als Borgia-Oberhaupt. Doch Doman, bekannt aus der Serie „The Wire“, läuft im ZDF in der zweiten Folge zur Hochform auf: als es um die Wahl des Papstes geht und er allerlei Intrigen spinnt, um die Gegenkandidaten gegeneinander auszuspielen. Und auch wenn das Problem der allzu vielen Handlungsstränge bleibt: Viele Zuschauer werden wohl wegen der bezaubernden Lucrezia und ihrer attraktiven Brüder einschalten - wie bei allen Serien, die für den Mainstream gemacht sind. In Frankreich und Italien, wo „Borgia“ schon ausgestrahlt wurde, feierten die beteiligten Sender jedenfalls Quotenrekorde, der französische Canal+ gar die beste Einschaltquote aller Zeiten.
Es ist klug vom ZDF, den ursprünglich als Zwölfteiler geplanten Sechsteiler innerhalb von zwei Wochen zu zeigen - so sind die Zeiträume zwischen den Folgen, in denen man all die Verwicklungen wieder vergessen könnte, nicht allzu groß. Und an die Protagonistinnen, die der Verruchtheit des Papstclans schon zu Beginn ein Gesicht und einen Körper geben, dürften sich auch Renaissance-Muffel noch einige Zeit erinnern.
Borgia beginnt am Montag, 20.15 Uhr, im ZDF. Die weiteren Teile folgen Mittwoch und Donnerstag und an den gleichen Tagen der folgenden Woche jeweils um 20.15 Uhr. Die Dokumentation Der Fall Borgia zeigt das ZDF am Mittwoch um 22.15 Uhr. Die Borgia-Serie bei Pro Sieben beginnt am 9.November um 20.15 Uhr.